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StartseiteKultur heuteZauber einer ausgelöschten Kultur 23.02.2019

Theaster Gates im Palais de Tokyo Zauber einer ausgelöschten Kultur

Theaster Gates eröffnet ein Touristenbüro: Der US-amerikanische Künstler lädt zu einer Reise auf die Insel Malaga ein. Ihre Bewohner waren einst vertrieben worden. In einer Pariser Ausstellung belebt Gates die verloren gegangene Kultur jetzt wieder - ein großes Erlebnis.

Von Jürgen König

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Sammelte Stimmen aus einer verlorenen Welt: der US-amerikanische Künstler Theaster Gates. Farbfoto, Portrait des US-amerikanischen Künstlers Theaster Gates in seiner Installation in Temple Church, Bristol 2015 (Imago/ Zuma Press)
Sammelte Stimmen aus einer verlorenen Welt: der US-amerikanische Künstler Theaster Gates (Imago/ Zuma Press)
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Auf der kleinen Insel Malaga, vor der Küste des US-Bundesstaates Maine gelegen, lebten seit dem amerikanischen Bürgerkrieg Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe ziemlich friedlich miteinander. Doch 1911 fürchtete Gouverneur Frederick W. Plaisted auf einmal um das Ansehen seines Bundesstaates und beschloss, die Inselbewohner zu vertreiben. Dieses geschah, und um jeden Gedanken an eine Rückkehr auszuschließen, grub man sogar die Toten aus, versenkte ihre Überreste im Meer. Seither ist die Insel menschenleer, ein Naturreservat. Hierher kam eines Tages Theaster Gates.

"Beim ersten Besuch fühlte ich mich wie in einem Zauberwald. Einiges schien an die Präsenz von Menschen zu erinnern. Ich fand heraus, dass es früher auf Malaga traditionelle afrikanische wie indigene Kulturen des Kontinents gab, in denen zum Beispiel Totemsäulen und Masken für die Gestorbenen aufgestellt wurden. Einige dieser Totems waren im Unterholz tatsächlich noch zu erkennen, wie eine ewige Erinnerung - und ich beschloss, diese Menschen wieder lebendig zu machen, die Vormütter und Vorväter dieser Insel zu feiern."

Kunst und Leben als Einheit

Theaster Gates ist Stadtplaner, Keramiker, Religionswissenschaftler. Er ist Musiker, er dreht Videos und Filme, baut Installationen. Mit seiner eigenen Stiftung hat er mehrfach leerstehende Häuser saniert und daraus Kulturzentren gemacht. Kunst und Leben zusammenzubringen, war ihm schon immer wichtig, und auch sein Pariser Projekt - sein erstes in Frankreich überhaupt - ist von diesem Gedanken durchdrungen.

Der Titel "Amalgam" ist fast ein Anagramm jenes Inselnamens "Malaga". Der Rundgang beginnt mit einem großen grauen Block, wie ein Haus, das in die Erde versinkt. Bald darauf zerschlagene Schieferplatten auf einem Haufen, in der Mitte ein Marmorblock mit einem Metallgestänge, auf dem sich eine neongrüne Leuchtschrift dreht: zu lesen ist "MALAGA".

Ein Werk aus der Ausstellung "Amalgam" des US-Amerikaners Theaster Gates im Palais de Tokyo Paris. Zerschlagene Schieferplatten auf einem Haufen, in der Mitte ein Marmorblock mit einem Metallgestänge, auf dem eine neongrüne Leuchtschrift steht: zu lesen ist "MALAGA". (Deutschlandradio/Jürgen König)Ein Werk aus der Ausstellung "Amalgam" des US-Amerikaners Theaster Gates im Palais de Tokyo Paris (Deutschlandradio/Jürgen König)

"Vor allem eine Frage hat mich fasziniert: Was könnte passieren, wenn Malaga neu entstehen würde? Und dann hab ich mir ein Touristenbüro für Malaga ausgedacht, das Pässe ausgibt, mit denen jeder nach Malaga kommen kann; habe mir ausgedacht, dass Malaga eine Heimat für Menschen aus allen Kulturen aus der ganzen Welt werden könnte, wo auch wirklich alle hinkommen könnten - ich habe auch unter meinen Objekten immer solche Pässe dabei, wenn Sie also möchten…?"

Eine Insel der Glückseligkeit

Sein "Touristenbüro" baut Theaster Gates als eine Art Bühne, darauf überdimensionierte Stühle, eine große Vitrine, die nichts enthält als die grüne Neonschrift: "In the end, nothing is pure" - "Am Ende ist nichts wirklich rein". In Kästen an den Wänden neben- und übereinander Alltagsgegenstände, die Gates irgendwo gefunden hat sowie Fotos, Puppen, Schallplatten, Bücher, besagte Pässe, eine Wandtafel, darauf handgeschrieben Daten zur Geschichte von Migration, Kolonisation, Sklaverei, Black Power-Bewegung.

Vertrocknete und verwitterte Baumstämme verwandelte Theaster Gates in Stelen unterschiedlicher Größe. Darauf stehen afrikanische Totemfiguren und Masken, sie sind überhaupt allgegenwärtig: Manche scheinen in Betonquadern zu versinken, andere ins Erdreich überzugehen - tatsächlich ein "Amalgam".

Der Zauber, den Theaster Gates vor Jahren beim Betreten des Waldes von Malaga empfand, überträgt sich ganz eigenartig auf den Besucher. Die Menschen von damals  - sie scheinen tatsächlich wieder auf: transportiert durch Stimmen, Klangcollagen und Musik. Ein gewisses Bedauern ist da, weil es eine solche Insel der Glückseligkeit für alle Menschen, wie sie hier erträumt wurde, wohl nie geben wird. In der Kunst aber gibt es sie, meisterlich bringt Theaster Gates Kunst und Leben tatsächlich zusammen - und das ist ein großes Erlebnis.

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