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StartseiteKommentare und Themen der WocheKurzsichtigkeit der Manager10.05.2019

ThyssenkruppKurzsichtigkeit der Manager

Das Management von Thyssenkrupp hinterlässt einen Scherbenhaufen nach der nun abgesagten Fusion mit dem indischen Stahlkonzern Tata, kommentiert Klemens Kindermann. Schon in der Vergangenheit neigte der männerdominierte Vorstand zu Größenwahn - ausbaden müssen es die Mitarbeiter.

Von Klemens Kindermann

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Das Thyssenkrupp Stahlwerk Schwelgern in Duisburg-Marxloh steht in der Dämmerung da. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Die neue Aufsichtsratschefin Martina Merz habe die richtige Frage gestellt, meint Klemens Kindermann: Was kostet das alles und können wir uns das leisten? (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
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"Man kann nicht heute Apfelbäume pflanzen und schon im nächsten Jahr die Früchte ernten", hat Berthold Beitz einmal gesagt. Was der legendäre Lenker des Krupp-Konzerns noch wusste, das haben die heutigen Thyssenkrupp-Manager vergessen: Um langfristig Unternehmenserfolg zu haben, braucht es Geduld und langen Atem.

Doch der Scherbenhaufen, den Thyssenkruppp mit dem heutigen Tag hinterlässt, ist das Ergebnis kurzatmiger und hektischer Betriebsamkeit. Da sollte an dem Unternehmen herumgeschnitten, munter aufgespalten und fusioniert werden, das eine Ohr bei den teuren Unternehmensberatern, das andere bei den Wünschen der Finanzinvestoren.

Es musste erst eine Frau kommen, die die richtige Frage stellte: Was kostet das alles und können wir uns das leisten? Die neue Aufsichtsratschefin Martina Merz ist Schwäbin und vielleicht hat genau sie dem Konzern gefehlt, der – männerdominiert – in der Vergangenheit schon mal zu Größenwahn neigte, etwa zum Bau eines sinnlosen Stahlwerks in Brasilien, das den Konzern Milliarden kostete.

Auch die jetzt gescheiterte Stahlfusion mit Tata ist der Kurzsichtigkeit der Thyssenkrupp-Manager geschuldet: Sie hätten wissen können, wie hohe Hürden die EU-Kommission einer solchen Fusion setzen würde, spätestens nach der Übernahme von Ilva, dem größten Stahlwerk Europas, durch ArcelorMittal. Das wurde von Brüssel mit außerordentlich hohen Auflagen versehen.

Ausbaden müssen es die Mitarbeiter

Es stimmt, dass Europa – auch wegen der seit 2018 geltenden neuen US-Zölle auf Stahl – von Billigstahl aus China und der Türkei überschwemmt wird. Aber da heißt es: Ruhe bewahren, in Spezialstähle investieren, die andere nicht können, etwas weiter denken als bis zur nächsten Quartalsbilanz.

Ausbaden müssen die Fehler des Managements – genau wie beim benachbarten Dax-Konzern Bayer – die Beschäftigten. Dass das Streichen von 6.000 Stellen heute erst im Laufe des Tages in einer Rede des Vorstandschefs irgendwo hinten mitgeteilt wurde, ist unfassbar.

Und dass auf die Frage, wie es denn nun weitergeht, nichts Besseres kommt als der Börsengang der profitablen Aufzugsparte, ist Ausdruck von Hilflosigkeit. Filetstücke vermarkten kann jeder.

Das Ernten der Früchte ist nicht die Herausforderung, sondern die Kunst, vorausschauend Apfelbäume zu pflanzen. Ach, Berthold Beitz, er fehlt!

 

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

 

 

 

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