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StartseiteKultur heuteIch bin kein Rassist, aber...23.11.2019

Theaterstück "White Male Privilege" Ich bin kein Rassist, aber...

Ein Magazin zeigt ein klischeehaftes Bild einer schwarzen Frau auf dem Cover - und handelt sich einen Shitstorm ein. War die Publikation ein Versehen - oder die Folge von strukturellem Rassismus? Die Frage stellt Annelies Verbeke in ihrem neuen Stück. Zu sehen im Theaterhaus Jena.

Von Thilo Sauer

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Eine Szene aus dem Theaterstück "White Male Privilege". Zu sehen sind zwei Frauen und ein Mann, alle drei stehen. Die Frau, die ganz rechts steht, hält ein Tablett mit Käse. Der Mann - zur Linken - schenkt gerade aus einer Flasche Weißwein in ein Weinglas ein. Die Frau, die in der Mitte steht, lacht herzlich. (Theaterhaus Jena / Joachim Dette)
Erstmals auf einer deutschen Bühne: Das Theaterhaus Jena zeigt das Stück "White Male Privilege" von Annelies Verbeke (Theaterhaus Jena / Joachim Dette)
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Eigentlich sollte das Cover Multikulturalität feiern, wollte divers sein und endlich mal "nicht-weiße" Menschen in den Mittelpunkt stellen.

"Ich wollte einfach nur eine schöne schwarze Frau zeichnen."

... schreit die Künstlerin Lesley zu ihrer Verteidigung. Doch andere erkennen in der Nacktheit der Dargestellten, ihrem großen Hintern und den vollen Lippen rassistische Klischees. So entsteht unter dem Hashtag "#zurschieflagedernation" ein Shitstorm gegen den deutschen Ableger der "Cult Weekly", der das Redakteursteam immer mehr in Bedrängnis bringt. Am späten Abend treffen sich Inga, Tom und Lesley zu einer Krisensitzung und überlegen, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Tom: "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es durchaus hysterische Reaktionen wegen Diskriminierung gibt. Und es ist auch so, dass die Rassismus-Karte manchmal allzu schnell gespielt wird. Kann man ruhig mal sagen."

Inga: "Vielleicht aber nicht unbedingt auf der Pressekonferenz."

Rassismus, Sexismus, soziale Frage

Schnell wandert das Gespräch vom Rassismus weiter zu Geschlechterrollen, Sexismus und dem sozialen Status der Mitarbeiter. Obwohl das Magazin eher links-liberal ausgerichtet ist, finden sich drei gänzlich unterschiedliche Positionen in der Debatte: Die Zeichnerin Lesley ist eher unbedarft und sich ihrer Privilegien oder vielmehr der unterprivilegierten Stellung anderer Menschen nicht bewusst. Inga hingegen fühlt sich moralisch überlegen. Sie versteht, was institutioneller Rassismus ist – immerhin stammt ihr Freund aus Mali. Und dann ist da noch Tom, der immer auf seine Kolleginnen herabzuschauen scheint und der festen Überzeugung ist, dass das alles aufgeblasene Debatten seien.

Lesley: "Ist die Reaktion nicht ein bisschen übertrieben?"

Inga: "Hab' ich doch gesagt, dass das bei manchen nicht so gut ankommt. Ich wollte euch noch warnen, aber ihr habt mich nicht ausspr…"

Tom: "Heutzutage füllt jeder seine Identität mit persönlicher Kränkung an. Das ist doch das eigentliche Problem."

Autorin Annelies Verbeke hat ein Kammerspiel geschrieben – das die heutige Debattenkultur auf bemerkenswerte Weise karikiert. Bis auf einige Ausnahmen wandert das Stück geschickt von einem Klischeethema zum nächsten. Das Gesagte überrascht dabei selten, ganz im Gegenteil: Mindestens einmal im Stück wird sich wohl jeder Zuschauer oder Zuschauerin fragen, ob man dieses Argument nicht schon einmal gehört hat. Genau das deutet bereits der Titel "Geht das schon wieder los" an, denn bei vielen Themen sind die Fronten verhärtet. Die Diskussion scheint deswegen nie beendet werden zu können.

Exotismus und Klischees

Verbeke versucht, die Positionen gleichzeitig zu dekonstruieren: Da ist der Mann, der davon profitiert, dass Männern immer Stärke zugeschrieben wird, der aber sehr gefühlvoll ist, weint und bei Stress aus der Nase blutet. Und Inga tut zwar gerne weltoffen, doch ihre Beziehung zu einem Mann mit afrikanischen Wurzeln wächst auch eher aus einer Vorliebe für Exotismus. Die Fassade der Weltoffenheit bröckelt, als sich alle drei über die Kollegen des amerikanischen Mutterkonzerns aufregen - und dabei kein Klischee über Amerikaner auslassen. Oder als sie ihren Kollegen Rashid, der für die Drucklegung verantwortlich ist, anrufen - als "nicht-weißer" Mitarbeiter müsse er dazu doch eine Meinung haben.

Rashid: "Und ihr könnt mich alle mal mit eurem Scheiß. Von mir kriegt ihr keinen Freispruch. Verstanden! La hawla wa la quwata illa billah!"

Die Schwäche von "White Male Privilege" liegt darin, dass die Figuren selten mehr sind als eben diese Prototypen, ausgestattet mit Eigenschaften, die genau diesem - und nur diesem - Gespräch dienen. Eine fein ausgearbeitete Inszenierung hätte das lösen können, doch leider gelingt das in Jena nicht.

Bühnenbildner Marten van Otterdijk hat die Bühne im Theaterhaus Jena als eine Art Centercourt gestaltet: Das Publikum sitzt auf kleinen Tribünen entlang der vier Wände und blickt in die kreisrunde Manege, die durch helle Holzpaneele begrenzt wird. Hier umkreisen sich die drei Schauspieler in den unauffälligen Kostümen von Cornelia Stephan und werfen sich ihre Argumente und Vorwürfe entgegen.

Hochaktueller Text, aber schwache Inszenierung

Lesley-Schauspielerin Mona Vojacek Koper findet zwar einen passenden Ton für ihre Figur, fällt aber auch immer wieder aus ihrer Haltung heraus. Charlotte Puder überzeichnet die Reaktionen ihrer Figur Inga oft, jedoch nicht stark genug, damit es gewollt wirkt. Und Andre Hinderlich konzentriert sich als Tom zu sehr auf den Text, den er nur mit einfachen Gesten unterlegt.

Den Großteil der Zeit lässt Regisseur Matijs Jansen die Darsteller nur über die Bühne laufen – ohne ersichtlichen Plan oder erkennbares Ziel. Ganz zum Schluss mutieren die Figuren im Kampf um die Deutungshoheit plötzlich zu Tieren, die unkontrolliert und viel zu lange über die Bühne krauchen.

Verbeke hat ein insgesamt starkes und vor allem hochaktuelles Stück geschrieben. Doch leider verpasst es die Regie, mit der Textvorlage zu arbeiten. So bleibt "White Male Privilege" am Theaterhaus Jena eine eher schwache Produktion, die für viele kleine Lacher sorgt, obwohl dem Publikum vielleicht manchmal das Lachen in den Hälsen hätte stecken bleiben sollen.

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