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Theologe und Soziologe Tomáš HalíkDie Zeit der leeren Kirchen

Tomáš Halík ist katholischer Priester und einer der wichtigsten Intellektuellen Tschechiens und vielleicht Europas. Sein Wort hat Gewicht. Nun ist sein neustes Buch auf Deutsch erschienen, in dem er sich beschäftigt mit: Corona, Kirche, Krise.

Von Kilian Kirchgeßner

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Tomáš Halík mit erhobenem Zeigefinger (Carl Court / AFP)
Der katholische Priester und Soziologie-Professor Tomáš Halík ist einer der wichtigsten tschechischen Intellektuellen (Carl Court / AFP)
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Er sitzt zu Hause, mitten in der Prager Altstadt und ein paar Schritte entfernt von der Moldau. Tomáš Halík hat sich in der Pandemie eingeschlossen, bei sich zu Hause in der Wohnung voller überquellender Bücherregale geht er ans Telefon. Mit seinen 72 Jahren gehört er zur Risikogruppe in der Corona-Pandemie, einige prominente Wissenschaftler seiner Generation sind in Tschechien bereits gestorben. "Für mich war es erstmal ein Schock, dass ich in die Kategorie der Senioren gehöre", sagt Halík und lacht. "Jemand, der sich ständig unter Studenten und jungen Leuten bewegt und der immer noch viel Arbeit hat, merkt einfach nicht, dass er älter wird. Aber ich musste mir sagen: Ja, ich gehöre zu den Alten oder zu den Älteren – und damit zu einer der am meisten gefährdeten Gruppe. Auch mir schaut der Tod über die Schulter, wie man auf Tschechisch sagt."

Im Untergrund zum Priester geweiht

Eine einschneidende Erfahrung ist das für Tomáš Halík, der in seinem Leben schon öfter in Grenzbereichen unterwegs war: Vor der politischen Wende war er ein tragendes Mitglied der tschechoslowakischen Untergrund-Kirche, im Geheimen studierte er auch katholische Theologie, wurde 1978 im Untergrund zum Priester geweiht. Nach 1989 gehörte er zu den engen Beratern des Präsidenten Václav Havel; heute ist er der bekannteste Theologe Tschechiens. Kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie kam er aus Amerika zurück, dort verbrachte er einige Monate als Gastdozent an einer Universität. Etliche große Reisen zu Vorträgen musste er wegen der Pandemie absagen.

"Ich habe in meinem Leben immer die Erfahrung gemacht: Wenn eine Türe zugeht, dann öffnet sich eine andere. Dass sich mir die Türe des Reisens verschlossen hat, hat mir die zur persönlichen Meditation, zum Dienst und zu den Online-Predigten geöffnet."

"Jesus unter den Lebenden suchen"

Die Online-Predigten: Tomáš Halík ist Pfarrer der Studentengemeinde an der Prager Karlsuniversität. In der Osterzeit des vergangenen Jahres hielt er seine Predigten vor der leeren Kirche und übertrug sie im Netz. Nur die Predigt, nicht den ganzen Gottesdienst; dem Streaming von Gottesdiensten steht er skeptisch gegenüber. Einige zehntausend Zuschauer erreichte er jede Woche mit seiner Internet-Predigt. Dort am Ambo überlegte er laut, was die leeren Kirchen eigentlich bedeuteten. Diese Predigten stehen im Mittelpunkt seines Buches, das jetzt gerade auf Deutsch erschienen ist. Er habe in dieser ersten Osterzeit unter Corona-Bedingungen das Bedürfnis verspürt, zu reflektieren, was er tut, Rechenschaft abzulegen über sein Wirken, sagt Tomáš Halík. Jetzt steht das zweite Osterfest in der Pandemie vor der Tür.

"In diesem Jahr konzentriere ich mich darauf, dass die zentrale Botschaft von Ostern und der Auferstehung nicht nur ein Happy End ist und dass es nicht nur darum geht, was mit Jesu Körper passiert ist. Sondern es ist eine Vergewisserung, dass wir Jesus nicht unter den Toten, sondern unter den Lebenden suchen sollen. Dass er uns durch die geschlossenen Türen der Angst entgegentritt und sich legitimiert mit seinen Wunden. Ich glaube, wir treffen ihn dort, wo wir die Angst überwinden und wo sich Wunden zeigen – ich glaube nicht an einen Christus, der keine Wunden trägt."

Begleitung in Grenzsituationen

Jesus unter den Lebenden suchen – das ist ein Thema, das Tomáš Halík auch in seinem jüngsten Buch aufgreift. Er spricht dort von der "kategorialen Pastoral"; davon, dass die katholische Kirche sich als Begleiterin in existenziell kritischen Situationen anbieten solle. Er denke dabei zum Beispiel an Krankenhaus-Kaplane, an Gefängnis-Pfarrer und an Militär-Seelsorger, sagt er.

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Tomáš Halík ist katholischer Priester und Soziologie-Professor. Ein kritischer Kopf, einer der wichtigsten tschechischen Intellektuellen. Sein Wort wird in ganz Europa und darüber hinaus gehört. Tomáš Halík legt sich auch immer wieder an mit den Mächtigen – auch mit Staats- und Kirchenführung.

"In ihnen sehe ich die Avantgarde der künftigen Kirche. Seelsorger sind zum Dienst an allen berufen, nicht nur an den Gläubigen. Es ist nicht ihre Aufgabe, Leute zum Glauben zu bringen, sondern es geht darum, die geistliche Dimension des Lebens zu entwickeln, die geistliche Begleitung. Die Menschen stellen gerade in solchen Grenzsituationen – im Krankenhaus, im Militäreinsatz, im Gefängnis – die Fragen nach dem Sinn des Lebens und ihrer Situation. Heute befinden wir uns alle in einer Grenzsituation und stellen uns diese Fragen. Die Kirche sollte da nicht nur mit ihren traditionellen Antworten kommen und in einer Sprache, die niemand außerhalb der Kirche versteht."

"Prüfung der Solidarität der Kirche"

Nur wenn die Kirchen neue Antworten hätten auf all die neuen und alten Fragen in Grenzsituationen, nur dann käme sie raus aus dem Ghetto. In der Corona-Pandemie, bilanziert Tomáš Halík, habe er seine Zweifel daran, ob seiner Kirche das gelinge: "Ich war ein bisschen enttäuscht über die Passivität des Klerus und der Hierarchie unserer Kirche. Ich hatte den Eindruck, sie versuchen vor allem, die Gottesdienste durch etwas anderes zu ersetzen. Zu sehr wurden die Fernsehübertragungen betont; ich bin da skeptisch. Online kann man Daten übertragen und Informationen, sicher auch eine Predigt oder eine Vorlesung. Aber zur realen Anwesenheit Christi in der Eucharistie gehört auch die reale Anwesenheit von Gläubigen."

Die Online-Gottesdienste erfüllten immerhin eine andere Funktion: "Ich verstehe sie eher als Möglichkeit zur Solidarität mit denen, die wir als Katholiken oft vom Tisch der Eucharistie weggeschoben haben – seien es Gläubige anderer Kirchen oder die Christen in den sogenannten illegitimen Situationen, die Geschiedenen und neu Verheirateten etwa. Die, an die Papst Franziskus denkt, was ihm viele Pharisäer der heutigen Kirche verübeln. Es war eine Prüfung der Solidarität für alle, auch für die Kirche. Und eine Herausforderung, andere Arten zu suchen, seinen Glauben zu leben und zu erleben, wenn wir keinen Zugang zur Liturgie haben."

Religionskritisches Tschechien

Viele Familien hätten in der Pandemie mit Gesprächen über den Glauben, mit gemeinsamem Lesen in der Bibel ihren Glauben beleben können, sagt Halík – und denkt dabei vermutlich auch zurück an seine eigene Zeit in der Untergrund-Kirche. Auch damals, als die offiziellen Gottesdienste streng von der Staatssicherheit überwacht waren, trafen sich Katholiken heimlich im Wohnzimmer, um dort ihren Glauben zu leben. Eine ähnliche Situation wie heute, auch wenn diese Treffen heute nur im Familienverband möglich sind.

Sicher gebe es aber auch viele, für die der Sonntagsgottesdienst ein reines Ritual, eine bloße Gewohnheit gewesen sei. Die stellten jetzt in der Zeit der Pandemie fest, dass sie auch ohne ihn ganz gut leben könnten – und kämen wohl in vielen Fällen auch danach nicht wieder zurück. Vermutlich, sagt Tomáš Halík, werde sich nach der Pandemie die Zusammensetzung der Gläubigen in den Kirchen verändern – und das nicht nur in Tschechien, dem religionskritischen Land, in dem sich nur eine kleine Minderheit überhaupt noch zu einer Kirche bekennt.

Nachdenken über die Kirche der Zukunft

Das ist eines der Lieblingsthemen von Tomáš Halík: Wie die katholische Kirche der Zukunft aussieht, mit dieser Frage hat er sich schon lange vor der Pandemie beschäftigt. Jetzt, mit viel Ruhe in seinem Studierzimmer, habe er viel über Kirchen-Modelle nachgedacht: "Eines ist die Definition der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – Gottes Volk auf Pilgerreise durch die Geschichte. Das zweite Modell ist das von der Kirche als Schule der christlichen Weisheit. Und das dritte ist die beliebte Metapher von Papst Franziskus von der Kirche als Feldlazarett. Zuletzt hat der Papst oft von der Kirche als Ort der Begegnung und des Gesprächs gesprochen. Das finde ich heute sehr wichtig: Die Kirche als Ort, an dem Leute miteinander reden, aber auch in der Meditation zusammen schweigen können. Dieser kontemplative Zugang zum Leben ist eine Medizin. Die Zukunft wird weniger von den traditionellen Gemeinden geprägt, sondern von geistigen Zentren, in denen Übungen, Meditationskurse und so weiter stattfinden. Da kommen Leute aus verschiedenen Kirchen zusammen – die geistig Suchenden. Dieses Modell ist eine Inspiration für die Zukunft."

Drohende Spaltung

In seinem jüngsten Buch spricht er aber nicht nur von Chancen, sondern auch von Gefahren – etwa von einem möglichen Schisma, einer Spaltung, die der katholischen Kirche drohe. Im Gespräch konkretisiert er das: Er wünsche sich ein solches Schisma nicht, er befürchte vielmehr, dass es darauf hinauslaufen könnte. Die Trennlinien verliefen so ähnlich wie in der Gesellschaft entlang psychologischer Motive: Es gebe die einen, die offen für neue Gedanken und fähig seien, Fragen zu stellen – und die anderen, die nur an der Vergangenheit orientiert seien. Wichtig sei es, ein Gespräch zwischen den Vernünftigen anzuknüpfen – egal, welche politische Meinung sie verträten und zu welchen Strömungen in den Kirchen sie gehörten.

"Der Glaube, die Religion, das Christentum sind immer in Bewegung. Es ist nicht ein eindimensionaler Fortschritt vom Schlechteren zum Besseren oder auch im Gegenteil ein ständiger Verfall hin zum Schlechteren. Es ist ein Drama. Auch die Säkularisierung war eine wichtige Etappe in der Geschichte der Christenheit, aber sie war nicht das letzte Wort."

Wende zu einer intensiveren Spiritualität

Halík ist als römisch-katholischer Priester nicht nur Theologe, sondern auch habilitierter Soziologe. Und als solcher beobachtet er seit Jahren die Tendenz, aus Religionen politische Ideologien zu machen. Und noch eine Entwicklung, sagt Tomáš Halík, beobachte er: eine Wende zu einer intensiveren Spiritualität: "Die ist natürlich vielversprechend, aber es ist wichtig, zwei Seiten zu verbinden. Wenn die gemeinsame Aktivität der Gläubigen nicht auch eine spirituelle Dimension hat, ist es gefährlich. Und gleichermaßen gefährlich ist es, wenn sich die Spiritualität nur als private Innerlichkeit versteht, die getrennt ist von unserem Engagement in der Gesellschaft. Das Christentum der Zukunft muss sowohl die kontemplativen Aspekte haben, die tiefen Wurzeln, als auch die Fähigkeit, auf die Zeichen der Zeit zu antworten."

"Solidarität der Erschütterten"

Und was heißt das jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie und angesichts all der anderen Umbrüche unserer Tage? Tomáš Halík denkt kurz nach, dann sagt er: "Es ist natürlich, dass der Mensch die Sehnsucht nach Gewissheiten und Sicherheit hat. Die Kirche hat dieses Dach für die Seele immer angeboten. Aber der übermäßige Wunsch nach Gewissheiten und Sicherheit ist gefährlich. Es nimmt manchmal die Form von Nostalgie nach einer Welt an, die es nicht mehr gibt. Das führt zu Utopien, zu einem Vortäuschen von Vergangenem. Man kann nicht zurück in die Zeit der vormodernen Gewissheiten. Wir müssen lernen, mit den vielen Paradoxien zu leben in dieser Welt gibt, die bebt. Was fest ist, ist oft steinern und nicht lebendig. Zum Leben gehört, dass es in Bewegung ist. Wir müssen lernen, in dieser Welt mit ihren Erschütterungen zu leben."

Von einer "Solidarität der Erschütterten" spricht er in Anlehnung an den tschechischen Philosophen Jan Patočka – auch diese "Solidarität der Erschütterten", gerade sie, sei eine Aufgabe seiner Kirche.

Tomáš Halík: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens. Herder 2021. Gebunden mit Schutzumschlag, 208 Seiten, 20 Euro.

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