Donnerstag, 13.12.2018
 
Startseite@mediasresEin unbequemer Journalist17.01.2018

Thomas LeifEin unbequemer Journalist

Der Chefreporter des Südwestrundfunks, Thomas Leif, ist tot. Er bleibt in Erinnerung als hartnäckiger Frager und rastloser Journalist. Streitbare Köpfe wie Leif gäbe es gerade unter Journalisten viel zu wenige, meint Brigitte Baetz.

Von Brigitte Baetz

Der Journalist und Buchautor Thomas Leif aufgenommen am 28.11.2015 in Köln beim Symposium Nicht ohne uns der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAFF). (imago)
Der Journalist und Buchautor Thomas Leif (imago)
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"Kaum zu glauben: ausgerechnet Christen fühlen sich von der AfD angezogen. Wie vertragen sich deren Alternativen mit den Geboten von Nächstenliebe und Barmherzigkeit? Wie umgehen mit Christen, die rechts-populistische Parolen vertreten? Diese Frage treibt Kirchenleitungen und Gemeinden um."

Und der Chefreporter des SWR-Fernsehens, Thomas Leif, hakte nach. "Wahre Christen oder böse Hetzer? Spaltet die AfD die Kirchen?" – so hieß die letzte große Reportage des Mannes aus der Eifel.

Als hätte er geahnt, dass er nur 58 Jahre alt werden sollte, war Leif ein Rastloser, Umtriebiger. Er versuchte Entwicklungen und Diskussionen anzustoßen, nicht nur als Journalist, auch als Mitbegründer und erster Vorsitzender der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche und als Mitglied der Jury des Otto-Brenner-Preises.

Ein ruheloser Aufdecker

Das Nachbohren, Nachhaken, Aufdecken kommt in deutschen Medien zu kurz, das hatte er früh erkannt. Ein wirklich kritischer Geist gibt sich nicht mit dem zufrieden, was ist. Das konnte man bei Thomas Leif erleben, der Tag und Nacht recherchierte und plante.

Er interessierte sich für Demokratietheorie, die Bedingungen sozialer Gerechtigkeit, war im Gegensatz zu vielen seiner Arbeitskollegen ein politischer Kopf, im Zweifel links, aber nicht in einem parteipolitischen Sinne, sondern in dem, was er unter Aufklärung verstand.

Und Aufklärung braucht Recherche, braucht Fakten. Eines seiner wichtigsten Themen: der Lobbyismus in Deutschland, der – unter Ausschluss öffentlicher Aufsicht – in Berlin und Brüssel mit an den politischen Strippen zieht, relativ unbeaufsichtigt auch von Journalisten, vor allem den Wirtschaftsjournalisten.

Kritik an Wirtschaftsjournalisten

"Ja, wir haben ja bei uns in der Öffentlichkeit so etwas wie eine informelle Arbeitsteilung. In den Politikredaktionen wird etwas schärfer auf Interessenkonflikte geschaut, aber im Wirtschaftsjournalismus, das kritisiert ja auch der Herausgeber des Handelsblattes, ist man doch oft sehr devot und versteht sich sozusagen als Schmiermittel für gute Abläufe in der Wirtschaft", sagte Leif im August vergangenen Jahres in unserer Sendung @mediasres.

Das Netzwerk Recherche wäre ohne die Arbeitswut von Thomas Leif und seine kritische Analysefähigkeiten kaum in wenigen Jahren zu einer Branchengröße geworden, zu einer moralischen Instanz und dem Veranstalter eines der wichtigsten deutschen Journalistentreffen.

Kein Smalltalk-Mensch

Leif koordinierte und moderierte darüber hinaus Workshops und Seminare, die jeden Teilnehmer lehrten, wie produktiv kritisches Denken gepaart mit Disziplin und Arbeitsethos sein kann. Vom Netzwerk Recherche schied Leif jedoch im Streit. Er hatte Zuschüsse entgegengenommen, die dem Verein eigentlich nicht zustanden. Dafür musste er die Verantwortung übernehmen.

Dass er kein einfacher Mensch war, kein Talent für Smalltalk hatte und sich Kompromissen verweigerte, machte diese Trennung für manches Mitglied des Netzwerk Recherche leichter.

Doch keiner seiner Nachfolger konnte die Lücke schließen, die sein Abgang hinterlassen hat. Debatten werden dort kaum noch angestoßen, neue Impulse nicht mehr gesetzt. Es gibt eben viel zu wenig streitbare Köpfe in diesem Land, gerade auch unter Journalisten.

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