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StartseiteInterview"Journalisten leben hier gefährlich"22.05.2014

Thailand"Journalisten leben hier gefährlich"

Das Militär in Thailand will trotz verhängten Kriegsrechts den Anschein waren, das Leben laufe ganz normal weiter. Doch der Fotojournalist Nick Nostitz sagte im Deutschlandfunk: "Ausländer, die in irgendeiner Weise in der Politik involviert sind, also zum Beispiel Journalisten, leben sehr gefährlich jetzt."

Nick Nostitz im Gespräch mit Jürgen Liminski

Thailändische Soldaten lassen sich auf ihrer Patrouille nahe des Regierungssitzes in Bangkok fotografieren. (AFP / Nicolas Asfouri)
Thailändische Soldaten lassen sich auf ihrer Patrouille nahe des Regierungssitzes in Bangkok fotografieren. (AFP / Nicolas Asfouri)
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Der Fotograf widersprach außerdem der Darstellung, Ausländer könnten sich in Thailand gänzlich frei von Sorge um ihre Sicherheit bewegen. "Touristen und Ausländer, die hier normal arbeiten sind noch nicht in Gefährdung - außer sie gehen in die Nähe der Protestzonen", sagte Nostitz im DLF. Er selbst sei vor einem halben Jahr "zu einem der Hauptfeinde der Regierungsgegner erklärt worden". Bei einer Kundgebung habe ein Regierungsgegner auf der Bühne am Mikrofon ihn als Pro-Regierungsjournalist bezeichnet. Daraufhin sei er von den Anhängern "verprügelt worden". Bei diesem Einzelfall sei es nicht geblieben. Vor zwei Wochen sei er beinahe entführt worden.

Wie sehr die Pressefreiheit in Thailand durch das Kriegsrecht eingeschränkt sei, könne derzeit noch nicht gesagt werden, sagte Nostitz. Es gebe schwammige, aber rigide Anordnungen des Militärs. Vielen ausländischen Journalisten sei aber noch unklar, wie hart das Militär durchgreifen werde. So sei zum Beispiel verboten, Akademiker und Politiker der Regierung zu interviewen. Der Fotojournalist sagte, das Land sei tief gespalten, selbst innerhalb von Familien.

Thailand entwickele sich erst zu einer Demokratie, von einer semifeudalen hin zu einer modernen Gesellschaft, sagte Nostitz. Es gebe viele Parallelen zur Märzrevolution 1848. In Thailand sei die Gefahr eines Bürgerkiegs noch nicht gebannt.

 


Das Interview in voller Länge

Friedbert Meurer: Seit vorgestern gilt in Thailand das Kriegsrecht. Gleichzeitig bemüht sich das Militär, die innenpolitische Krise auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Gestern hatte der Armeechef die wichtigsten politischen Akteure des Landes einbestellt, einen Durchbruch hat es allerdings noch nicht gegeben. Unterdessen patrouilliert das Militär weiterhin durch die Straßen der Hauptstadt.

Nick Nostitz ist deutscher Fotograf und Journalist, lebt und arbeitet in der Hauptstadt Bangkok. Ihn hat mein Kollege Jürgen Liminski gestern Abend gefragt, ob das Leben für Ausländer in Bangkok zurzeit ganz besonders gefährlich ist.

Nick Nostitz: Es kommt darauf an. Natürlich Ausländer, die auf irgendeine Weise in der Politik involviert sind, als Journalisten zum Beispiel, leben sehr gefährlich jetzt. Touristen, Ausländer, die hier einfach normal leben und arbeiten, sind noch nicht in Gefährdung, außer sie gehen in die Nähe der Protestzonen. Da kann es sehr problematisch werden.

Jürgen Liminski: Sie selber sind ja Journalist und sagen, Journalisten leben gefährlich. Sind Sie denn selber schon mal angegriffen worden?

Nostitz: Ja, ich bin vor sechs Monaten zu einem der Hauptfeinde der Regierungsgegner erklärt worden. Ich bin verprügelt worden, nachdem einer der Hauptführer von der Bühne auf mich gezeigt hat und mich als Pro-Regierungsjournalisten bezeichnet hat. Dann bin ich verprügelt worden und dann wurde eine Hasskampagne gegen mich gestartet. Und ein ganz ernsthafter Fall ist vor circa zwei Wochen passiert: Da bin ich fast entführt worden von einer sehr gewalttätigen Gruppe der Anti-Regierungs-Demonstranten, wenn man den Begriff überhaupt noch nennen kann, Demonstrant. Das war eine Gruppe, die ist bekannt dafür, dass sie Leute gefoltert und umgebracht haben. Mit Glück bin ich nicht entführt worden und bis zum Ausrufen des Kriegsrechts hatte ich dann auch nächtlichen Polizeischutz. Zwei Polizisten waren in meinem Haus und haben mein Haus bewacht in der Nacht.

Die Regelungen für die Presse sind sehr schwammig

Liminski: Würden Sie sagen, dass die Pressefreiheit derzeit faktisch eingeschränkt ist oder vielleicht sogar gar nicht existiert?

Nostitz: Das ist wahnsinnig schwer zu sagen. Das ist jetzt erst der zweite Tag des Kriegsrechts gewesen. Die Regeln sind sehr hart. Die sind sogar noch sehr viel härter als nach dem 2006er-Militärputsch. Zum Beispiel dürfen wir nicht Akademiker oder Offizielle der ehemaligen Regierung interviewen, die zu sozialen Divisionen oder Unrecht führen könnten. Das sind sehr schwammige Regelungen, die sehr einschränkend sein können. Wir wissen überhaupt noch nicht, sind jetzt nur die lokalen Thai-Journalisten davon betroffen, sind auch wir ausländischen Journalisten betroffen, wie hart das Militär da gegen uns vorgehen, oder wird es relativ weich genommen. Das können wir überhaupt noch nicht im Augenblick sagen. Wir Journalisten sind konstant am Diskutieren darüber, wie weit wir eventuell gehen könnten oder nicht.

Liminski: Wie verhalten sich denn die lokalen Journalisten, vor allen Dingen auch die Journalisten fürs Fernsehen? Gibt es da schon eine Art Schere, Zensur im Kopf?

Nostitz: Ja, ja, die gibt es auf jeden Fall und die ist auch sehr traditionell in Thailand. Man darf auch nicht vergessen, dass natürlich auch im Journalismus die lokalen Journalisten sehr gespalten sind zwischen pro Regierung und anti Regierung.

Liminski: Das heißt, eine freie Presse gibt es eigentlich nicht. Sie ist generell ideologisiert?

Nostitz: Frei ist im Augenblick unter den Bestimmungen des Kriegsrechts das ganz klar nicht mehr. Es hat immer gewisse Probleme gegeben. Ich meine, man darf nicht vergessen: Dieser Rot-Gelb-Konflikt ist acht bis neun Jahre alt und die Division, die Spaltung innerhalb der Bevölkerung ist enorm groß. Es sind Familien entzweit, wo einige Familienmitglieder rot sind, andere Familienmitglieder gelb sind. Ich habe viele Freunde, wo die Familien am Tisch gar nicht mehr reden können. Ich habe andere Freunde, die sind von ihren Eltern rausgeschmissen worden, weil sie eine andere politische Ansicht haben.

Die Gesellschaft ist im Wandel

Liminski: Es herrscht Kriegsrecht, es herrscht Spaltung sozusagen im Land. Kann man von Thailand als einer gescheiterten Demokratie sprechen?

Nostitz: Es ist die Frage, ob es hier jemals eine richtige Demokratie gegeben hat. Ich sehe das Ganze, auch natürlich diesen Konflikt in einer Entwicklung zu einer moderneren Demokratie. Es ist immer sehr schwer, Europäern zu erklären, was der Konflikt hier wirklich ist. In den Medien wird das natürlich immer sehr simplifiziert. Ich versuche, es mal dadurch zu erklären, dass viele der Punkte, die hier auf dem Spiel stehen, fast vergleichbar sind oder Parallelen zu sehen sind in Deutschland zum Beispiel mit der 1848er-Revolution. Die Gesellschaft ist in einem gewissen Sinne im Wandel zwischen einer semifeudalen zu einer modernen Gesellschaft.

Liminski: Nun beherrscht die Armee die Situation, bestimmt die Geschicke des Landes. Im Westen wird sogar von einem Putsch gesprochen. Kann man von einer kaschierten Militärdiktatur in Thailand reden?

Nostitz: Das wird sich in den nächsten Tagen noch herausstellen. Gestern waren noch die Rothemden, die Pro-Regierungs-Gruppe, vorsichtig abwägend. Gestern Abend aber sind einige Dinge passiert, die diese Rothemden sehr wütend gemacht haben. Eine Sache möchte ich mal herausstellen. Eine Community-Radiostation der Rothemden wurde dichtgemacht gestern von der Armee. Da sind 30 Soldaten, bewaffnet, reingegangen und haben die zehn übrig gebliebenen Rothemden von der Station bedroht mit der Waffe, sich auf den Boden legen lassen, der Transmitter wurde konfisziert und einiges Equipment wurde auch zerstört. Mit dem Besitzer der Radiostation habe ich geredet, den kenne ich auch schon sehr lange. Es ist wahnsinnig schwer, das irgendwie jetzt schon festzulegen: Ist es ein Putsch, der versteckt unter Militärrecht ist, oder führt es zu einer Lösung der Problematik.

Bürgerkrieg ist im Bereich des Möglichen

Liminski: Herr Nostitz, so wie Sie die Dinge schildern, könnte man sich auch vorstellen, dass das Land in eine gewalttätige Auseinandersetzung hineinrutscht. Fürchten Sie einen Bürgerkrieg?

Nostitz: Ja, das ist definitiv im Bereich des Möglichen, insbesondere wenn die Militärs jetzt nicht ganz neutral bleiben. Dann würde ich die Möglichkeit sogar als ziemlich hoch bezeichnen, dass das Land im Bürgerkrieg versinken würde, insbesondere wenn jetzt die Rothemden fühlen, sie werden nicht fair behandelt. Ich meine, es hat ja in den verschiedenen Auseinandersetzungen über die letzten Monate und auch gerade 2010 gezeigt, dass alle Seiten bewaffnete Gruppierungen auch haben, und das kann natürlich zum Bürgerkrieg führen.

Liminski: Sehen Sie denn irgendwelche personellen Alternativen, irgendeinen Politiker, einen Mann aus dem Volk, einen Volkstribun, der auftauchen könnte und sozusagen die Massen und vielleicht sogar auch die politische Klasse hinter sich bringen könnte?

Nostitz: Na ja, wir haben viele Volkstribunen auf den verschiedenen Seiten. Aber die Idee dieses sogenannten Neutralen, der das Land vereinen kann, da gibt es keinen.

Meurer: Der deutsche Fotograf Nick Nostitz schildert seine beklemmenden Erlebnisse in Bangkok. Jürgen Liminski hat sich mit ihm über das Kriegsrecht in Thailand unterhalten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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