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StartseiteKultur heuteSelbstisolation als Flucht aus dem kapitalistischen System13.12.2019

Theaterstück "The Vacuum Cleaner"Selbstisolation als Flucht aus dem kapitalistischen System

Sie verlassen die Wohnung jahrelang nicht mehr, arbeiten nicht und leben extrem zurückgezogen bei ihren Eltern: sogenannte "Hikikomori" in Japan. Der Theatermacher Toshiki Okada zeigt in München das Leben solcher Menschen - und interpretiert die Isolation als Folge des kapitalistischen Drucks.

Von Sven Ricklefs

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Drei kleinere rechteckige Bühnenräume sind aus japanischen Wänden gebildet und wie Kartons aufeinander gestapelt. Darin stehen oder liegen vier Schauspieler. (Foto: Julian Baumann)
Drei Räume, drei Leben: Nicht alle Familienmitglieder in "The Vacuum Cleaner" sehen sich ins Gesicht. (Foto: Julian Baumann)
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"Weil du so ein Feigling warst, hast du mich so verwöhnt. Weil du so ein Feigling warst hast du dich davor gedrückt, mir Manieren beizubringen und das hier, das ist das Ende vom Lied, ist dir das klar? Das ist deine Schuld, ist dir das klar?"

Die Tochter klagt den Vater an: Sie kriecht im oberen Stockwerk herum, er steht genau unter ihr und hält das aus. Er ist 80, sie ist 50. Sie lebt als sogenannte "Hikikomori" in seinem Haus und gehört damit zu jenen Menschen, die dem gesellschaftlichen Druck des Landes nicht standhalten können oder wollen, und sich völlig zurückgezogen haben. Die meisten von ihnen, deren Anzahl in Japan auf über eine Million geschätzt wird, verlassen über Jahre oder Jahrzehnte nicht mehr ihr Zimmer oder ihre Wohnung. Viele leben bei ihren Eltern.

"Ich werde Dir das im Leben nie verzeihen. Seit ich fünf bin, weiß ich, dass du ein Feigling bist."

Staubsauger für mehr Privatsphäre

Ein wenig ist es so, als sei auch er eine Person in diesem Stück: Der Titelheld "The Vacuum Cleaner", der Staubsauger. Tatsächlich spielt er wohl in Japans Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Denn in dieser Enge und Dünnwandigkeit, in der man dort zusammenlebt, ist der Staubsauger ein sehr beliebter und gängiger Übertüncher jeglicher Art von Geräuschen, die man den Nachbarn nicht hören lassen will.

Die Tochter also schreit - übertönt vom Staubsauger - täglich ihre Wut heraus, und auch der Sohn hat sich längst aus der Arbeitswelt zurückgezogen, auch wenn er immer noch das Haus verlässt, um Stunden in Einkaufszentren oder Parks zu verbringen.

Selbst die Erzählerin ist ein "Hikikomori"

Dann gibt es da noch eine vierte Figur in diesem engen, ineinander verschachtelten Dreiraumhaus von Dominic Huber, dessen Papierwände in den verschiedensten Farben märchenhaft leuchten können. Sie scheint als Erzählerin alles zu wissen und zugleich dann doch wie ein Geist zur Familie zu gehören, zumindest wundert sich nie jemand über ihre Anwesenheit.

Auch sie wird - gekleidet in den Japanchic von Kostümbildnerin Tutia Schaad - schließlich als "Hikikomori" geoutet, die nie wirklich einen Schritt aus diesem Puppenhaus gesetzt hat. Und selbst der von außen kommende Freund beschreibt seine letzte Arbeitserfahrung als eine solche, die er nie wieder machen will:

"Was man da machen muss, ist erbarmungslose Einzelarbeit. Und es bekommen alle so einen Handscanner für die Bestellungen und auf den wird dann die Anweisung geschickt, welchen Artikel man picken muss, und demensprechend gehen wir dann still durch dieses gigantisch große Lagerhaus."

Gesellschaftlicher Druck auch im Körper sichtbar

Nicht also das Versagen des Individuums, sondern die Erbarmungslosigkeit des Systems nimmt Toshiki Okada mit "The Vacuum Cleaner" ins Visier. Dabei scheint der gesellschaftliche Druck zugleich auch in die Körper seiner Opfer gefahren zu sein. Wie schon in seinen vorhergehenden Arbeiten an den Münchner Kammerspielen, hat der Regisseur mit seinen fünf Spielern auch jetzt wieder eine sehr individuelle Bewegungschoreographie entwickelt, die noch einmal jenseits der Sprache in teilweise komischer Absurdität davon erzählt, was in dem jeweiligen gerade vorgeht.

Da zuckt es vom Körper weg oder malt Abstraktes in die Luft. Etwa wenn Anette Paulmann als Tochter darüber philosophiert, ob sie schon einmal daran gedacht hat, den Vater umzubringen, oder auch umgekehrt:

"Mit Sicherheit hat er sich doch schon ein paar Mal auf den Gedanken versteift: Ich bringe sie um, ich habe ja gar keine andere Wahl."

Und so zeigt "The Vacuum Cleaner" auf ebenso leise wie absurd melancholische Weise, welche Wirkung die perversen Auswüchse unseres kapitalistischen Systems auf den Menschen haben - sei es nun in Japan oder anderswo.

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