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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageWohnzimmeratmosphäre im Autotheater 07.08.2020

Theater in Corona-ZeitenWohnzimmeratmosphäre im Autotheater

Die Coronakrise hat die Theater im Frühjahr kalt erwischt und auch nach den Lockerungen vom Mai ist die Situation schwierig. In Bonn können Theaterbesucher ab Juni an einem Experiment teilnehmen. Sie können mit dem Auto in die Vorstellungen fahren - ins Autotheater.

Von Marius Elfering

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Das Autotheater in Bonn (Deutschlandradio / Marius Elfering)
Das Autotheater hilft der Theaterszene in Bonn über die Corona-Einschränkungen hinweg. (Deutschlandradio / Marius Elfering)
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Timo Kählert ist erleichtert. Endlich geht es wieder los! Zwei Monate konnte der Schauspieler aufgrund der Corona-Einschränkungen kaum arbeiten. Nun sitzt er am Rand der großen Freiluftbühne des Theaters Bonn und raucht eine Zigarette.

Kählert ist einer der Darsteller, die beim Autotheater in Bonn das Stück "Linie 16" spielen. Da normale Vorstellungen im Stadttheater aufgrund der behördlichen Auflagen nicht mehr möglich waren, suchte man hier nach einer Lösung und rief kurzerhand das Projekt "Eine Bühne für Bonn" ins Leben.

Innerhalb von wenigen Wochen planten und errichteten die Verantwortlichen ein Autotheater auf dem Gelände der Theaterwerkstätten in Bonn-Beuel. Insgesamt 41 Wagen fanden vor der Bühne Platz, die nicht nur vom Ensemble des Theater Bonn genutzt wurde, sondern auch von der freien Theaterszene der Stadt. Doch wie funktioniert Theater wenn Interaktion zwischen Publikum und Darstellern kaum möglich ist?

Theater mit Hygieneregeln

Timo Kählert ist sich nicht sicher. Normalerweise kann er sein Publikum gut einschätzen. "Man merkt es ja sofort, als Schauspieler, ob jemand am Ball ist oder nicht", sagt er. Und wenn das Publikum in Autos sitzt? "Ich bin mir ziemlich sicher, dass was fehlen wird", fügt er hinzu, während auf der Bühne der Soundcheck für die Generalprobe beginnt.

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Um die Genehmigung für das Autotheater zu erhalten, mussten die Veranstalter viele Regeln beachten. Zum Beispiel durfte nur jeweils das Fahrerfenster heruntergelassen werden. So sollte ausgeschlossen werden, dass die Besucher direkten Kontakt zu ihren Nachbarn aufnehmen. Außerdem durften die Autos nur für den Toilettengang verlassen werden – natürlich mit Mundschutz.

Und auch die Darstellerinnen und Darsteller mussten umdisponieren. Szenen mit direktem Körperkontakt wurden umgeschrieben, auf der Bühne hielten sie möglichst große Abstände ein.

Dass dies möglich war, liegt auch an der Auswahl des Stücks, das sie spielten. In "Linie 16" reihen sich skurrile Alltagsszenen lose aneinander, die sich während der gut einstündigen Fahrt der Straßenbahn zwischen Köln und Bonn abspielen. Da trifft der Klopapier hortende Fahrgast auf den Zuckerjunkie und der Verschwörungstheoretiker auf das Schulkind, das die Mutter verloren hat undsie verzweifelt sucht. Zusammengehalten wird das Stück einzig von dem Ort, an dem die Szenen spielen: Dem Straßenbahnwagen.

Mehr Hörspiel als normales Theaterstück

Simon Solberg ist der Regisseur von "Linie 16". Nach der Generalprobe ist er unzufrieden. Die Mikros halten dem Regen nicht stand, die Szenen sitzen noch nicht. Es ist für alle eine schwierige Situation. Doch trotz der widrigen Umstände sieht Solberg auch die Vorteile, die das neue Konzept bietet: "Man hat die Schauspieler eigentlich so präsent und so nah und so einen tollen Sound, wie man es im Theater nicht an jedem Platz hat", meint er. Dadurch, dass die Zuschauer den Ton über ihr Autoradio empfangen, sei es auch eher ein Hörspiel mit visueller Komponente als ein normales Theaterstück.

Am Abend der Premiere ist die Vorstellung ausverkauft. Die 41 Autos werden auf ihre Plätze gelotst und die Abstände so groß eingeplant, dass auch Zuschauer in Kleinwagen etwas sehen können. Der Ton kommt aus dem Autoradio, auf der Bühne spielen die Darstellerinnen und Darsteller "Linie 16". Spürbare Reaktionen auf das Stück gibt es erst ganz zum Schluss, als viele der Besucherinnen und Besucher aus dem Fenster heraus klatschen, die Lichthupe betätigen oder blinken. Die Vorstellung ist ein Erfolg.

Wohnzimmeratmosphäre aus Socken

In den etwa drei Wochen, die das Autotheater in Bonn existierte, gehörten auch Nicola und Marco zu den Zuschauern. Sie haben sich mit der Idee angefreundet, genießen es, sich mal nicht an übliche Theaterkonventionen halten zu müssen."Es ist etwas ganz anderes, weil man auch mal die Schuhe auszieht, es ist eher so ein bisschen Wohnzimmeratmosphäre", meint Marco. "Man konsumiert es eher nebenbei", "und quatscht zwischendurch vielleicht auch mal", ergänzt Nicola.

Als alle Vorstellungen gespielt sind und die Bühne schon wieder abgebaut ist, sitzt Schauspieler Timo Kählert in seiner Altbauwohnung in Bonn und zieht ein Fazit. Er hat sich mit dem Konzept Autotheater angefreundet. Ihm gab es die Möglichkeit wieder zu spielen, für ihn war es ein guter Ersatz, in einer Zeit, in der es keine anderen Möglichkeiten gab. "Und man kriegt tatsächlich, womit ich gar nicht so gerechnet hätte, ein Gespür dafür, auch wenn man gar nicht so in die Autos reingucken kann, wegen den Spiegelungen, aber man kriegt ein Gefühl dafür, ob das jetzt gerade funktioniert oder nicht. Das war eigentlich sehr schön."

Weg ins Digitale kann Sackgasse sein

Und doch bleibt der Wunsch nach Normalität. "Ich vermisse das Theater sehr, ich vermisse es zu spielen, ich vermisse den Austausch, ich vermisse auch normale Proben", sagt Kählert. Gleichzeitig sei er aber froh über die Erfahrung. Selten habe er in der Theaterszene von Bonn solch Zusammenhalt und Solidarität erlebt. Er hoffe, dass davon auch nach der Krise etwas bleibt.

Dass Krisenzeiten häufig zu Transformationsprozessen in Kunst und Kultur führen, das weiß der Kulturberater Patrick Föhl. Oft sei dies ein positiver Lernprozess und trotzdem warnt er auch vor überstürzten Veränderungen. In der aktuellen Krise würden viele Kultureinrichtungen den Weg ins Digitale suchen und beispielsweise Veranstaltungen im Internet übertragen. Da sieht er die Gefahr, dass Kunst und Kultur an Wertschätzung verlieren: "Was vorher vielleicht noch ein Theaterstück war, wo man Eintritt bezahlt hat, wird auf einmal kostenlos gestreamt".  

Wer glaube, dass auf diesem Weg schnell größere Zielgruppen erreicht werden könnten, der irre sich, meint Föhl. Denn: "Menschen, die vorher auch nicht ins Theater gingen, gehen dann nicht unbedingt jetzt zu Youtube und gucken sich da ein Theaterstück an."

Genau wie Schauspieler Kählert wünscht sich auch Kulturberater Föhl "mehr Geschlossenheit, mehr Solidarität untereinander und mehr Offenheit" in der Kunst- und Kulturszene. Wer weiß, vielleicht ist die Krise doch für etwas gut?

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