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StartseiteKommentare und Themen der WocheAuch die Politik hat Fehler gemacht28.09.2019

Thomas-Cook-PleiteAuch die Politik hat Fehler gemacht

Die Insolvenz von Thomas Cook sei nicht alleine auf strategische Fehler des Mutterkonzerns zurückzuführen, meint Brigitte Scholtes. Die Politik habe es versäumt, die Rahmenbedingungen für die Branche zukunftssicher zu gestalten. Sie hätte die Branche aber auch stärker in die Pflicht nehmen müssen.

Von Brigitte Scholtes

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Die Maschine mit der aufgedruckten Internetadresse des Konzerns steht auf dem Flughafengelände. Im Hintergrund Hangars und ein anderes Flugzeug. (Peter Byrne / PA / AP / dpa)
Eine Passagiermaschine des Reisekonzerns Thomas Cook am 13.8. 2019 auf dem Flughafen des britischen Manchester. (Peter Byrne / PA / AP / dpa)
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Für Reisende, die bei Thomas Cook ihren Urlaub gebucht haben, war die abgelaufene Woche purer Stress. Der hat sich zum Wochenende hin insofern etwas gelegt, als zumindest die Flugtochter Condor weiter abhebt und die Versicherung begonnen hat, schon einmal einen Teil der Reisekosten auszugleichen. Aber der Fall Thomas Cook ist ein Lehrstück in verschiedener Hinsicht.

Zum einen macht es auch den kleinen Verbrauchern in Großbritannien oder Deutschland klar, welch weitreichende Folgen der Brexit hat. Natürlich war der nicht die alleinige Ursache für den Niedergang des britischen Mutterkonzerns, der hat im Laufe der letzten Jahre auch strategische Fehler gemacht. Aber die Kunden in Großbritannien waren wegen des anstehenden Ausscheidens aus der EU sehr viel zurückhaltender mit ihren Reisebuchungen. Sie halten ihr Geld lieber zusammen, weil sie mit einem deutlichen wirtschaftlichen Abschwung rechnen. Deshalb mussten die deutschen Töchter wie Condor und die Reiseveranstalter wie Neckermann Reisen, Öger Tours, Bucher Reisen oder Air Marin vor der Insolvenz viel Geld an die Mutter überweisen. Geld, das sie eigentlich für ihren eigenen Geschäftsbetrieb benötigten.

Passagiere stehen am Flughafen Palma de Mallorca am Tag des Scheiterns von Thomas Cook an einem Informationsschalter.  (picture alliance/dpa - Clara Margais)Es sei dringend geboten, den Versicherungsschutz für Pauschalreisen zu erhöhen, kommentiert Brigitte Scholtes im Dlf (picture alliance/dpa - Clara Margais)

Das zeigt, wie eng verflochten die Unternehmen in Europa sind, welche Komplikationen sie zu bewältigen haben, wenn die Briten austreten – und welche Folgen das langfristig hat. Denn überleben, das ist inzwischen auch klar, werden diese deutschen Töchter nur, wenn sie einen Investor finden. Insofern ist es richtig, dass die Bundesregierung den Überbrückungskredit an Condor genehmigt hat.

Mit Staatshilfe sollte die Politik zwar zurückhaltend umgehen, allerdings ist die Fluggesellschaft unverschuldet in diese Misere gerutscht, sie hat viele andere Reisende neben denen der Mutter Thomas Cook und steht ökonomisch stabil da. Doch ohne den Überbrückungskredit hätte das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Firma großen Schaden nehmen können. So aber kann sie weiterfliegen und hat gute Chancen, einen Investor zu finden.

Interesse an dem Ferienflieger haben jedenfalls mehrere Unternehmen schon bekundet. Deshalb ist der Fall Condor anders zu gewichten als der der hoch verschuldeten Air Berlin vor zwei Jahren.

Bei den deutschen Thomas-Cook-Reiseveranstaltern sollte die Bundesregierung da zurückhaltender sein, auch wenn das für die Arbeitnehmer bitter ist. Denn die deutschen Töchter haben es ähnlich wie die britische Mutter versäumt, ihr Geschäftsmodell so auszurichten, dass es zukunftsweisend ist.

Die Reisenden dürfen nicht die Leidtragenden sein

Noch eine weitere Lehre kann man aus den Ereignissen dieser Woche ziehen: Die Politik hat es versäumt, die Rahmenbedingungen für die Branche zukunftssicher zu gestalten. Auch wenn der Wettbewerb im Reisesegment brutal ist: Die Reisenden dürfen nicht darunter leiden. Das aber ist jetzt nicht ausgeschlossen. Denn ob die Absicherung, die Pauschalreisekunden eigentlich genießen, hoch genug ist, das ist bei einem so großen Anbieter wie Thomas Cook fraglich.

110 Millionen Euro werden nicht ausreichen

110 Millionen Euro – das ist die aktuelle gesetzliche Obergrenze für eine Insolvenzversicherung – werden nicht reichen, das ist absehbar. Denn deutsche Kunden von Thomas Cook wie eben die von Neckermann, Öger oder Bucher Reisen haben derzeit schon 400 Millionen Euro gegenüber dem Reiseveranstalter ausgelegt. Die Verbraucher könnten auf dem Rest sitzen bleiben.

Es wäre also eigentlich dringend geboten, diesen Schutz zu erhöhen – auch wenn das am Ende etwas höhere Preise für die Kunden bedeuten würde. Der Bundestag hat aber einen Entwurf, den die Grünen eingebracht hatten, erst am Donnerstag abgelehnt. Ein Fehler, denn eine solche Absicherung würde in künftigen Fällen auch den Druck von der Bundesregierung nehmen, über Staatshilfen nachzusinnen.

Wenn schon das nicht gelungen ist, dann sollte die Politik zumindest die Verbände der Branche starker in die Pflicht nehmen. In anderen Bereichen wie etwa dem Bankensektor müssen die Finanzinstitute auch Vorsorge treffen, damit die Kunden nicht unter den Folgen von Managementfehlern leiden. Das auch in der Reisebranche zu etablieren, dazu wäre es im Interesse der Reisenden höchste Zeit.

Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Brigitte Scholtes (©Deutschlandradio / Bettina Straub)

Brigitte Scholtes, Jahrgang 1958, studierte Wirtschaftsgeschichte und Anglistik in Aachen und Bonn mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. Sie arbeitete zunächst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die damals auch Hörfunksendungen für das Privatradio RPR produzierte, wechselte dann zur Nachrichtenagentur Bloomberg Business News. Seit 1992 Partnerin im Redaktionsbüro Business Report, das 1998 die Wirtschaftskorrespondenz aus Frankfurt für Deutschlandradio übernommen hat. 

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