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StartseiteKultur heute"Der Untergang der Nibelungen" am Maxim Gorki Theater in Berlin24.10.2014

Theater"Der Untergang der Nibelungen" am Maxim Gorki Theater in Berlin

Sebastian Nübling hat am Maxim Gorki Theater in Berlin "Der Untergang der Nibelungen – The Beauty of Revenge" auf die Bühne gebracht. Vorlage war Hebbels Rachedrama über die dunkle menschliche Lust, unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen.

Von Hartmut Krug

Mit dem Nibelungen-Mythos wurde seit dem 19.Jahrhundert über das "deutsche Wesen" nachgedacht. Nach dem Missbrauch des Mythos durch die Nazis scheuten deutsche Theater vor diesem Stoff zurück. Erst Ende der 80er-Jahre wagten sich wieder Theater mit Hebbels Nibelungen an die Untersuchung gesellschaftlicher Rollenbilder. In neuen Nibelungen-Stücken geht es weniger um Geschichtsfatalismus, Todessehnsucht, Treue und Selbstzerstörung, als um Männerbilder und Frauenrollen in gesellschaftlichen Systemen. Auch in Sebastian Nüblings Hebbel-Fassung am Berliner Maxim Gorki Theater geht es irgendwie darum.

Hier zucken die Burgunder-Machos zu Disko-Gewummer im Takt, - rund um das Statussymbol eines schwarzglänzenden Unfall-Mercedes´. Sie tragen statt Ritterrüstungen eine modische Kreuzung aus Jogging- und Militärlook. Die Szene spielt im leeren Raum, doch die Figuren wirken, als kämen sie direkt aus einem, auch türkisch geprägten heutigen Berliner Kiez. Während die Männer auf dem Mercedes posieren, tobt Sesede Terzyians Kriemhild im engen weißen Outfit wie eine Kühlerfigur umher und schleudert ihre langen, schwarzen Haare. Diese medienfixierten Menschen werden von umhergeschobenen Scheinwerfern in den Focus genommen. In solcher Umgebung kann Held Siegfried, mit Dollarzeichen auf der Hose, nur bewundert werden:

"Dieser Mann hat an einem einzigen Tag den Balmung und den Hort, die Nebelkappe und die Haut von Horn erkämpft, für uns. Siegfried."

Dass Siegfried von Tahin Sahintürk gespielt wird, hat weiter keine Folgen für den "Deutschen Mythos." Nübling liest das Stück nicht neu, sondern bastelt es sich mit disparaten Einfällen zusammen. Brunhild, die starke Frau auf der Suche nach Identität, wird vom zotteligen und bärtigen Till Wonka in kurzer Hose als grobe Dragqueen gespielt. Sie schubst Gunther immer wieder vom Mercedes, bis sie im dunklen Innern des Autos von Siegfried für Gunther besiegt wird. Der folgende Zickenkrieg zwischen Brunhild und Kriemhild hat den Mord an Siegfried zur Folge, den Hagen während einer wilden Sexparty am nackten Helden verübt. Nun gut.

Nach der ersten Pause in einer Aufführung unter der Intendanz von Shermin Langhoff sind die in elegant-schlichtes Schwarz-weiß gekleideten Dienstboten vom Burgunder Hof zu Hunnen-Darstellern geworden, und Etzel wird von einer Frau gespielt. Sie alle bewegen sich mit gespreizten, computerhaft asiatischen Kampfkunstbewegungen und singen Irvin Berlins "They say that falling in love is wonderful". Denn alles hat hier irgendwie Bedeutung, aber selten tiefere Folgen für die Inszenierung.

Dass Hagen zwei elfengleiche Töchter von Etzel erwürgt, die aus dem mittelhochdeutschen Original zitieren, führt nicht zum finalen Gemetzel. Kriemhilds Rachewut ist geläutert, sie gilt nur Hagen. Der, von seinen Burgundern mit einem "stirb allein" verlassen, zwischen Museumskordeln zum aktuellen Dennoch-Monolog ansetzt:

"Wir sind stärker aus der gegenwärtigen Krise hervorgegangen, als wir rein gegangen sind. Wir werden wieder konkurrenzfähig werden. Innovation, Information, Intuition, Integration. Entwicklung, Wachstum. Womöglich, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir uns das heute überhaupt vorstellen können."

Wenn Dmitri Schaads Hagen noch deutsche Fußballergebnisse bejubelt, dann verrennt sich Regisseur Nübling plötzlich in, nun ja, politischer Bedeutungsabsicht. Das aber rettet seine grobe, stets veräußerlichende und recht langweilige Inszenierung nicht mehr. Sie wirkt zusammengestoppelt und nicht fertig gedacht und gemacht.

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