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StartseiteKultur heuteWo die Zofen ihre Spiele spielen18.05.2014

TheaterWo die Zofen ihre Spiele spielen

Regisseur Stefan Pucher hat in den Münchner Kammerspielen das Artifizielle von Genets "Zofen" in seine Bühnenästhetik übersetzt. Heraus kam ein Blick in die Abgründe menschlicher Möglichkeiten - kunstvoll und abstrakt kühl.

Von Sven Ricklefs

Annette Paulmann und Brigitte Hobmeier in "Die Zofen" in den Münchner Kammerspielen. (Münchner Kammerspiele / Julian Röder)
Die Schauspielerinnen Annette Paulmann und Brigitte Hobmeier (v.l.) (Münchner Kammerspiele / Julian Röder)
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Sie sind traurige Clowns und Spiegelbilder ihrer Selbst: Claire und Solange. Sie haben weißgeschminkte Gesichter und schwarz angeklebte Haare. Sie sind androgyn erotische Vexierbilder, die sich gleich zu Beginn in der raumhohen Videoprojektion gegenüberstehen. Die eine macht die andere an, indem sie ihr den inhalierten Rauch einer Zigarette lasziv durch ein mondän langes Mundstück in den geöffneten Mund bläst. Sie sind Schwestern und sie sind Zofen. Zofen, die am liebsten Spiele spielen, Rituale, in denen die eine Zofe ist und die andere gnädige Frau, dann, wenn die wirkliche gnädige Frau außer Haus ist:

"Durch mich, durch mich allein kommt der Zofe ihr Dasein zu, durch mein Rufen, durch meine Gesten. Ich höre Ihnen zu. Mir verdankst du, dass du bist. Ich brauchte nur so viel, und du wärst nicht mehr."

Das ist nicht nur das Spiel von Macht und Unterwerfung, das ist auch lieben und hassen, begehren und vernichten. Immer wieder hat sich Jean Genet in seinem Werk mit der Dualität von Verbrechen und Heiligkeit auseinandergesetzt. Oft stilisiert, manchmal auch kryptisch überhöht. Jean Genet: der poete maudit, der aus der Gosse kam, der selbst eine Karriere als Dieb und Stricher hinter sich hatte, der bekennende Schwule, dessen Romane und Stücke regelmäßige Skandale provozierten.

In den Münchner Kammerspielen hat Regisseur Stefan Pucher das Artifizielle Genets in seine Bühnenästhetik übersetzt. Das schwarz ausgeschlagene Tunneloval könnte Kerker wie Kirche sein und ist doch eigentlich das Boudoir der Gnädigen, in dem die Zofen ihre Spiele spielen, in denen sie sich nichts mehr herbeisehnen als den Tod der Herrin. Dabei ist ein Spiel schon Realität geworden, haben sie doch den Hausherrn durch eine Briefintrige hinter Gitter gebracht. Doch selbst dieser Triumph, der allerdings nur von kurzer Dauer ist, selbst der kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eigentlich nicht nur dieser Spiele längst überdrüssig sind.

"Ich habe ihn satt, diesen erschreckenden Spiegel, der mir mein Bild zurückwirft wie einen üblen Geruch. Du bist mein übler Geruch Solange."

Und auch dieses Spiegelmotiv hat Pucher unmittelbar auf die Bühne übertragen. Nicht nur, dass sich die Clownsgesichter der beiden Schwestern frappierend ähneln, sondern immer wieder dient die eine der anderen hinter einem durchsichtigen Spiegel stehend tatsächlich als Spiegelbild. Schließlich sogar lässt der Regisseur die live projizierten Gesichter so übereinander gleiten, dass mal die Augen der einen aus der anderen gucken und mal die andere mit dem Mund der einen spricht. Da haben sich die beiden in ihren zwischen Herrschen und Knechtschaft changierenden Phantasien so verloren, dass man selbst nicht mehr weiß, welche nun gerade in welche Rolle geschlüpft ist. Im Grunde, das wird man am Ende wissen, im Grunde sind die hier auftauchende drei Figuren eigentlich nur eine: eine Person, eine Phantasie, die sich in alle erdenklich ungeheuren Varianten von Dominanz, Vernichtung und sexueller Raffinesse hineinträumt.

Mit Wiebke Puls, Brigitte Hobmeier und Anette Paulmann stehen Regisseur Stefan Pucher drei exzellente Schauspielerinnen der Münchner Kammerspiele zur Verfügung, drei Schauspielerinnen, die bereit sind, den ästhetisch eingeschlagenen Weg der artifiziellen Überspitzung auch im Spiel vollständig auszuschreiten. Denn Jean Genets Stück „Die Zofen", das ist kein aufrührerisches Sozialdrama, sondern ein grauenfreier Blick in die tiefsten Abgründe menschlicher Möglichkeiten, ebenso kunstvoll wie abstrakt kühl. Und genau diese Perspektive kann man jetzt in den Münchner Kammerspielen einnehmen. Mehr geht bei Genet nicht.

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