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StartseiteTag für Tag"Seine Sehnsucht nach einer besseren Welt bleibt"02.03.2020

Theologe über Ernesto Cardenal"Seine Sehnsucht nach einer besseren Welt bleibt"

Ernesto Cardenal war Priester, Dichter und Politiker. Der Befreiungstheologe wollte die Welt und die Kirche verändern, der Vatikan strafte ihn ab. "Sehr, sehr viele Menschen teilen diese Faszination weiterhin", sagt der Theologe Gerhard Kruip im Dlf.

Gerhard Kruip im Gespräch mit Gerald Beyrodt

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Der Dichter, Priester und Politiker Ernesto Cardenal 2014 bei einem Auftritt in Bremen. (picture alliance / El Universal)
Ernesto Cardenal - ein großartiges Beispiel für eine Verbindung von Mystik und Politik, so Gerhard Kruip über den Befreiungstheologen (picture alliance / El Universal)
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Gerald Beyrodt: Cardenal hat viele fasziniert in Lateinamerika und auch in Deutschland. Ich bin am Telefon verbunden mit Gerhard Kruip, Professor für Christliche Anthropologie und Sozialethik in Mainz. Guten Morgen, Herr Kruip.

Gerhard Kruip: Guten Morgen.

Beyrodt: Herr Kruip, was bleibt von Ernesto Cardenal?

Kruip: Die Sehnsucht, himmelschreiende Ungerechtigkeit auf der Welt zu überwinden, die ist weiterhin da. Und das ist der eigentliche Auslöser dafür, eben sich nach Gerechtigkeit zu sehnen, nach einer besseren Welt zu sehnen und dafür einzutreten. Und Ernesto Cardenal war einfach ein großartiges Beispiel für eine solche Verbindung von Mystik und Politik, von christlichem Glauben und einer Glaubenspraxis, die zur Verbesserung der Welt beitragen möchte.

Ich glaube, die Faszination ist weiterhin da und es gibt sehr, sehr viele Menschen, die sich von der Situation, in der wir gerade leben, die auch sehr schwierig ist, angesichts des Versagens der politischen Eliten in vielen Ländern, die sich von dieser Situation ansprechen lassen. Und von daher wird die Geschichte weitergehen: Der Kampf um Gerechtigkeit, verbunden mit der Sehnsucht nach Sinn des eigenen Lebens und der gesamten Menschheit und des gesamten Universums, wofür Ernesto Cardenal gestanden hat.

Die Kirche hat an Einfluss verloren

Beyrodt: Wie blickt man denn heute in Lateinamerika auf Ernesto Cardenal?

Kruip: Ich denke, dass sehr, sehr viele Menschen diese Faszination weiterhin teilen. Allerdings hat sich natürlich die Situation auch sehr stark verändert: Es ist heute für viele Länder schwieriger, sozusagen einen eigenen nationalen Weg der Befreiung oder der Errichtung von mehr Gerechtigkeit zu gehen – aufgrund der starken Verflechtungen durch die Globalisierung. Das sah zur Zeit der sandinistischen Revolution 1979 noch anders aus.

Menschen in Nicaragua feiern den Sieg der Sandinistischen Befreiungsfrontüber den Diktator Anastasio Somoza: Ein Feuerwehrauto bringt Mitglieder der neuen Übergangsregierung zum Nationalpalast in Managua (21 Juli 1979). (picture alliance / dpa / AP Photo / P.W. Hamilton)Nach der sandinistischen Revolution 1979 wurde Ernesto Cardenal in Nicaragua zum Kulturminister (picture alliance / dpa / AP Photo / P.W. Hamilton)

Und es ist natürlich so, dass auch die katholische Kirche nicht mehr dieses Gewicht in Lateinamerika hat, wie sie es in den 70er- und 80er-Jahren noch hatte. Es gibt sehr, sehr viele evangelische Freikirchen ganz unterschiedlicher Ausrichtung, und auch in der katholischen Kirche gibt es eben einen großen Konflikt zwischen denen, die so wie Ernesto Cardenal den Glauben als Glaubenspraxis im Dienste der Gerechtigkeit verstehen und denen, die eben stärker Sakramentenpraxis, Gebet, Rituale bevorzugen – und dann der Bezug zur Politik verloren geht.

"Dem Vatikan hat das Einfühlungsvermögen gefehlt"

Beyrodt: Er ist ja letztes Jahr rehabilitiert worden.

Kruip: Ja, die Suspendierung für das Priesteramt ist aufgehoben worden.

Beyrodt: Geht es da um die Person? Oder auch im die Theologie, die man jetzt anders sieht?

Kruip: Also, genau genommen hat es gar nicht so viel mit seiner Theologie zu tun gehabt, sondern einfach mit der kirchenrechtlichen Vorschrift, dass Priester keine politischen Ämter ausüben dürfen. Das ist eigentlich unabhängig von der politischen Richtung, die jemand verfolgt. Und das Problem war halt, dass der Vatikan kaum Verständnis dafür hatte, dass man eine Ausnahmeregelung braucht in einer Situation in Nicaragua 1979, weil eben dort der Bedarf an "guten Leuten", will ich jetzt mal einfach sagen, für die Regierungspolitik sehr hoch war und es gar nicht so viele gab, die man da hätte als Minister einstellen können. Es waren ja vier Priester in der sandinistischen Regierung als Minister tätig.

Und da hat dem Vatikan einfach das Einfühlungsvermögen und das Verständnis für die Situation des Landes gefehlt. Johannes Paul II. hat die Situation sehr aus seinem polnischen Hintergrund her gedeutet und den Marxismus, den er dort erlebt hat in Polen, einfach auf Lateinamerika projiziert, wo die Situation allerdings eine ganz andere war. Also auch eine Vermengung von unterschiedlichen Aspekten spielt da mit.

Auf der Suche nach Glaubwürdigkeit

Beyrodt: Aber Cardenal wollte auch eine andere Kirche. Wie gefährlich hat der Vatikan das gefunden?

Kruip: Ja, es gab ja dann in den 80er-Jahren den harten Konflikt zwischen Rom und der Befreiungstheologie. Der hat sich dann gar nicht mehr so an Ernesto Cardenal entzündet, sondern an Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff, und da hat man eben versucht, diese Richtung zu bekämpfen. Vor allen Dingen, glaube ich, deshalb, weil die Befreiungstheologen eben eine Kirche wollten, wo die Laien – insbesondere auch die Frauen und die Indigenen – sich stärker beteiligen können, ein stärkeres Gewicht bekommen gegenüber dem autoritären Regime sozusagen des Klerus.

Der Sozialethiker Gerhard Kruip (dpa / picture alliance / Oliver Berg)Für Gerhard Kruip steht fest: Ernesto Cardenal fasziniert auch heute noch (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

Beyrodt: Interessant ist ja auch, wie weit diese Theologie der Befreiung in Deutschland fasziniert hat, besonders auch Cardenal. Die Gedichte hingen dann in den Kirchen, in den Dritte-Welt-Läden, die wiederum an den Kirchen dran waren. Wenn man Kaffee trank, dann sprach man von "gerechtem Kaffee". Was hat denn die Theologie der Befreiung, was hat daran in Deutschland so fasziniert und hat auch an Cardenal fasziniert?

Kruip: Fasziniert hat eben die starke Verbindung zwischen dem christlichen Glauben, der christlichen Hoffnung, und dem tatsächlichen Handeln im Alltag, aber auch in der Politik. Also diese Verbindung von Mystik und Politik, von Glaube und konkretem Handeln, die hat fasziniert. Und die war vor allen Dingen dann in Lateinamerika und bei Ernesto Cardenal auch wirklich sehr glaubwürdig. Ich denke, dass viele Christen, die davon fasziniert waren, diese Glaubwürdigkeit hier in Deutschland bei den Vertretern der Kirchen eher vermisst haben, und dann eben sozusagen ihre Sehnsucht nach einem glaubwürdigen Zeugnis auch auf Lateinamerika bezogen haben.

"Für viele war diese Erfahrung entscheidend"

Beyrodt: Aber die, die fasziniert waren, die waren selber keine Bauern oder Fischer, sondern in der Regel recht privilegiert aufgewachsen in Deutschland. Haben die das damals zu wenig gesehen?

Kruip: Nicht durchgängig, aber schon natürlich in Deutschland ist man ja sozusagen ... wenn man in Deutschland aufwächst, ist man sozusagen sowieso schon privilegiert, insofern stimmt das, was Sie sagen. Aber es gab eben auch sehr, sehr viele, die dann nach Lateinamerika gegangen sind, um dort auch eine Zeit lang zu leben, dort eine Zeit lang mitzuarbeiten. Insofern haben die Leute, die diese Vorstellung von einer anderen Glaubenspraxis glaubwürdig leben wollten, die haben das dann auch gemacht und sind dann auch nach Lateinamerika gegangen, haben dort Projekte unterstützt, haben dort mitgelebt. Und für viele war diese Erfahrung dann ganz entscheidend, um überhaupt weiterhin in der katholischen Kirche auch hierzulande sich zu engagieren. Also ich denke, dass, wenn es das nicht gegeben hätte, dieses Vorbild von Ernesto Cardenal und anderen Befreiungstheologen, dann hätten sehr viele Menschen sehr viel früher hier ihr kirchliches Engagement aufgegeben.

Der Dichter, katholische Befreiungstheologe und ehemalige Kulturminister von Nicaragua, Ernesto Cardenal, trägt sich im Kaminsaal des Bremer Rathauses in das Goldene Buch der Hansestadt Bremen ein. Der Bremer Senat empfing den 89-Jährigen zum Start einer bundesweiten Lesereise. (imago / Eckhard Stengel) (imago / Eckhard Stengel) Zum Tod von Ernesto Cardenal: Revolutionär und Mystiker
Ernesto Cardenal war ein bedeutender Vertreter der Befreiungstheologie und einer der großen Dichter Lateinamerikas. In Deutschland hatte der 1925 in Granada geborene Priester eine treue Fangemeinde. Für die Verbreitung seiner Schriften und Gedichte sorgte ein Wuppertaler Verlag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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