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StartseiteKultur heute"Three Kingdoms" an den Münchner Kammerspielen16.10.2011

"Three Kingdoms" an den Münchner Kammerspielen

Sebastian Nübling inszeniert die Uraufführung des neuen Stücks von Simon Stephens

Der englische Dramatiker Simon Stephens hat sein neues Bühnenwerk "Three Kingdoms" inszeniert. Die Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen, dem Theater NO99 in Talinn und dem Lyric Hammersmith Theatre ist eine Geschichte vom schmutzigen Geschäft mit Frauenkörpern.

Von Sven Ricklefs

"Three Kingdoms" an den  Münchner Kammerspielen (Arno Declair)
"Three Kingdoms" an den Münchner Kammerspielen (Arno Declair)

Bleich und schmal steht er da vor dem Mikrofon im weißen Anzug und singt das sehnsüchtige Seemannslied La Paloma auf Estnisch. Und so wie hier wird er noch öfter auftauchen: geheimnisvoll und ein wenig furchteinflößend, sehr jung, sehr wissend, sehr souverän, und auch ein wenig tot, halb Engel, halb Joker, mal singend er, mal quetscht er sich durch Wände mit einem Koffer in der Hand, aus dem er eine Frau zieht, mal als nackte Leiche auf dem Seziertisch, die nach einer neugierigen Hand greift und sie nicht mehr loslässt, mal ist er die daherstöckelnde Hure von der Straßenecke im grellbunten Federkleid. Als Trickster bezeichnet ihn, das Programmheft, und so wie er, ist dieser ganze Theaterabend: tricky und komisch zugleich, ein witziger Albtraum spielt sich da ab, wenn es denn so etwas gibt, zumal das Thema ja alles andere als komisch ist, immerhin handelt Simon Stephens neues Stück "Three Kingdoms" vom internationalen Frauenhandel und vom knallharten Pornogeschäft, wobei ein mit einer Säge vom Rumpf getrennter Mädchenkopf, den man aus der Themse gefischt hat, eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Von England nach Deutschland und schließlich nach Estland führt die Spur, der der kleine ein wenig feiste und überaus präsente Detective Inspector von Scotland Yard folgt, der, mit dem so einprägsamen Namen Igniatius Stone.

"Three Kingdoms": England, Deutschland, Estland, das sind die Stationen im Stück, in umgekehrter Reihenfolge war und wird das Stück zu sehen sein, in Tallin, München und ab Mai 2012 in London. Es spielen englische, deutsche und estnische Schauspieler, gesprochen wird in drei Sprachen. Geschrieben hat es der englische Autor Simon Stephens für die europäische Kulturhauptstadt 2011 Tallin, die Hauptstadt von Estland, eine Stadt hoch im Norden und vor allem: weit im Osten. Ein europäisches Stück also ist dieser ironisch-böse daherkommende Thriller, ein Stück über dieses Europa, das seine inneren Grenzen, wie es behauptet, so großzügig geöffnet hat und das noch immer so weit entfernt ist von einer innereuropäischen Verständigung. Denn "Three Kingdoms" ist ein Stück über Wahrnehmungs- und Verständigungsschwierigkeiten und über Klischees, aber auch über Albträume und Kapitalverbrechen in Seelenlandschaften. Wie so oft und mal mehr mal minder sichtbar in seinen Stücken lässt Simon Stephens auch "Three Kingdoms" in die monströsen Abgründe menschlicher Existenz hinübergreifen. Zugleich konfrontiert Stephens das Publikum auch mit seinen Klischees, denn wer würde dem nicht glauben schenken, wenn die Spur bei Mädchenhandel gleichsam naturgemäß nach Osteuropa führt.

Wie hier, wenn die hochgewachsene baltische Mafia in Unterhemd und Anzughose ihr blondes Testosteron mit Boxhandschuhen an die Wände hämmert, wie hier hat Regisseur Sebastian Nübling immer wieder kongeniale Bilder gefunden für die schwebende Suspense und märchenhaft böse Mehrdeutigkeit von "Three Kingdoms". Ob das Personal im deutschen Hotel seine Reinigungsutensilien in ebenso komischer wie irgendwie auch beklemmender Zeitlupe durch das ohnehin unbehauste Bühnenbild schiebt, oder ob sich die Pornoprotagonisten alles Erdenkliche in alles Erdenkliche schieben, all das lässt bei aller bizarren Komik gerade niemals die Tatsache außer Acht, dass es sich bei der behandelten Thematik um die wohl menschenverachtendste Form der Kapitalgewinnung handelt. Dabei hat Nübling Simon Stephens Stück mit einem hinreißenden internationalen Ensemble in geradezu berückender Leichtigkeit auf die Bühne choreografiert, sodass man nur sagen kann, hier herrscht verschärfter Kultverdacht!

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