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StartseiteCorsoGegen die Gewalt anspielen30.06.2016

Theaterprojekt an Berliner ProblemschuleGegen die Gewalt anspielen

Die Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule in Berlin-Hellersdorf gilt als Problemschule. Vor einem halben Jahr war die Lage derart schlimm, dass Eltern einen Brandbrief an die Berliner Schulverwaltung schrieben. Nun macht ein Theaterprojekt an der Schule Gewalt und Respektlosigkeit zum Thema. Schauspieler und Schüler stehen dabei gemeinsam auf der Bühne.

Von Oliver Kranz

Ein kleines Mädchen sitzt an eine Wand gelehnt neben ihrem Schulranzen und hält sich die Hände vors Gesicht. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer/dpa)
In der Berliner Mozart-Schule wurden Schüler verprügelt, Gegenstände aus dem Fenster geworfen und Mitschüler in Mülltonnen gesteckt - bis die Eltern einen Brandbrief an die Schulverwaltung schrieben. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer/dpa)
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Erst singen nur die erwachsenen Schauspieler, dann stimmen die Kinder mit ein. Frust abzulassen, kann sehr befreiend sein.

"Es geht um unsere Schule und wie es da so läuft… Kinder werden beleidigt. Manche klettern über Zäune und so was. Die Polizei ist oft da."

"Wir haben eine Mülltonnenstory, da werden zwei Kinder in die Mülltonne gesteckt. Das ist wirklich passiert, dass zwei Kinder aus unserer Klasse in die Mülltonne gesteckt wurden."

"Sie machen es ja immer noch weiter. Nicht die gleichen, aber immer noch andere."

Aus dem Schulalltag ein Stück gebaut

Aus dem, was Kinder der Klasse 5a über ihren Schulalltag berichten, hat Cindy Ehrlichmann vom Theater O.N. das Stück gebaut. Auch Lehrer hat sie befragt:

"Es ging vor allem um Überforderungssituationen. Also es gab ein paar, die ich interviewt hatte, die als Referendar frisch an die Schule kamen und natürlich mit der Situation überfordert waren, dass es Schüler gibt mit sehr unterschiedlichen Bedarfslagen."

Viele Schüler kommen aus schwierigen Milieus. Darauf waren die angehenden Lehrer nicht vorbereitet. Auf der Bühne steht ein großer Sandkasten, der mit orangenen Bällen gefüllt ist. Im Stück setzt sich eine Lehrerin an den Rand und will mit der Klasse reden, doch bevor sie etwas sagen kann, fliegt ihr ein Ball entgegen. Als sie nicht reagiert, prasseln weitere Bälle auf sie ein. Auf einmal gibt es kein Halten mehr. Die Szene wirkt wie eine Steinigung. Die Lehrerin ist völlig hilflos.

"Das ist, glaube ich, das, was in solchen chaotischen Unterrichtsstunden stattfindet. Man sieht auch, dass die Schüler und Schülerinnen gar nicht von Anfang an planen, jetzt die Lehrerin anzugreifen. Es ist eher die Dynamik, die sich ergibt. Die haben Lust daran und fangen mal an und machen dann halt weiter, weil es keine Struktur gibt, die ihnen Einhalt gebietet."

Probleme aufzeigen - nicht anklagen

Die Produktion soll nicht anklagen, sondern Probleme aufzeigen, sagt die Regisseurin. Die Mozartschule in Hellersdorf soll auf keinen Fall stigmatisiert werden:

"Es sind Probleme, die man lösen kann. Aber man braucht halt ein bisschen Struktur. Man kann die auf jeden Fall nicht alleine lassen mit 29 Schülern, die einen sehr hohen Bedarf haben."

Unterricht in zu großen Klassen, mit ungeeigneten Lehrern kann nicht gut gehen. In Berlin werden Studienräte, die eigentlich an weiterführenden Schulen unterrichten sollen, an Grundschulen eingesetzt, weil es dort an Personal mangelt. Doch nicht alle kommen mit Grundschulschülern klar. An der Mozartschule ging es vor allem in den Klassen drunter und drüber, die von Studienräten unterrichtet wurden.

Nach dem Brandbrief der Eltern hat sich an der Mozartschule vieles verändert. Es gibt einen neuen Direktor, eine straffere Pausenaufsicht und kleinere Klassengrößen. Trotzdem ist das Theaterstück wichtig, sagt Maxi Stier. Sie ist die Lehrerin der Klasse, die in der Inszenierung auf der Bühne steht:

"Wenn ich viele Szenen sehe hier, dann denke ich: Oh Gott, so ist das. Es gibt eine Szene, wo eine Lehrerin beworfen wird mit Bällen. Dieses Ausgeliefertsein, diesen Frust der Kinder, dieses Abhalten Müssen der Reaktionen, das ist Wahnsinn. Ich hoffe, dass auch vom Schulamt welche kommen, vom Senat, dass sie wahrnehmen, was ist Schule."

Die Inszenierung ist herzerfrischend direkt. Erwachsene und Kinder begegnen sich in einem Chor, in dem sie gemeinsam fluchen und sichtbar Spaß haben. Man blickt in viele strahlende Gesichter. Es wird Aufbruchsstimmung vermittelt, auch weil das Stück viele wichtige Probleme beim Namen nennt.

 

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