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Theresa May nach Brexit-VotumSie sollte jetzt gehen

Großbritanniens Premierministerin Theresa May stehe nach der verlorenen Brexit-Abstimmung vor einem einzigen Scherbenhaufen, kommentiert Jörg Münchenberg. Und den habe sie weitgehend selbst angerichtet. Zeit für sie, zurückzutreten.

Von Jörg Münchenberg

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Die britische Premierministerin Theresa May (Frank Augstein/AP/dpa)
Theresa May habe den aktuellen Riesenschlamassal um den Brexit selbst mitverursacht, meint Jörg Münchenberg (Frank Augstein/AP/dpa)
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Was für ein Riesenschlamassel. Einen Tag nach der historischen Pleite von Theresa May im Unterhaus, die sogar noch deutlich größer ausgefallen ist, als in ihren Albträumen befürchtet, klammert sich die Premierministerin weiterhin an die Macht. Und tut so, als sei sie weiterhin Herrin des hoffnungslos verworrenen Brexit-Verfahrens. Mehr Hybris ist kaum vorstellbar.

Und doch deckt sich diese Haltung teilweise mit den Interessen der eigenen Gefolgsleute. Was zunächst dazu führt, dass sich an der politischen Konstellation in Westminister nichts ändern wird. Obwohl May in einer fundamentalen politischen Frage "Ausgestaltung des Brexits" längst das Vertrauen von über einem Drittel der Abgeordneten in der Fraktion verloren hat, werden diese heute May beim anstehenden Mißtrauensantrag von Labour stützen.

Machtverhältnisse im Unterhaus absichern

Dem Land droht nach einer vertragslosen Scheidung von der EU der Absturz ins wirtschaftliche Chaos. Doch die Tories und hier vor allem die Hardliner in den eigenen Reihen wollen zunächst die bestehenden Machtverhältnisse im Unterhaus absichern. Nachdem sie ihre eigene Premierministerin erst gestern noch politisch zum Teufel gejagt haben. Die Wähler draußen, die ohnehin längst von den politischen Ränkespielen in Westminister genug haben, werden sich mit Grausen abwenden.

Doch im Zentrum der Kritik muss die Premierministerin stehen. Die seit Jahren einen politischen Fehler an den anderen gereiht hat. Der Antrag auf den Brexit vor zwei Jahren, ohne das Land darauf vorzubereiten. Das sture Ausrichten ihrer Austrittspolitik allein auf die Forderungen und Positionen der Konservativen und des rechten Lagers, ohne jemals die Opposition auch nur ernsthaft mit einzubeziehen.

Selbst verursachter Scherbenhaufen

Und schließlich die zweitgrößte Schlappe für May: die vorgezogenen Neuwahlen 2017, die krachend verloren gegangen sind und die Tories in die Arme der rückwärtsgewandten nordirischen DUP getrieben haben. Ohne die May heute nicht regieren kann. In der Summe steht die Premierministerin also vor einem einzigen Scherbenhaufen, den sie weitgehend selbst angerichtet hat.

Das wissen natürlich auch die Abgeordneten der Konservativen im Unterhaus. Die sie zwar heute Abend gegen das Misstrauensvotum von Labour verteidigen werden. Ansehen, Führungskraft und Dialogfähigkeit hat Theresa May trotzdem längst verloren. Manches hat sie nie besessen. Den angerichteten Brexit-Schlamassel irgendwie zu lösen, bleibt die Herkulesaufgabe für die britische Politik, ein Scheitern ist dabei ausdrücklich mit eingeschlossen.

Theresa May sollte dabei allerdings keine Rolle mehr spielen.

Jörg Münchenberg (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Jörg Münchenberg (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Jörg Münchenberg, geboren 1966; studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Freiburg, Kanada und Nürnberg-Erlangen. Seit 1997 beim Deutschlandfunk als Moderator und Redakteur zunächst in der Wirtschaftsredaktion; später Korrespondent im Berliner Hauptstadtstudio und europapolitischer Korrespondent in Brüssel; jetzt im Zeitfunk.

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