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StartseiteCorso"Politiker sind letzten Endes auch nur Schauspieler"21.11.2014

Theater-Kollektiv Rimini-Protokoll "Politiker sind letzten Endes auch nur Schauspieler"

Stefan Kaegi von Rimini-Protokoll spricht im Corso-Gespräch über das neueste Projekt des Künstlerkollektivs, seine Lust an Unvorhersehbarkeiten und die Verwandlung des Theaters in einen Ort, an dem der Zuschauer immer mehr zu einem Akteur wird.

Stefan Kaegi im Gespräch mit Alexander Kohlmann

Der Regisseur Stefan Kaegi (AFP / Boris Horvat)
Der Regisseur Stefan Kaegi (AFP / Boris Horvat)
Weiterführende Information

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Rimini-Protokoll, das ist nicht nur ein Abkommen zum Klima-Schutz, sondern auch ein inzwischen legendäres Theaterkollektiv. Seit fast 15 Jahren bilden Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ein Autoren-Regie-Team, dass immer wieder für Aufsehen in der deutschen Theaterlandschaft sorgt.

Das Trio erfand Anfang des Jahrtausends die sogenannten "Helden des Alltags" - auf der Bühne standen keine Schauspieler mehr, sondern Menschen, die als "sie selbst" über bestimmte Themen sprachen - zum Beispiel in einem Abend über den Tod. Später holte "Rimini-Protokoll" in "100 Prozent" ganze Städte auf die Bühne, jeweils 100 repräsentativ ausgewählte Einwohner, zum Beispiel aus London, Braunschweig oder Berlin repräsentierten IHRE Stadt - eine Statistik wurde so zu einer greifbaren Realität.

In jüngster Zeit verschwanden jedoch die "Helden des Alltags" zunehmend aus den Rimini-Protokoll-Produktionen. Ersetzt wurden sie, wie in "Volksrepublik Volkswagen" am Schauspiel Hannover, durch echte Schauspieler oder - wie bereits im Erfahrungslabyrinth "Situation Rooms" - gleich ganz durch den Zuschauer. Einen Zuschauer, der nicht mehr im dunklen Raum des Theaters sitzt, sondern zu einem entscheidenden Moment der Inszenierung wird - und als Akteur auch aktiv eingreifen kann. So auch in der neuesten Mammut-Produktion des Kollektivs, "Welt-Klimakonferenz", die heute Abend am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg Premiere feiern wird.

Alexander Kohlmann hat sich in den Kulissen umgesehen und mit Stefan Kaegi ein Corso-Gespräch geführt.

 


 

Das Interview in voller Länge:

Alexander Kohlmann: Herr Kaegi, eben stand ich im Zuschauerraum des Deutschen Schauspielhauses, da war alles so eingerichtet, als ob da wirklich eine Konferenz stattfindet, also mit so einem Konferenzpodium und einem Beamer, der alles übertragen hat, man hat gedacht, die Delegierten kommen da gleich hin. Und jetzt sitzen wir in so einem Raum, erinnert mich ein so ein bisschen an das Palmen-Café auf der TITANIC, also wir haben edle Verzierungen, viele Regenwaldpflanzen dazwischen, also auch ein inszenierter Raum und immer mehr stelle ich mir die Frage, was passiert denn da jetzt eigentlich, wenn die Delegierten, die ja Zuschauer sein sollen, wenn die dann jetzt alle eintreffen, am Wochenende zu "Welt-Klimakonferenz", was habt Ihr da vor?

Stefan Kaegi: Ja, das wird tatsächlich aussehen wie eine Konferenz, die Leute werden ankommen und bekommen als erstes gegen ihre Theaterkarte eingetauscht eine Länder-Delegation zugeteilt, also "Bolivien" Sie, "Indonesien" ich und die nächsten sind "USA" oder was auch immer, man kann nicht wählen, man wird in einen Standpunkt per Zufallstreffer hinein gelost. Und von da weg enthält das kleine Büchlein, was der Delegierten-Pass ist, auch ganz viele Informationen, erstens mal über dieses Land, Brutto-Sozialprodukt, CO² Ausstoß - ganz wichtig - aber auch Klima, Niederschläge, Küstenlänge, Waldanteil, Industrie- und Energiemix, Informationen, die wir jetzt eigentlich seit einem halben Jahr sehr minutiös recherchiert haben. Das gibt es erstmal so im Plenum, aber daneben eben ist bei solchen Konferenzen der Zeitplan wichtig, wo man die eigentlichen Unterredungen hat, die Briefings, die Meetings, die bilateralen Gespräche, jetzt wie wir so hier sitzen in so einer Nische vom Café, so trifft sich dann eben vielleicht Bolivien noch mal mit Venezuela, um eine gemeinsame antiimperialistische Strategie zu entwerfen oder die EU hat immer ihre Briefings eine Stunde bevor es im Hauptsaal losgeht bei der richtigen Konferenz. Und so ähnlich trifft sich auch die EU bei uns erstmal unten in der Kantine in Teilen oder auf der Hinterbühne...

Kohlmann: Aber wenn ich jetzt mal so dazwischen gehen darf, das klingt jetzt erstmal nach realem Konferenzablauf, die EU trifft sich in Bolivien, aber wie gehen Sie damit um, dass das Publikum wahrscheinlich ja mitnichten vorbereitet ist auf das, was sie da erwartet. Oder kriegen die Abonnenten das vorher zugeschickt, ihr Pamphlet, was sie zu spielen haben?

Kaegi: Wäre auch eine gute Strategie, nein, dafür haben wir ja unsere 20 Experten aus allen Kontinenten kommend, wir haben einen Politologen aus Nigeria, eine aus Südamerika, wir haben eine Iranerin, wir haben jemand aus Bangladesch, die briefen die Leute erstmal regional, was ist überhaupt die politische Konstellation, mit wem darf ich auf keinen Fall mit Israel reden, wenn ich Ägypten bin, oder vielleicht doch, aber nicht dann mit Iran auch noch dabei, also diese ganzen komplexen Verhältnisse, da wird man sukzessive rangeführt und das wird sehr spielerisch geschehen.

Kohlmann: Aber es ist schon so, dass da jeder einzelne quasi auch Entscheidungen treffen darf, das klingt jetzt so, wie wenn ich in so eine Gruppe reingehe... also kann man da wirklich Politik machen?

Kaegi: Die Leute werden immer angesprochen als Delegierte über den ganzen Abend hinweg und werden da hineinversetzt. Sie werden auf diese Rolle, auf diese politische Rolle vorbereitet, darin begleitet, beraten, weil, wir wissen ja auch, Politiker sind letzten Endes auch nur Schauspieler, die natürlich, hoffe ich doch, meistens ihre eigene Meinung vertreten, aber dafür haben sie viele Berater, um diese Meinung erstmal gut vermitteln zu können. Und um die richtigen Hintergrundinformationen zusammen zu haben - und genau das geschieht.

Kohlmann: Das ist eigentlich ein gigantisches Live- Rollenspiel, kann man sagen, oder?

"Es ist aber nicht so, dass man sehr viel selber spielen muss"

Kaegi: Das ist schon so, dass man sich sozusagen in einer Figur bewegt den ganzen Abend, indem man eben dieses Schildchen hat. Und dadurch entsteht natürlich eine Interaktivität. Es ist aber nicht so, dass man sehr viel selber spielen muss. Es ist schon etwas, wo man erstmal viel Input kriegt, viel zu sehen bekommt, viel erlebt auch - auf der Hinterbühne ist eine riesige, wie soll ich das beschreiben, Sonne aufgebaut, eigentlich, unter der die Länder Afrikas, also die von Hitze bedrohten Länder, auch sehr körperlich in Erwärmungszustände hineinversetzt werden.

Kohlmann: Herr Kaegi, als ich das erste Mal von Rimini-Protokoll gehört habe, während meines Studiums Anfang des Jahrtausends, da war ihr großes Label die "Helden des Alltags", wir Studenten worden da alle hingeführt und sahen so Menschen, die auf der Bühne standen und erzählten, was ihr Beruf ist und wir saßen aber noch ganz normal im Zuschauerraum, jetzt habe ich neulich von Ihnen "Volksrepublik Volkswagen" in Hannover und war ganz überrascht, weil Schauspieler dort plötzlich wieder Rollen spielten, was ist denn da inzwischen eigentlich passiert in den letzten Jahren?

Kaegi: Ja, letztendlich gibt es eine Grundregel für unser Label, wenn immer man etwas gefunden hat, versuchen wir das Theater nochmal neu zu erfinden oder das Label zu benützen, um etwas anderes auszuprobieren. So ist auch diese Veranstaltung hier ein Event, wie wir ihn noch nie so probiert haben. Wir haben noch nie ein so großes Reenactment wo bis zu 650 Zuschauer dran teilnehmen und sozusagen irgendwie in Rollen versetzt durch das ganze Gebäude auf sieben parallelen Bühnen sich bewegen. Also, hoffentlich immer wieder neu, und immer wieder so, dass sie das nächste Mal wieder fragen, was ist denn jetzt da die Grundregel dahinter.

Kohlmann: ...ich beobachte das so bisschen. Diese "Helden des Alltags" sind irgendwie, habe ich das Gefühl, ersetzt worden durch den Zuschauer als eigenen Helden. Also ist sozusagen ein neuer Fokus auf den Zuschauer, der selber mitagiert oder wie würden Sie das beschreiben.

Kaegi: Also ich denke, dass da sich auch einfach das Theater weiterentwickeln soll auch in einer Zeit, in der man auch immer aktiver interaktiv eingebunden ist, wo Medien immer weniger Einwegmedien sind, sondern wahrscheinlich gibt es auch zu diesem Radio-Beitrag, schon während er läuft, irgendwelche Blog-Einträge unten dran und so. Muss man vielleicht schon darüber nachdenken, ob Theater auch Formen von größerer Einbindung möglich machen, ob Theater-Spielen möglicherweise in Zukunft auch was anderes bedeuten kann, als das da einige wenige Auserwählte da Anderen, die im dunklen Zuschauerraum sitzen, etwas vorspielen, sondern eher, dass Theater letzten Endes etwas ist, was man miteinander spielt. Und diese ganzen Unvorhersehbarkeiten, die da entstehen, sind natürlich das interessante, wenn sich jetzt jemand räuspert und wenn Geräusche rundum entstehen - und wenn eben an so einem Abend, weil gewisse Delegierte sich anders benehmen als der Iran normalerweise bei so einer Konferenz, dann ist das natürlich auch interessant, weil man merkt, es geschieht genau jetzt und der nächste Aufführungsabend wird vielleicht ganz anderes verlaufen, weil andere Leute darin sich finden, und da ist Theater dann eben live - und sowas macht uns schon eigentlich bei all unseren Projekten Freude, wenn es eben nicht bis zum letzten Moment planbar ist, wenn wir sozusagen viele Verabredungen, Codes kontextualisieren, aber nicht bis zu Ende entscheiden, was letztendlich geschieht.

Kohlmann: Vielleicht noch eine Frage zum Schluss, es ist ja auch gar nicht so selbstverständlich, dass man als Gruppe so lange zusammenbleibt, ich glaube, wie viele Jahre sind es jetzt, fast 15, oder...

Kaegi: ...ja, dürfte so stimmen...

Kohlmann: ...die Ihr unterwegs seid, wie funktioniert das innerhalb der Gruppe, ist das immer alles hübsch demokratisch oder wie muss man sich das vorstellen? Weil es wirklich eine sehr lange Zeit ist.

Kaegi: Es ist so ein bisschen ähnlich lustigerweise wie bei der Klima-Konferenz, weil es ist ja auch so, es wird nicht abgestimmt. Man muss sich einig sein, deshalb geschieht bei der Klima-Konferenz sehr, sehr wenig, weil da sind 196 Länder, die sich einig sein müssen, das geht bei uns, wir sind zu dritt, ein bisschen produktiver voran, aber es geht auch nicht immer mit den demokratischen Mitteln, das ist manchmal ganz selbst referenziell interessant, das irgendwie zu beobachten, wie letztendlich Entscheidungen entstehen, aber es ist auf jeden Fall gut, diskutierend mit vielen Köpfen zu denken, das haben die 15 Jahre glaube ich, gezeigt.

Kohlmann: Und wo sehen Sie die Gruppe, sagen wir mal in 15 Jahren?

Kaegi: Wir haben uns noch keine Immissionsziele gesteckt, dass wir weniger arbeiten werden, aber vielleicht wäre das ja auch mal gut, mal sehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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