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StartseiteUmwelt und VerbraucherDer Anti-Sweatshop aus Istanbul16.01.2019

Textilproduktion in der TürkeiDer Anti-Sweatshop aus Istanbul

In der Türkei werden viele Textilien produziert, aber die wenigsten Strickereien arbeiten mit Bio-Stoffen und behandeln ihre Mitarbeiter fair. Einige Vorreiter gibt es aber. Sie produzieren auch für deutsche Mode-Label, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert haben.

Von Karin Senz

(ARD / Karin Senz)
Das Kölner Label Armed Angels lässt in der Türkei produzieren (ARD / Karin Senz)
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Yasemin sitzt an einer runden Strickmaschine. Im Hintergrund läuft Musik aus dem Radio. In dem großen hellen Raum bei Bera Tekstil, einer Istanbuler Strickerei, stehen etwa 20 dieser Maschinen. Im Moment wird grade ein roter Pulli produziert:

"Uns gefallen die Sachen, die wir produzieren. Wenn sie vom Bügeln kommen, faltenfrei und verpackt sind, sehen sie noch besser aus, sauber, wie Qualitätsware eben wirkt. Manchmal fragen wir unsere Vorgesetzten, ob wir was behalten dürfen. Manchmal sagen sie dann ja."

"Wir sind hier wie eine große Familie"

Die 30-jährige hat eine eng anliegende Strickjacke im Auge. Sie könne es tragen, sie sei schlank genug dafür, erzählt die junge Frau mit Kopftuch, und ihre großen Augen blitzen. Es ist Yasemins erster Job überhaupt:

"Wir fühlen uns hier gut behandelt und sind sehr zufrieden mit unseren Chefs. Wir merken, dass sie uns respektieren - wir sind hier wie eine große Familie. Das ist hier ein familiäres Klima und kein Angestellten-Chef-Klima. Sie nehmen unsere Sorgen ernst."

Eine junge Frau mit Kopftuche sitzt in einer Istanbuler Textilfirma an einer runden Strickmaschine und fertigt einen roten Pullover. (ARD / Karin Senz)Für die 30-jährige Yasemin ist es ihr erster Job. (ARD / Karin Senz)

Sie, das sind Mahir Yıldırım und sein Partner. Seit zehn Jahren setzen die beiden auf bio: "In Istanbul gibt es höchstens drei bis vier Unternehmen, die Bio-Strickwaren herstellen."

Aber nicht nur das. Sie legen auch immer mehr Wert auf soziale Standards für ihre 65 Mitarbeiter:

"Es ist nicht nur so, dass wir unsere Angestellten ordentlich bezahlen. Die Löhne sind auch ordnungsgemäß angemeldet, sodass unsere Angestellten nicht auf Basis des Mindestlohns kranken- und rentenversichert sind, sondern auf Basis dessen, was sie wirklich verdienen. Das bedeutet am Ende vor allem mehr Rente. Bei solchen Dingen sind wir vielen anderen Unternehmen weit voraus."

Auftraggeber statt Behörden kontrollieren die Betriebe

Das kann Ergün Esch-Eri, Chef der Gewerkschaft für Textil-Angestellte, nur bestätigen. Nach seinen Angaben ist nur ein Drittel aller Beschäftigten in der Textilindustrie offiziell angemeldet:

"Weil die Behörden nicht ausreichend kontrollieren, verleitet das manchen Arbeitgeber dazu, da einzusparen, wo man's eigentlich gar nicht darf. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass was der Staat eigentlich machen müßte - nämlich Auflagen durchzusetzten - quasi von den Auftraggebern übernommen wird." 

Bücher offenlegen - in der Türkei eine Seltenheit

Das Kölner Unternehmen Armed Angels arbeitet seit einigen Jahren mit Bera Tekstil zusammen. Lavinia Muth ist Nachhaltigkeitsmanagerin bei dem Fairtrade- und Bio-Bekleidungs-Label. Sie ist grade zu Besuch in Istanbul, wirft einen Blick auf die neue Kollektion. Sie kontrolliert alle Partnerunternehmen regelmäßig persönlich. Dabei müssen sie ihr auch die Bücher offen legen:

"Das braucht ein bisschen, da muss man die Herren und Damen etwas überzeugen. Weil jetzt gerade in der Türkei - hier haben wir es mit einem jungen, modernen Management zu tun - aber in der Regel, wenn ich zum Beispiel Löhne sehen will, dann sagen die mir immer: 'Nee, Lavinia, das ist so, als würde ich die Tür zu meinem Schlafzimmer öffnen.'"

Faire Bedingungen ist gutes Marketing

Mahir Yıldırım gewährt ihr diesen Einblick. Er ist offen, sagt er: "Es gibt das Projekt 'Fair-Wear' für soziale Verantwortung. Da besuchen wir regelmäßig Seminare. Da geht es unter anderem um Themen wie Arbeitnehmerrechte, Marketing durch faire Arbeits- und Produktionsbedingungen und so weiter. Diese Seminare helfen, und auch die Kontrollen, die Fair-Wear jedes Jahr bei uns macht. Alles trägt dazu bei, das Wissen des ganzen Teams zu verbessern. Die letzten drei bis vier Jahre haben wir viel an uns gearbeitet. Ende Januar 2019 werden wir rund 80 Prozent unserer Vorgaben erreicht haben."

Lavinia Muth von Armed Angels ist wichtig, dass es eine Partnerschaft auf Augenhöhe ist, man sich gegenseitig kontrolliert: "Wenn zum Beispiel eine Betriebsinspektion stattfindet, wo Mitarbeiter-Interviews und auch Management-Interviews geführt werden, dann wird auch das Management und die Mitarbeiter hier auf unsere Partnerschaft angesprochen: Ob Produktionspläne tolerant genug gestaltet sind, inwieweit wir uns an den Löhnen beteiligen et cetera pp."

Geregelte Arbeitszeiten, Fortbildungen, Arbeitnehmerrechte

Yasemin stapelt grade fertige Pullis auf einen Haufen. Von da gehen sie in den Raum nebenan zum Bügeln. Die Wege sind hier kurz. Sie arbeitet von neun Uhr morgens bis abends um sieben, es gibt eine Frühstücks-, Mittags- und mehrere Tee-Pausen. Am Wochenende hat sie frei. Bera bietet ihr auch Fortbildungen, erzählt sie: "Viele Kolleginnen, die an den Strickmaschinen arbeiten, sind erfahren. Trotzdem kriegen wir ab und zu einen Erste-Hilfe-Kurs, für den Fall, dass doch mal was passiert. Außerdem werden wir über unsere Rechte aufgeklärt, und bekommen gesagt, was wir unternehmen können, wenn wir doch mal klagen müßten."

Vorsorge für den wirtschaftlichen Notfall

Die wirtschaftliche Lage in der Türkei ist grade schwierig. Viele Unternehmen haben zu kämpfen, Bera Tekstil nicht, sagt Geschäftsführer Mahir Yıldırım, obwohl, oder weil er fair produzieren lässt:

"Natürlich gelingt es uns, das alles auch zu finanzieren. Sonst wären wir ja nicht hier. Wir erarbeiten halt einen entsprechenden Haushaltsplan. Jeden Monat haben wir Sitzungen mit unseren Finanzberatern und unserer Buchhaltung. Wenn es Probleme gibt, wird alles wieder und wieder überarbeitet. Wir planen immer für jeweils ein Jahr. Wir bleiben also finanziell auf der sicheren Seite, auch wenn 2019 was Unvorhergesehenes passieren sollte, beispielsweise bei Bestellungen. Außerdem haben wir einen bereitstehenden Fond für Abfindungen. Da haben wir vorgesort für den Notfall, dass wir schliessen müssen oder sonst was schlimmes passiert und wir entlassen müssen."

An Armed Angels würde das wohl nicht liegen. Lavinia Muth freut sich über die gute Zusammenarbeit: "Die letzten 20, 30 Jahre gab es echt viele Investitionen und die Türken machen tolle textile Produkte. Hier ist extrem viel Know-how. Und es ist natürlich auch nah bei Europa."

Die Transportwege sind kurz. Auch das ist der Nachhaltigkeitsmanagerin wichtig. Für dieses Mal reist sie auf jeden Fall ohne große Kritik ab.

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