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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Thomas Hoeps: Arbeit am Widerspruch. Terrorismus in deutschen Romanen und Erzählungen 1837 - 1992.29.04.2002

Thomas Hoeps: Arbeit am Widerspruch. Terrorismus in deutschen Romanen und Erzählungen 1837 - 1992.

Thelem Verlag Dresden 2001, 339 Seiten, EUR 35,-

Michael Kuhlmann

Auch die letzte Neuerscheinung in dieser Sendung hat das Sujet "Terrorismus" - wenn auch aus einer völlig anderen Perspektive. Es handelt sich um eine Untersuchung des Literaturwissenschaftlers Thomas Hoeps, die sich mit der Widerspiegelung des Phänomens Terrorismus in der deutschen Literatur beschäftigt. Zwar sind die ersten literarischen Reflexionen über den 11. September nicht mehr berücksichtigt, doch auch so spannt das Buch bereits einen zeitlichen Bogen über gut anderthalb Jahrhunderte. Michael Kuhlmann stellt es Ihnen vor.

Die heiße Phase des deutschen Terrorismus beginnt im Jahre 1975. Am 24. April überfällt die Rote Armee Fraktion die deutsche Vertretung in Stockholm, tötet zwei Botschaftsangehörige. Die so genannte zweite Generation der RAF verübt Terror in einer bis dahin ungekannten Dimension.

Kurz vor Mitternacht gab es in der Botschaft die erste Explosion. In Minuten stand der Gebäudeflügel, in dem sich die Terroristen mit den Geiseln verschanzt hatten, in Flammen. Als die Polizei das brennende Gebäude stürmt, fallen Schüsse. Zunächst hieß es, die Terroristen hätten versucht, sich den Weg aus der Botschaft freizuschießen.

Zwei Jahre später wird diese RAF-Generation die Republik in den "Deutschen Herbst" treiben. Das Aufflammen des Terrorismus ist in dieser Zeit auch Thema in der deutschsprachigen Prosa. Wie die Autoren damit umgegangen sind, das hat nun der Literaturwissenschaftler Thomas Hoeps erkundet. In seiner an der Universität Dresden entstandenen Studie Arbeit am Widerspruch untersucht Hoeps literarische Texte als Medien des kulturellen Gedächtnisses.

Die Erfahrung, die ich dann mit der Literatur gemacht habe; war, dass sie ermöglicht hat, zusätzlich zu Fakten auch etwas von dieser Stimmung zu transportieren, von einem gesellschaftlichen Klima, das wir uns eigentlich im Nachhinein kaum mehr vorstellen können, ein Klima der ständigen Verdächtigung und so weiter.

An die 40 Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten hat Hoeps unter die Lupe genommen. Die Skala reicht von Hans Magnus Enzensbergers Kurzem Sommer der Anarchie über Günter Herburgers Lenau und Eva Demskis Scheintod bis hin zu Büchern von Christian Geissler und dem RAF-Aussteiger Peter Jürgen Boock. Doch nicht nur Literatur aus jüngerer Zeit ist vertreten - schon vor 70 bis 100 Jahren haben sich Autoren wie Ricarda Huch, Ernst Jünger und Joseph Roth mit dem Phänomen Terrorismus befasst. Und in einem Text aus dem 19. Jahrhundert setzt Stanislaw Przybyszewski die Materie in einer Weise um, die ihrerseits auf Hoeps geradezu terroristisch wirkt:

Satans Kinder heißt der Roman, und wenn man sich als Leser darauf einlässt, wird man einem fremden System unterworfen, dem man wirklich sich ausgeliefert fühlt und wo man in diesem Wahnsystem eigentlich keinen Ausweg mehr findet.

Sogar einen Anschlag mit Krankheitserregern hat Przybyszewski in die Handlung eingebaut. Der Terrorist Ostap legt ihn als eine regelrechte Komposition aus Ideen, Personen und Taten an. Der Gedanke vom Terrorakt als Kunstwerk, wie ihn Karlheinz Stockhausen im vergangenen Herbst äußerte, dieser Gedanke findet sich also bereits in Satans Kinder. Aus dem untersuchten Literaturfundus allerdings sticht der Roman damit in extremem Maß heraus. Unter den übrigen Texten hat Hoeps mit aller Zurückhaltung einige Trends festgestellt. Der auffälligste: Die meisten Autoren interessiert Terrorismus nicht so sehr als eine Möglichkeit, politische Ziele zu erreichen, etwa kühl berechnet eine Revolution zu inszenieren. Die Terroristen in diesen Texten leben den Terror, einen Weg zurück gibt es für sie nicht.

Die Entscheidung für den Terrorismus scheint eine endgültige zu sein. Die Figuren, die sich einer terroristischen Gruppe anschließen, begeben sich in ein abgeschlossenes System innerhalb des gesellschaftlichen Systems, sie verlieren aufgrund der Notwendigkeiten der Illegalität den Kontakt zu einer Basis, sie müssen ihr Handeln ständig rechtfertigen, können es politisch immer seltener und begreifen ihre Existenz schließlich nur noch in der Tat.

Die Autoren nehmen sich mithin bewusst die Freiheit zur Fiktion. Am weitesten gehen da die Romane der zwanziger Jahre: So malen Ernst Jünger und Ernst von Salomon Bilder eines geradezu rauschhaften Zustandes. Erst unter dem Schock des Jahres 1977 landet diese Sicht endgültig auf dem Abfallhaufen der Geschichte. Allerdings: was in den Opfern terroristischer Gewalt vorgeht, das rückt weiterhin nur ein einziger Roman ins Blickfeld:

Das war Delius, Mogadischu Fensterplatz, also die Geschichte der Flugzeugentführung, die erinnert wird von einer der Entführten, er hat es wirklich geschafft, sehr tief in die Figur einzuführen und die ganze Ausweglosigkeit und die ganze psychische Belastung darzustellen - ohne undifferenziert zu werden.

Kein Wort dringt mehr durch. Sie reden und reden da vorn, sie schießen nicht, sie verhandeln. Mit wem verhandeln sie? Wie lang wollen sie das noch, verhandeln? Fünf Tage durchgehalten auf dem schmalen Sitz am Fenster. Fünf Tage mit fünfzig Zentimetern Beinfreiheit.

Das Buch über die Entführung der Landshut zählt Hoeps zu den wichtigsten Texten der Terrorismusliteratur. 1988 hat es der Autor Friedrich Christian Delius auch zu einem Hörspiel verarbeitet. Um diese Zeit plädieren andere Schriftsteller - Rainald Goetz und Judith Kuckardt - noch einmal dafür, genau hinzusehen. Auch hinter dem Terror der 70er Jahre – so argumentieren sie – stehe zuletzt die Frage nach dem "richtigen Leben" – und die sei nach wie vor unbeantwortet.

Es gibt die Frage: Wo kann man politisch eingreifen in den gesellschaftlichen Ablauf? Während die anderen, die also die 70er Jahre schon miterlebt haben, eher veteranenhaft agieren, wie eben F.C. Delius in seinem letzten Roman Himmelfahrt eines Staatsfeindes zu dem Thema, wird hier der Terrorismus der 70er Jahre darauf untersucht: Was kann man mitnehmen aus dieser Zeit, was nicht vergiftet ist von den Morden und den Entführungen und von der Gewalt?

Für die Autorengeneration der 90er Jahre schließlich ist das alles ein abgeschlossenes Kapitel. Die logische Fortsetzung hat Hoeps in der jüngeren Vergangenheit bis zum 11. September 2001 beobachtet:

Eine inhaltliche Entleerung, wie bei Leander Scholz Rosenfest oder auch bei so kulturellen Phänomenen wie einer Modenschau mit RAF-Emblemen usw. Terroristenkleidung: Terrorismus wird auf einmal zum Pop-Phänomen.

Das gilt, wie gesagt, nur für die Zeit vor dem 11. September. - Thomas Hoeps hat mit seiner Studie ein bislang so gut wie unbestelltes Feld erschlossen. Wohl setzt er sich mit seinem zumeist hermeneutischen Vorgehen von mancher gängigen Methode ab. Der Autor steuert auch nicht auf eine prägnante Abschlussthese zu, sondern betreibt vor allem eine detaillierte Sichtung des Materials. Doch gerade dieser Tatsache verdankt das Buch seinen Gebrauchswert. Denn zum einen ist es bei allem wissenschaftlichen Niveau in einem recht flüssigen Stil geschrieben; und zum anderen taugt es für den Leser durchaus zum Startpunkt eigener literarischer Exkursionen.

Mir war vor allem wichtig, Lektüren anzubieten, die es jedem ermöglichen, der sich mit dem Thema Terrorismus auseinandersetzen will in der Literatur, diese Wege nachzugehen und für sich selbst auch zu einem Urteil zu kommen, was er aus den einzelnen Büchern herausfinden kann; insofern ist das Buch für mich, auch wenn es natürlich ein wissenschaftliches Werk ist, so etwas wie ein Wegweiser, wie ein Atlas durch die Terrorismus-Literatur.

Ein Anspruch, den der Autor einzulösen vermag - auch und gerade mit Blick auf die Leser, die nicht zu den engen Fachkreisen gehören. Unter anderem vermittelt die Lektüre die Erkenntnis, dass Motive und Antriebe des neuen weltweiten Terrors in abgewandelter Form bereits vor Jahrzehnten in der Belletristik verarbeitet worden sind. Welche Spuren die aktuelle Bedrohung in der Literatur hinterlassen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Die Anschläge des Herbstes 2001 immerhin bestätigen die in diesem Buch geäußerte Erwartung, dass Terroristen künftig weniger politische Morde verüben könnten, als dass sie die Gesellschaft selbst ins Visier nehmen. Dass sie Infrastrukturen lahmzulegen versuchen, um ganze Staaten damit in den Kollaps zu treiben. Eine Bedrohung, mit der sich früher oder später auch Romane und Erzählungen der Zukunft befassen werden.

Michael Kuhlmann über Thomas Hoeps: Arbeit am Widerspruch. Terrorismus in deutschen Romanen und Erzählungen 1837 - 1992. Veröffentlicht im Thelem Verlag Dresden, 339 Seiten für 35 EUR. Soviel für heute in unserer Sendung "Politische Literatur". Am Mikrofon verabschiedet sich - mit Dank für Ihr Interesse - Marcus Heumann. Guten Abend.

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