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StartseiteKultur heuteSalome light aber laut11.05.2018

Theater in StuttgartSalome light aber laut

Eine Mischung zwischen Rocky-Horror-Picture-Show und Klimbim-Comedy: So inszeniert Sebastian Baumgarten die biblische Geschichte der Salome in Stuttgart. Herodias keift, Herodes brüllt zurück - und Salome kaut in einer Blechwanne verzückt an Johannes' Zunge herum.

Von Cornelie Ueding

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Szene aus "Salome" am Staatstheater Stuttgart.  (Birgit Hupfeld)
Szene aus "Salome" am Staatstheater Stuttgart (Birgit Hupfeld)
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Wer im Jahr 2018 das Drama um Johannes den Täufer und das Femme-Fatale-Doppel Herodias und Salome auf die Bühne bringt, will natürlich nicht ins Fahrwasser einer schwülen Decadence-Atmosphäre geraten. 

Sebastian Baumgarten weicht in Stuttgart ins andere Extrem aus und macht aus einer schrillen Mischung zwischen Rocky-Horror-Picture-Show und Klimbim-Comedy einen lauten grellen Abend. Salome kreischt und grimassiert outriert. Herodias keift in gleicher Stimmlage, Herodes brüllt hilflos angestrengt zurück: eine Tonlage, anderthalb Stunden lang.

Und ein und derselbe Bewegungsablauf: den Abhang auf der schäbigen Rückseite des Luxushotels "King David" hinuntergerutscht und akrobatisch auf High Heels wieder hochgekraxelt. Oben macht die morbide Schickeria merkwürdig lustlos Party. Unten das gruftig dampfende Kerkerloch, in dem Johannes schmort und aus dem er - meist unverständlich - tönt und flucht – aber wenn er spricht, bebt der gigantische Abfallhaufen hinterm Hotel.

Herodes steht verloren herum

Salome ist ein geifernder Vamp, dem man erkennbar die Jugend vorenthalten hat. Sie wedelt wild mit flatternden Stoffbahnen und wirkt nur sehr bedingt erotisierend. Ihre Mutter Herodias keift ungebremst ebenso verächtlich wie grob auf "ihren König" ein. Der wiederum steht etwas verloren in der Gegend herum: zu "nett", um wirklich fies zu sein. Zu unsicher, um zu erschrecken. Zu billig, um auch nur ansatzweise bedrohlich zu wirken.

Die Geschichte um den geilen König, der seiner Stieftochter das halbe Reich verspricht, wenn sie nur einmal vor ihm tanzt, ist mehr als bekannt. Bekannt ist auch die abrupte Wendung, als die Göre plötzlich mutwillig-sadistisch eine ganz andere Belohnung fordert: Den Kopf des Johanaan.

Der König reagiert verstört, entsetzt - aus einer eigenartigen Ängstlichkeit heraus möchte er sich nicht an diesem "Mann Gottes" vergreifen. Und doch wird er genau das tun. All das weiß man in etwa, selbst bei nur oberflächlicher Kenntnis biblischer Geschichten.

Reuige Laienphilosophen

Also darf es nicht bei der Idee greller Vergröberung bleiben. Vermutlich deshalb muss Salome in Baumgartens Fassung nicht sterben. Nach dem Tod des Johannes sitzt sie selig verzückt, verdämmernd in der Blechwanne und kaut an der Zunge des Gottesmannes herum. Und durch das Königspaar geht förmlich "ein Ruck". Herodias und Herodes, eben noch prollig und schräg, mutieren zu reuigen Laienphilosophen, die zu raisonnieren beginnen: Während der entzauberte König über den sinnlosen Lauf der Welt moralisiert, erweist sich seine Gattin gar als enthusiasmierte Vor-Denkerin, die eine Art Kolleg über das Dilemma von Wunschäußerung und Wunscherfüllung hält.

Das alles wirkt freilich nur aufgesetzt, Epilog-artig angeklebt. Leider. Denn genau dieses zerstörerische Nebeneinander von grenzenlosem Hedonismus, morbidem Ästhetizismus und moralischen Restbeständen im Unterfutter der Seele wäre zu ZEIGEN und szenisch zu entfalten gewesen.

Magischer Moment verfliegt

Nur bei einer einzigen, der zentralen Szene des Stückes konnte man sehen, welches bildnerische Potenzial vorhanden gewesen wäre: Der mythische Tanz der Salome zeigt genau jene Subtilität und Mehrschichtigkeit, die der Rest der Inszenierung so schmerzlich vermissen lässt. Während Salome in gemessenen, zugleich starren und angespannten Bewegungen über die Bühne mehr schreitet als tanzt, gleiten verwischte fragmentarische Projektionen über ihr transparentes wehendes Gewand, die alles Unausgesprochene in sich überlagernde Bildfolgen auflösen: Nacktheit, Männlichkeit und Weiblichkeit, aber auch Vitalität und Tod begegnen einander und lassen aus dem erotischen Verführungstanz einen knöchernen Totentanz werden.

Doch leider verfliegt der magische Moment genauso abrupt wie er kam und gerät im allgemeinen Gewippe, Gekreisch und Gebrüll fast in Vergessenheit. Ganz klar fehlt dem Abend ein politischer, sozialer, historischer Kontext, in dem man ihn verorten könnte. Nur dann kann Resonanz entstehen, hätte Resonanz entstehen können.

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