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StartseiteKultur heuteDas Erbe bleischwerer Jahre01.05.2016

Theater in TunesienDas Erbe bleischwerer Jahre

Seit 40 Jahren gehören Fadhel Jaibi und seine Frau Jalila Baccar zu Tunesiens bekanntesten Intellektuellen. Mit Baccars drastischem Stück "Violences", das über staatliche Folter und sogar Homosexualität in Tunesien spricht, liefern sie eine Reflexion über den gegenwärtigen Zustand des Landes. Jetzt ist es in Mülheim an der Ruhr gespielt worden.

Von Dorothea Marcus

Die tunesiche Schauspielerin Jalila Baccar und der Regisseur Fadhel Jaibi halten sich bei der Eröffnung eines Filmfestivals in Tunis an der Hand. (afp/ Fethi Belaid )
Fadhel Jaibi (li.) und und Jalila Baccar in Tunis im Jahr 2008. (afp/ Fethi Belaid )
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Eine Frau besucht ihre Tante im Gefängnis, sie hat ihren Ehemann ermordet. Der Wärter bedroht sie mit obszönen Gesten. Ein schwuler Mann tötet seinen Geliebten. Eine Bäuerin vergiftet ihren gewalttätigen Sohn. Drei Schüler werfen eine Lehrerin aus dem Fenster. Die Frau im Gefängnis frisst Blumen und verweigert die Begnadigung des Präsidenten. Dschihadisten überfallen ein Theater. Das Stück "Violences" ist die Zustandsbeschreibung einer verrohten und verwirrten Gesellschaft. Eine düstere Aneinanderreihung von Szenen, in denen Gewalt nie direkt gezeigt wird, aber aus allen der intensiv gespielten Szenen spricht. Albert Camus Satz: "Ein Mensch verhindert sich selbst", wird mehrfach gesagt. 99 Prozent aller Tunesier sind depressiv! ruft eine Krankenschwester, die durch Dschihadisten ihre Hand verloren hat. Ist das eine Diagnose der Lage Tunesiens nach der Revolution? Autorin von "Violences" ist die berühmte tunesische Schauspielerin und Schriftstellerin Jalila Baccar.

"Wir kommen aus einem Land, das es nicht gibt. Niemand hat vorher je von Tunesien gesprochen, außer in touristischen Broschüren. Keine Erdbeben, keine Katastrophen. Und dann kam die Revolution. Eine totale Umwälzung von allem, die mit großen ökonomischen Schwierigkeiten einherging. Wir Tunesier brauchen Zeit, um die innere Gesundheit und Stabilität wiederzuerlangen."

"Wir fühlen uns in Tunesien wie in einer Art postnatalen Depression. Aber sie betrifft eine Frau, die auch vorher schon deprimiert war. Denn wir kommen immerhin aus bleischweren Jahren", fügt Fadhel Jaibi hinzu.

Große Theaterszene vor der Revolution

Er ist eine der berühmtesten Figuren des arabischen Theaters und spricht heute noch wehmütig vom früheren Präsidenten und Gründer des modernen Tunesiens Hagib Bourgiba, der vom autoritären Präsidenten Ben Ali abgelöst wurde. Seit 40 Jahren gehören Baccar und Jaibi zu Tunesiens bekanntesten Intellektuellen, mit großem Einfluss auch auf Jugendliche, die am Nationaltheater ausgebildet werden. Das Stück untersuche in erster Linie das Böse im Menschen, nicht nur die Lage in Tunesien. Dennoch seien Verwirrung und Frustration in der nachrevolutionären Situation besonders groß. Kunst sei eine Möglichkeit, dem ein Ventil zu verschaffen, sagen sie. Bereits vor der Revolution gab es in Tunesien eine große Theaterszene mit rund 600 Theatergruppen. Nach der Revolution habe sich die Situation der Kultur nicht wesentlich verbessert. Jalila Baccar:

"Das Budget des Kulturministeriums ist nicht gestiegen. Obwohl alle Parteien sagen, dass man sich nur mit Kultur vor den Islamisten, Salafisten und Obskurantisten schützen kann. Aber das sind nur Worte. Keine der Regierungen nach der Revolution hatte bisher eine Vision von Kultur, die auch kulturelle Bildung mit einschließt. Es gibt keine Kulturpolitik in unserem Land. Es gibt lediglich Individuen, die einzelne Projekte verfolgen."

"Das sind Experimente von Einzelnen, von Grenzgängern. Dennoch würde ich sagen: Objektiv gesehen gibt es jetzt mehr Menschen im Kulturbereich, auch wenn das nicht unbedingt mehr Qualität bedeutet. Aber es gibt mehr Orte, an denen etwas stattfindet, mehr Freiheiten. Manchmal grenzen sie an Wahnsinn, da sich das Land in einer Situation allgemeiner Verwirrung befindet", fügt Fadhel Jaibi dennoch vorsichtig optimistisch hinzu.

Europäer sollten Tunesien gerade jetzt besuchen

Wäre ihr drastisches Stück, das über staatliche Folter und sogar Homosexualität in Tunesien spricht, vor der Revolution möglich gewesen?

"Wir machen in Tunesien seit 40 Jahren Theater. Wir haben auf der Bühne schon immer von politischen und moralischen Tabus gesprochen. Der große Unterschied heute ist: Damals gab es eine politische Zensur. Heute ist die Zensur eher moralisch-religiös, es droht eine Selbstzensur der Künstler. Das ist die große Gefahr."

"Heute hat man mehr und mehr das Gefühl, in zwei Ländern zu leben. Das eine Land ist ein Land der Aufklärung, weltlich, bürgerlich, mit starker Zivilgesellschaft, und das andere Land ist tief in der islamisch-arabischen Kultur verankert. Wir müssen alles dafür tun, dass sich diese zwei Länder nicht gegeneinander wenden. Hoffen wir, dass es nicht passiert."

Dennoch: Europäer sollten Tunesien gerade jetzt besuchen, wünscht sich Jalila Baccar, es sei ein faszinierendes Land mit großer Gastfreundschaft, das Unterstützung gerade jetzt dringend bräuchte.

"Die wirtschaftliche Lage momentan ist katastrophal. Doch selbst wenn noch sehr schlimme Zeiten vor uns liegen, habe ich Vertrauen in dieses Volk."

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