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StartseiteBüchermarktDebatte mit Denklücken17.04.2019

Thomas Frank: "americanic"Debatte mit Denklücken

Moralische Empörung war gestern, heute sei Klartext nötig: Der US-Historiker und Politikjournalist Thomas Frank schreibt in seinen "Berichten aus einer sinkenden Gesellschaft" für einen Populismus von links. Nur so hätten die Demokraten eine Chance gegen Trump. 

Von Brigitte Neumann

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Cover "Americanic", Hintergrund: Undatiertes Bild des 1912 vor der kanadischen Küste gesunkenen Luxusdampfers "Titantic" (Verlag Kunstmann / dpa / picture alliance / epa PA)
Thomas Franks Sicht wirkt da entlarvend, wo viel Schaumschlägerei betrieben wird (Verlag Kunstmann / dpa / picture alliance / epa PA)
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Thomas Frank "Americanic"

Es wäre schön, könnte man zu diesem Buch greifen wie ein Ertrinkender zur rettenden Planke - nicht umsonst heißt es ja "americanic", ein für diesen Titel eigens geschaffenes Mischwort aus America und Titanic, auf dem Cover prangt das untergehende Schiff. Fühlen wir uns nicht gerade fast alle wie Passagiere auf einem untergehenden Dampfer namens "Der Westen", der sich in seine Einzelteile auflöst? Das Bedürfnis nach Erklärung, Einordnung, Deutung ist jedenfalls riesig und Thomas Frank, Historiker und politischer Journalist, bietet genau dies in seinen Essays an.  

Sie handeln – um nur ein paar Beispiele zu nennen -  von der neuen Rolle der Künstler als Standortveredler; von der Bankenkrise als Folge eines schwachen Staates; von diversen TV-Serien, die ihr Publikum in eine zynische Weltsicht einüben. Seine Sammlung von Artikeln mit dem Untertitel "Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft" stellt im Kern immer wieder die gleiche Frage: Was ist los mit Amerika? Mit einem Amerika, das Trump zum Präsidenten wählte? Und was machen die Demokraten falsch? Wo sie doch Leute mit besseren Abschlüssen von besseren Universitäten zur Wahl stellen? Wo sie doch angeblich moralisch auf der richtigen Seite sind, und sich, anders als Trump, sogar staatsmännisch benehmen können?

Das Versagen der Linken

Thomas Frank, der nicht nur in dem Essay "Bernie wär's gewesen" kein Geheimnis aus seiner Sympathie für den parteiinternen Konkurrenten Hilary Clintons Bernie Sanders macht, ist Materialist. Er hat den Blick vor allen Dingen auf die ökonomischen Tatsachen gerichtet. Seine Sicht wirkt da entlarvend, wo viel Schaumschlägerei betrieben wird, wie in der Beraterindustrie. Franks amüsant zu lesender Artikel "Auf nach Heureka" enttarnt die Branche. Aber weil er fast ausschließlich Geld als Indikator für Macht betrachtet, gerät Frank das Andere vielfach aus dem Blick. Ja, die Trump-Wähler haben gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen votiert. Aber sie haben etwas dafür bekommen, was ihnen wichtig scheint. Thomas Frank in einem Artikel für Harper's Magazine letztes Jahr mit dem Titel: "America made Great Again".

"Historisch betrachtet wird die konservative Bewegung von den Mächtigen der Gesellschaft organisiert und finanziert; politisch gesehen strebt sie Steuersenkungen und einen schlanken Staat an, also genau das, wovon eben jene Vermögenden an der Spitze profitieren. In ihrer Selbstwahrnehmung sieht sich die konservative Bewegung allerdings eher als mahnende Stimme der Vergessenen der Gesellschaft, die wahren Amerikaner, die für ihre Treue zum Land mit Herablassung und Verfolgung gestraft werden."

Die staatstragende Elite

Und wer - um in diesem Bild zu bleiben - straft sie, die "wahren Amerikaner"?  Antwort: Die "linken Eliten", manchmal nennt Frank sie auch "Elite der Professionalisten". Dazu gehören Akademiker in angesehener Stellung, unter anderem Journalisten, Politiker und Bürgerrechtler. Der ganze Stolz der Demokraten, die - so Frank - nicht mehr daran interessiert seien, den kleinen Mann, die kleine Frau zu vertreten. Die sich im Kampf für Diversität, Minderheitenrechte und sexuelle Besonderheiten verzettelten und vergessen hätten, wie wichtig Arbeitsrecht, Erbschaftssteuer und die Gewerkschaften seien. Kurzum: Die Demokraten seien schuld am Rechtsruck in den USA. Denn sie hätten vergessen, wozu sie da seien.

"Sie identifizierten sich mit der Globalisierung, mit Freihandelsabkommen, mit der boomenden IT-Branche des Silicon Valley und traten als die überzeugten Vertreter dieser triumphal erfolgreichen Wirtschaftsordnung vor die Wähler."

Vielleicht setzen die Demokraten wirklich die falsche Agenda. Aber was Thomas Frank nicht sieht: Auch wenn die Demokraten die soziale Frage wieder besser im Blick hätten, es würde wahrscheinlich wenig helfen, denn mittlerweile haben wir im Westen eine Krise der repräsentativen Demokratie, eine Systemkrise. Bei - in Deutschland wenigstens - wirtschaftlicher Stabilität, funktionierendem sozialem Netz und funktionierenden Institutionen.

Populismus von links

Zu dieser Krise trägt auch die Brutalisierung der öffentlichen Rede bei, deren dramatische Konsequenzen Thomas Frank nicht erkennt. Sonst würde er die Schwäche der amerikanischen Demokraten in einem ursprünglich für den britischen Guardian geschriebenen Artikel nicht auch folgendermaßen begründen:

"Vielleicht liegt das daran, dass demokratische Führer sich nicht dazu durchringen können, auch einmal einen ungehobelten und plumpen Ton anzuschlagen, wenn es die Situation erfordert. Vielleicht liegt es daran, dass die demokratische Parteiführung sich seit nunmehr vierzig Jahren im Krieg mit ihrem eigenen linken Flügel befindet, (...) und partout nicht populistisch werden will, auch wenn die Rechte populistisch in die Vollen greift."

Und Thomas Frank macht gleich vor, wie es geht, von links zu pöbeln: Banker nennt er "raffgierige, räudige Raubritter". Sie seien "überbezahlte Verbrecher", denen man die "Meinung geigen" sollte. Auch darf die Bemerkung nicht fehlen, dass Trump in der britischen Umgangssprache ein Wort für Furz ist. Diese Sprache, so kurz vor dem Fausthieb, degradiert allerdings weniger den Attackierten, sondern eher den, der sie benutzt. 

Thomas Franks "Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft" nehmen in einem manchmal pointierten, meist aber sehr sachlichen Essaystil den von ihm behaupteten linken Elitismus als Ursache des Machtverlusts der amerikanischen Demokraten aufs Korn. Auch wenn manches davon zutreffen mag, seine Analyse lässt vollkommen außer Acht, dass Demokratien aus ganz anderen Gründen auch von ihren Bürgern beschädigt und zerstört werden können. Das Gute an dem Buch: Es bringt einen in Wallung.  Man hat sofort Lust, mit Thomas Frank in eine Debatte einzusteigen. Das weniger Gute: Die Denklücken - vulgo Scheuklappen -  des Autors.

Thomas Frank. "americanic. Berichte aus einer sinkenden Gesellschaft."
 Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Thomas Wollermann.
Kunstmann Verlag. 304 Seiten,  24 Euro

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