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StartseiteKultur heuteDemontage eines Romans27.04.2014

TheaterDemontage eines Romans

Der hochgelobte Roman "Am Schwarzen Berg" von Anna Katharina Hahn ist eine Art Wutbürger-Gegenwartsroman aus dem Protestmilieu Stuttgart 21. Davon ist in der Inszenierung am Schauspiel Stuttgart nicht mehr viel übrig geblieben, meint Cornelie Ueding.

Von Cornelie Ueding

Blick auf einen geschlossenen Vorhang. (dpa / Arno Burgi)
Mehr als ein Fragment ist von Anna Katharina Hahns Roman "Am Schwarzen Berg" am Staatstheater Stuttgart nicht übrig geblieben. (dpa / Arno Burgi)
Weiterführende Information

Lebensleere des Stuttgarter Mittelstands (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 02.05.2012)

Erst ist es zappenduster im Spielraum NORD des Stuttgarter Schauspiels, und lange, sehr lange bleibt es auch so. Dann rücken, spärlichst beleuchtet, zwei Figuren ins Blickfeld, die weit hinten auf raumbreiten Stufen des Spielpodests entlang kriechen, wie Raupen in Zeitlupe. Langsam und unbeholfen richtet sich der Mann auf und erklimmt, wie es scheint mit letzter Kraft, die turmhohe Sprossenwand an der Hallenrückwand, hält zwischendurch inne, sackt schließlich auf die schmale Pritsche, die ganz oben zwischen Wand und Sprossenwand geklemmt ist.


Das lange Schweigen hält an. Die Frau, seine Frau, ist derweil auf einen gigantischen, die Spielfläche beherrschenden Baumstumpf zugekrochen und beginnt mit beiden Händen Erde vom Rand des Baumrestes an die Rampe zu tragen und einen schwarzen Berg daraus zu formen, hin und her, her und hin. Wortlos. Schier endlos. Während sie stumm bleibt, redet er auf sie ein, weitest möglich entfernt von ihr und den Zuschauern; er redet mit sich, stöhnt, lacht und weint, träumt, wütet und brüllt – und zum Zeichen, dass niemand auf seine Fragen Antworten hat, schlägt er auf die stumme Wand ein.


Alle Worte, Seufzer und Erinnerungen in dem düsteren Raum kreisen um Peter, den Nachbarsohn, einst das Ersatzkind dieses kinderlosen Paares, der nach einer gescheiterten Ehe wieder zurück "nach Hause", zu seinen Eltern und in sein Kinderzimmer gezogen war, ein Schatten seiner selbst, gebrochen an Leib und Seele. Nun werden die seligen Kindheitserinnerungen beschworen, überlagert vom Eindruck dieser desolaten Rückkehr und ihrer hilflosen Bemühungen, seinen Zustand zu bessern. Dieser Monolog dauert eine Dreiviertelstunde, bevor der Mann, genau so langsam, an der Sprossenwand wieder absteigt, sich seiner Frau zuwendet, in einem Tobsuchtsanfall die von ihr aufgehäufte Erde zertrampelt und auf der Spielfläche verstreut, um irgendwann die Krumen selber wieder zusammenzuschieben.


Unübersehbar ist in der Spielvorlage von Anna Katharina Hahns Erfolgs-Roman nur noch der Rumpf übrig geblieben. Und der auf einer Palette aufgebahrte Baumstumpf ist auch dafür ein – vermutlich unfreiwilliges – Symbol, steht nicht nur für den rüden Umgang mit der Natur bei der vehement kritisierten Umgestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs, sondern für die nicht minder kopflose Demontage des Romans durch diese Bühnenfassung.


Mit der Beschränkung auf die Perspektive eines einzigen Paares ist das anspielungsreiche Beziehungsgeflecht all der vergeblichen Sinnsucher in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen verloren gegangen, das die hochgelobte Romanvorlage auszeichnet, ohne dass daraus ein anderer erkennbarer theatralischer Mehrwert entstanden wäre. Die bedeutungsvoll nebeneinander geklotzte Trias von dumpfem Endlosmonolog, wütender ehelicher Schlammschlacht und jämmerlich verschwäbeltem chorischen Protest-Rest bewirkt vor allem eins: die Auflösung des Textgefüges.


Der Stoff zerfällt in die Einzelteile, aus denen Anna Katharina Hahn den Roman gebaut hat. Wen interessiert es da noch, dass und warum der Lehrer den jungen Peter mit seiner Mörike-Begeisterung angesteckt hat, warum daraus eine Leistungsverweigerung werden konnte, und ob und wie Peter ums Leben gekommen ist.
Wofür gibt's denn schließlich Symbole: Der Erdhaufen ist halb Grab, halb Naturrettung, die ganze Aufführung soll man vielleicht als ein Requiem verstehen – und wer das Buch gelesen hat, weiß auch, was die Sprossenwand bedeutet. Wer nicht, muss raten. Angesichts dieses Theaterabends stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es Sinn solcher theatralischen Umsetzungen sein kann, Ambivalenzen zu tilgen und komplexe narrative Gefüge berserkerhaft zu vergröbern, ohne dass auch nur ein Hauch von Emotionalität beim Publikum ankommt. Zu Recht bedankten sich die Schauspieler beim Publikum. Für dessen stoische Geduld.

 

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