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StartseiteKultur heuteDie Komplexität von Schuld23.06.2017

Theaterstück zum NSU-ProzessDie Komplexität von Schuld

Zombies, wummernde Sounds, eine nackte Beate Zschäpe als personifizierte Schuld - Ersan Mondtag inszeniert an den Münchner Kammerspielen sein Theaterstück "Das Erbe". Mit diesem gewaltigen Bühnenkunstwerk macht Mondtag seinem Regieruf als eigenwilliger Shooting-Star alle Ehre.

Von Rosemarie Bölts

Der Regisseur Ersan Mondtag spricht 2016 in Berlin während der Pressekonferenz zum 53. Berliner Theatertreffen. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Theaterregisseur Ersan Mondtag inszeniert eine bildgewaltige Assoziation zum NSU-Prozess. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
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Er hat’s nach eigener Ansage nicht so mit Goethe und Schiller, dafür aber gern mal mit dem Antikenchor, Gemälden aus dem Mittelalter und der sexistischen Banalität des Alltäglichen, Dr. Oetker-Backpulverwerbung zum Beispiel. Und weil der Regisseur Ersan Mondtag von heute ist, packt er die ganz großen Themen wie in dieser Assoziationskette über "Schuld" in ein "Raumschiff Enterprise" und lässt sechs solcher Außerirdischen mit großen, roten Dr.-Spock-Ohren die Schuld-Geschichte der Menschheit passieren. Das ist für die zurzeit viel gescholtenen Münchner Kammerspiele inszenatorisch endlich mal, um es im Jargon des erst 30-jährigen Regisseurs Ersan Mondtag zu sagen, wow.

"Das Erbe" meint das Gezerre im NSU-Prozess

[Ausschnitt aus dem Stück: Sprechstakkato von Zahlen]

Jahreszahlen, Jahrhundertereignisse, Seitenzahlen, Paragrafen. "Das Erbe" meint das Gezerre im nun schon vier Jahre dauernden NSU-Prozess am Münchner Oberlandesgericht um den Nachweis von Schuld an zehn Morden und etlichen Raubzügen, personifiziert in der Figur der Beate Zschäpe, der einzigen Überlebenden des NSU-Trios. Den Regisseur und die Autorin Olga Bach, die die Vorlage für seine Inszenierung geschrieben hat, interessieren indes nicht die Wiederholung der offiziellen Lesart - NSU gleich rechtsextreme Einzeltäter - , sondern die ganze Komplexität des Schuldthemas, das seit Urzeiten durch die Geschichte wabert und nicht mit einem Richterspruch getilgt wird.

Oben am Bühnenrand rauscht man per Video durch den Weltraum, unten liegt die Welt von gestern. Auf tiefschwarzem Grund in Weiß sind ein ornamentales Teppichmuster und ringsum Bücherwände und Gemälde in verschnörkelten Rahmen aufgemalt. Das hat was von musealer Bürgerlichkeit und wirkt gleichzeitig wie deren skelettierter Abgesang. Hinter dem Vorhang der Alten Welt blickt man in einen kahlen Raum, Lichtweiß geflutet. Gefängniszelle oder Eisbunker, alles denkbar. Mitten auf dem Boden liegt die personifizierte Schuld, stumm, nackt, schlafend, bis sie sich aus dem "Schläfer"-Dasein aufrappelt und aktiv wird. Sich unter die Außerirdischen mischt, das kleine Mädchen gibt. Fröhlich, unbekümmert, zutraulich, allseits präsent, ohne dass sie den Mund aufmachen muss. Das unschuldige Kind.

Klein-Beate als personifiziertes Überbleibsel der Schuld

"Es fasste mich eine wahnsinnige Wut gegen den Juden Eisner. - Ist diese Tat ganz allein in Ihrem Kopf gereift? - Ja, ich habe es ganz allein getan. Ich gehöre keiner Partei oder Verbindung an. Ich habe nur für mein Vaterland meine Pflicht getan."

Bildgewaltig staksen und flattern die sechs Zombies durch die Galaxis. Auch unschuldig, sie referieren ja nur die Fakten, uniformiert und unisex, so gleichgeschaltet. Schwarze Pumps zu dunklen Etuikleidchen über blutroten Shirts und Strumpfhosen, weiße Kniestrümpfe und Handschuhe, weiße Langhaar-Perücken mit roter Tonsur - Gott und die Kirche sind schließlich auch Teil der Schuldgeschichte  - , dunkelrot geschminkte Gesichter und eben diese abstehenden roten Ohren. Dazu die verfremdeten Stimmen über Mikroport und im Unterschleif das Gewummer oder, wie es im Programm heißt, das "Sounddesign".

Nur das kleine Mädchen in ihrer Nacktheit mit dem hochschwangeren Gummibauch, das so echt Beate Zschäpe spielt, passt nicht in dieses teuflisch rote Personal. Oder eben doch. Sie ist das personifizierte Überbleibsel der "Schuld", ohne Worte, aber umso ausdrucksstärker in ihrer gespielten Naivität und Fröhlichkeit, mit der sie sich schützend an die Hand nehmen lässt. Klein-Beate, auf die alle reinfallen? Bis sie zum Schluss nach minutenlangem Schreien und Wimmern und Herumwälzen auf dem Boden ein rotes Gehirn gebiert. Da macht der Shooting-Star auf deutschen Bühnen seinem Regieruf alle Ehre und lässt es krachen. Zuviel des Guten.

 

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