Donnerstag, 25.04.2019
 
Seit 02:10 Uhr Zur Diskussion
StartseiteOn StageDer Berliner Musiker Lüül 18.12.2015

Theaterkahn im LiederwahnDer Berliner Musiker Lüül

Obwohl seine Tour so heißt, sind seine "Wanderjahre" noch nicht vorüber: Lutz "Lüül" Ulbrich. Der Sänger, Songschreiber, Gitarrist und Banjospieler versteht sich als moderner Troubadour. In den 40 Jahren seines Spielmannlebens hat er nicht nur als Krautrocker musikalische Spuren hinterlassen.

Am Mikrofon: Thekla Jahn

Ein Quartett aus Geigerin, Sänger mit Gitarre, Akkordeonspieler und Kontrabassist steht auf der Bühne´. (Deutschlandradio / Carsten Nüssler)
Auf seiner "Wanderjahre"-Tour zu Gast in Dresden: Lüül & Band. (Deutschlandradio / Carsten Nüssler)
Mehr zum Thema

Lüül - Wanderjahre eines Musikers
(Deutschlandfunk, Corso, 13.07.2015)

Neben seiner Berliner Band Agitation Free gab es u.a. die Frühelektroniker Ashra Tempel, die Velvet-Underground-Sängerin Nico, das Leben in Nord- und Südamerika, in Paris und Berlin, das Rocktheater Reinecke Fuchs, die Neue Deutsche Welle sowie die Band 17 Hippies.

Nun aber, meint Lüül, sei es an der Zeit auch mal kurz innezuhalten, zurückzuschauen auf all die übervollen Jahre und sie neu zu interpretieren. Er hat seine alten Lieder durchforstet, einige herausgegriffen und neu arrangiert, andere hinzugeschrieben. Herausgekommen ist sein Album "Wanderjahre", eine Reminiszenz an die kleinen Helden des Alltags, das alte Westberlin und die vielen Reisen, die der rastlose Musiker unternommen hat.

Aufnahme vom 20.11.15 auf dem Theaterkahn in Dresden

Lüül: "Ich hab ganz früh angefangen. Ich hab die Beatles gehört mit einem Stück – allerdings mit einem Stück von Chuck Berry, "Roll over Beethoven" war das, und das hat mich so begeistert, dass klar war: Ich werde Musiker. Und dann habe ich gesagt: "Vadder, kauf´mir mal ´ne Gitarre." Hat er auch gemacht, meinte aber: "Dann musst Du aber auch üben und Unterricht nehmen." Und ich dachte, das ist nichts Schlimmes, hab es dann auch gemacht."

Thekla Jahn: "War es denn schlimm?"

Lüül: "Nee, ja. Ich hab überhaupt keine Beatmusik gelernt, sondern eher so Tonleitern und so´n Kram. Zweieinhalb Jahre lang habe ich mich da jede Woche hingeschleppt. Aber ich habe schon beim Unterricht damals Manuel Göttsching kennengelernt, der, mit dem ich dann später bei Ashra Tempel spielte. Also: So war das alles nicht ganz verlorene Zeit. Aber meine Eltern dachten natürlich, das ist jetzt so´n Flitz, das geht vorüber. Aber das war nicht so. Ja, und deshalb bin ich so früh schon dabei gewesen und dann auch geblieben."

Jahn: "Wanderjahre", da stellt man sich vor, es gibt eine Zeit, in der man viele Erfahrungen sammelt. Sie haben angefangen mit Krautrock, dann haben Sie Psychedelic gemacht, Rock war dabei, Neue Deutsche Welle, Folkmusik. Da frage ich jetzt -irgendwann macht man aus diesen Erfahrungen ja auch etwas mehr - welches sind die Weisheiten in Ihrem Musikerleben?"

Lüül: "Man gewinnt natürlich an Gelassenheit. Da muss ich auch ganz ehrlich sagen, da sind die "17 Hippies" auch ein bisschen mit dran schuld, weil ich mit denen mit Abstand die meisten Konzerte gespielt habe in den letzten 20 Jahren. Und da haben wir oft gemerkt, dass auch wenn mal was schiefgeht, es reißt einem keiner den Kopf ab. Man wird auch nicht gleich ausgebuht oder sonst was. Also da kann man ganz gelassen rangehen. Das ist das, was ich gelernt habe. Und was natürlich wichtig ist, finde ich, im Musikerleben oder was das Musikerleben einen auch lehrt, ist einfach "offen zu bleiben für alles". Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Sache. Und wir kommen auch ganz viel rum, jetzt nicht mit der Lüül-Band, da sind wir deutschsprachig, aber mit den "17 Hippies" oder auch mit meinen anderen Bands, und wenn man andere Kulturen kennenlernt und reist, diese ganzen Eindrücke, die ich da sammeln durfte, das ist schon ein großes Glück. Und das gehört zum Musikerleben, jedenfalls wie ich es verstehe, dazu."

Jahn: "Die unterschiedlichen Musikstile, die sie in ihrem Leben gespielt haben, waren das immer Lebensphasen, die dazu geführt haben, dass sie sich sagten: diese Lebensphase braucht einen bestimmten Stil? Oder war es eher andersherum: Einflüsse von außen, wo Sie gesagt haben: die nehme ich jetzt einfach mal auf?"

Adeliger Arztbesuch

Lüül: "Ja eher das. Also ich war zwar bei vielen Gründungen von irgendwelchen Bands dabei, aber das war nie so geplant. Es hat sich einfach immer so ergeben bei mir. Ich bin da immer sehr vielgleisig gefahren. Lüül ist nicht so bekannt für: der macht jetzt das. Das ist eher so ein bisschen diffus bei mir, deshalb können mich die Leute nicht so ganz einordnen. Und dann gibt es noch den Namen Lutz Graf Ulbrich. Ich bin ja jetzt Graf, meine Frau ist ja Gräfin, deshalb heiße ich jetzt Graf."

Jahn: "Da sind Sie aber jetzt stolz drauf..."

Lüül: "Ja,...da heiß ich jetzt Graf Ulbrich. Neulich war ich wieder beim Arzt: "Herr Graf Ulbrich bitte". Das ist dann immer schön."

Jahn: "Das tut gut, besser als wenn er sagt: "Lüül bitte ins Sprechzimmer"... Die neue CD "Wanderjahre", die hat einen Opener, der heißt "West Berlin". Dieser Opener war von Anfang an als die CD rauskam so das Stück, das durch die Decke ging. Aktuell ist es in der Liederbestenliste im November auf Platz 1. War es Ihnen klar, das "West Berlin" – ausgerechnet natürlich in diesem Jahr 25 Jahre deutsche Einheit- das Stück werden wird, das gut funktioniert?"

Lüül: "Das jetzt nicht. Aber als ich das Stück geschrieben habe, vor ungefähr einem Jahr war das, da waren wir eingeladen mit der "Lüül Band" nach Frankreich zu einem kleinen Fest, das die Franzosen da feierten und es war zur Ehrung des 25. Jahrestages des Mauerfalls. Da habe ich mich schon ein bisschen beschäftigt mit Berlin oder mit dem Lied "West Berlin", weil: Ich bin geborener Berliner, also Westberliner, aber habe es nie geschafft ein Lied über meine Stadt zu schreiben. Und das war so ein Anlass. Und dann habe ich auch nochmal eine Dokumentation gesehen über die Beat Generation. Das sind Leute in den 50er, 60er Jahren gewesen - Jack Kerouac kennen die einen oder Allen Ginsberg. Und mit welcher Vehemenz die damals die Worte so rausgeschleudert haben und so mit einer Faszination und einer Hingabe. Da habe ich gedacht: so etwas will ich auch mal wieder schaffen, wo so die Begeisterung mit dir durch die Decke geht. Dann kam das so zusammen. Und dann war wirklich das Problem bei diesem Lied "West Berlin", dass ich so viele Assoziationen hatte, weil Westberlin gibt es nicht mehr, es ist quasi weg – man freut sich einerseits, andererseits ist man auch ein bisschen wehmütig, ja- da fielen mir so viele Sachen ein, Assoziationen, dass wir das eher kürzen mussten."

Jahn: "Wehmut oder Melancholie schwingt da immer mit – ist Melancholie eine ganz wesentliche Seite von Lüül?"

Lüül: "Nee. Es hat wirklich ein bisschen mit meinem Alter zu tun. Ja, es ist wirklich so. Ich bin jetzt 62 und da guckt man schon mal so ein bisschen auch zurück, ja, ist einfach so, bei mir jedenfalls. Das muss aber jetzt nicht so weitergehen. Zum Beispiel arbeite ich jetzt an einem neuen Lied, das ist ein Auftrag über "Menschvermessung". Ja, Menschvermessung ist ein neues Thema, Big Data. Ich wußte da gar nichts von, aber das kommt jetzt gerade. Das ist mal wieder so ein neuer Anreiz, wo es mal in eine andere Richtung geht. Aber tatsächlich: die "Wanderjahre CD" ist ein bisschen retro, teilweise sind es auch alte Songs, die wir nochmal neu eingespielt haben mit der Band, weil ich wollte einfach mal auf dieser Platte "Wanderjahre" meiner Band ein Forum geben, weil wir spielen jetzt schon so lange zusammen und das ist ne tolle Band. Und ich wollte die CD so klingen lassen, wie die Band klingt. Wir haben alles so ganz einfach aufgenommen, zusammen bei einem Freund außerhalb Berlins haben wir vier Tage lang aufgenommen, und es war ganz toll und zauberhaft und hat auch einen intimen Charakter bekommen, genauso wie ich es mir eigentlich gewünscht hatte."

Jahn: "Stichwort: Lange-schon-zusammenspielen. Die 17 Hippies haben dieses Jahr die 20 Jahre Jubiläumstour, damit sind sie unterwegs, die Bandmitglieder hier sind auch bei den 17 Hippies. Ist das so eine Art Musikerkommune?"

Hippie sein, ohne zu kiffen

Lüül: "Nee gar nicht. Aber man könnte natürlich dran denken, wenn man "Hippies" denkt. Also ich bin der einzige alte Hippie da in dieser Band und – ich kann es schon mal sagen – es gibt auch Leute in der Band, die Hippies hassen. Ja. Aber: Ich weiß noch, wie ich das erste Mal- ewig her jetzt- wo ich ein Bankkonto eröffnet habe und ich da am Bankschalter stand und die fragten mich, wie auf welchen Namen, und ich sagte: "17 Hippies".Und dann ging so ein Lächeln über das Gesicht dieser Dame und da dachte ich: Ja, irgendwie hat es was, das ist ein guter Name, wenn man international tourt. Aber: Es ist keine Kommune. Es ist einfach eine Gemeinschaft von Musikern, die aus ganz verschiedenen Ecken kommen und die alle, und das ist unser kleines Geheimnis, wirklich große Hürden überwinden mussten, um miteinander überhaupt in Gang zu kommen, weil, es gibt da Klassiker, da gibt es Jazzer, Rockmusiker und am Anfang auch Amateure, die da mit reinkamen. Das war ja extra so geplant. Das war nur Lust und Laune und nicht "Geld verdienen", nicht "reich werden", nicht "berühmt werden". Es hat sich dann aber doch zu einer großen Erfolgsgeschichte gewandelt."

Jahn: "Hippies, das hört sich heute im Jahr 2015 unglaublich anachronistisch an. Sind Sie immer noch ein Hippie, was macht ihn aus?"

Lüül: "Also ich kiffe nicht mehr, aber abgesehen davon fühle ich mich durchaus schon noch als Hippie, auch wenn ich jetzt vielleicht nicht so aussehe, aber der Geist ist schon ein offener und ein liberaler und ein toleranter und ich finde, das haben auch immer die Hippies für mich bedeutet und insofern kann ich das schon noch bejahen."

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk