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StartseiteKultur heuteHerausragende Uraufführung von "Mao und ich"09.12.2013

TheaterHerausragende Uraufführung von "Mao und ich"

Ulrike Syha tänzelt in ihrem neuen, höchst vergnüglichen Stück "Mao und ich" souverän an der Klippe zu Klamotte und Melodram entlang. Regisseur Ali M. Abdullahs hinreißende Inszenierung am Nationaltheater Mannheim ist ein Glücksfall.

Von Cornelie Ueding

Nationaltheater Mannheim (Hans Jörg Michel)
Nationaltheater Mannheim (Hans Jörg Michel)

Menschen im Hotel: Ein paar deutsche Geschäftsleute sind bei einem dieser wahnsinnig innovativen, trendigen Konferenzmeetings unter dem Stichwort Globalisierung/Transkulturalität in einem 5-Sterne–Retortenhotel in irgendeiner zentralchinesischen Millionenstadt gestrandet: IT-Branche, mittleres Management, Verfahrenstechnik, der obligate Medienwissenschaftler, eine Journalistin... – alle übermüdet und ein bisschen überdreht, präpotent, zynisch, abgebrüht in Habitus, Körpersprache und Auftritt, und alle extrem unsicher, enttäuscht von den anderen, von sich selbst. Und vom Leben.

Bleischwer und bedeutsam könnte das werden. Aber Ulrike Syha tänzelt in ihrem neuen, schon beim bloßen Lesen höchst vergnüglichen Stück "Mao und ich" souverän an der Klippe zu Klamotte und Melodram entlang: leichtfüßig, locker, zirzensisch. Im Wechsel mit einem marktschreierisch robusten Kollegen stöckelt und lächelt ein wippendes girlie in Dessous zur Ansage der nächsten Nummer – und schon purzeln die Figuren wie Rollenspieler ihrer selbst aus dem halb einsehbaren Off und spulen, spielen, liefern ihre, oft sehr sehr witzigen, Dialoge ab, bevor sie in einer gemeinsamen Anstrengung von Autorin, Regie, Videodokumentation und Bühnenarbeitern wieder weggeräumt, notfalls von der aufblasbaren Matratze gekippt werden.

Kaum eine Dialogsequenz ohne einen verfremdenden, relativierenden Kommentar über die Umgebung, wer da zum Beispiel sonst noch in der Hotellobby posiert, oder in dem überfüllten Frühstücksraum Schlange steht. Absurde Momentaufnahmen. Streiflichter über Beobachtungen an Nebenfiguren, die unsichtbar bleiben – und fiktiv sind.

"Das, was die Menschen denken, ist oft viel, viel interessanter als was sie sagen. Würdest du mir da zustimmen?"

Nie kommt das Gefühl des Moralisierenden, Existenziellen auf, obwohl es um das Aufspüren, Aufbrechen tiefsitzender emotionaler Verwundungen geht, denn die Begegnung mit den eigenen, meist unterdrückten, üblicherweise jedenfalls überspielten Seiten, ist in einer so fremden Umgebung gar nicht mehr zu vermeiden. Der smart-schleimige Hochschuldozent Marek wird unvermutet mit seinem entschlossen totgeschwiegenen Stiefvater konfrontiert, einem hartgesottenen Dokumentarfilmer und Globetrotter, der plötzlich als Ersatz-Gast-Redner hereinschneit, und erlebt ein paar Augenblicke der Wahrheit. Die anfangs kunstseiden gestylte, taffe Journalistin Ruth ist seit 15 Jahren unglücklich nicht mit ihm liiert.

Ruth: "Ich sehe es kommen. Wir kennen uns jetzt seit 15 Jahren und hatten noch nie einen ernst zu nehmenden Streit gehabt. Aber hier und heute, in diesem auf acht Grad temperierten fensterlosen Frühstückssaal, Tausende Kilometer von zu Hause entfernt, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach dazu kommen.

Und zwar wegen deines Stiefvaters, von dessen Existenz ich bis vor drei Tagen überhaupt nichts wusste, und wegen eines halb gegessenen, längst kalt gewordenen Omeletts. Sehe ich das richtig?"

Marek: "Mit Petersilie, Pilzen und Tomaten. Bitte."

Am Ende steht sie wie ein gerupftes Huhn im prasselnden Regen und muss ein paar unangenehme Andeutungen über ihren Mann verdauen. Ja, es geht ans Eingemachte. Aber alle Einblicke, Einbrüche, Einstürze bleiben temporär und austauschbar – wie das Leben dieser an ihren Online-Kontakten zappelnden, postmodernen Globalplayer.

Es gibt absichtsvolle Leerstellen und lose Enden in den Geschichten, die nicht, wie im Film, zu einem wie immer vorläufigen Abschluss kommen. Ulrike Syha thematisiert in diesem Kippspiel zwischen klischeehafter Fiktion und den medialen Klischees der Wirklichkeit auch die Differenzen zwischen Film und Theater. Und der Wiener Regisseur Ali M. Abdullah zeigt im Mannheimer Schauspiel-Studio, als Videoeinspielungen vor und nach der Chinareise, dass die Figuren nach all den Verstrickungen das gewohnte Lebensprovisorium weiterleiern.

Die zwanghafte Flucht in muntere Promiskuität macht die Menschen offenbar weder im Hotel noch im Alltag fröhlicher – wohl aber, dank einiger Slapstick-Einlagen, die Zuschauer.

Abdullah hat aber mit seiner hinreißenden Inszenierung den Sprachwitz nicht etwa 1:1 in Situationskomik übersetzt. Meisterlich beherrscht er die Gratwanderung, die durchaus karikierten Reisenden nicht auch zu denunzieren. Oft widersprechen kleine, körperliche Reaktionen dem, was die Typen so beherzt polternd rauslassen oder verzögert verweigern: plötzliches Verstummen, schnelle Abgänge, unvermittelt erschlaffende Gesichter oder auch nur eine Neigung des Kopfes sind bei den hochmotivierten fantastischen Menschendarstellern Zeichen dafür, wie schmerzlich ein Wort, eine schnoddrig kommentierte Erinnerung wirklich trifft. Dieser 100 Minuten kurze Abend ist der seltene Glücksfall einer herausragenden Uraufführung.

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