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StartseiteDie neue PlatteVirtuose Raritäten25.12.2017

Tianwa Yang spielt Saint-SaënsVirtuose Raritäten

Sein "Karneval der Tiere" hat Camille Saint-Saëns weltberühmt gemacht. Jenseits von Schwan, Elefant und Kängurus finden sich bei dem Franzosen jedoch viele weitere nahezu vergessene musikalische Kostbarkeiten. Geigerin Tianwa Yang hat einige davon auf ihrer neuen CD eingespielt.

Von Georg Waßmuth

Der französische Komponist (u.a. "Samson und Dalila") in einer zeitgenössischen Darstellung. (picture-alliance / dpa - Belga)
Camille Saint-Saëns wurde am 9. Oktober 1835 in Paris geboren und ist am 16. Dezember 1921 in Algier gestorben. (picture-alliance / dpa - Belga)

"Es gibt gute und es gibt schlechte Musik, der Rest ist eine Frage der Mode oder der Konvention, nichts weiter". So lautet ein Zitat des Komponisten Camille Saint-Saëns. Ausgewählten Werke des Franzosen für Violine und Orchester hat das Label Naxos eine neue CD gewidmet und dafür die herausragende Solistin Tianwa Yang gewinnen können. Schon beim ersten Stück der Aufnahme, dem Caprice andalou, spielt sie mit all ihrem Können auf. Tonschönheit, tadellose Technik und ein sicheres Gespür für die musikalischen Feinheiten sind die Stichworte.

Camille Saint-Saëns: Caprice andalous, op. 122

Die Geigerin Tianwa Yang ist im Jahr 1987 als Tochter eines KFZ-Mechanikers und einer Buchhalterin in Peking zur Welt gekommen. Der damals einzige Musikkindergarten der Metropole lag unmittelbar in der Nachbarschaft und so wurde das Ausnahmetalent schnell entdeckt und gefördert. Für ein teures Klavier hatte die Familie allerdings weder Geld noch Platz, also wurde eine kleine Viertelgeige angeschafft.

Perfekte Technik ohne Effekthascherei

Die Karrierestufen erklomm Tianwa Yang rasend schnell, manche hat sie auch einfach übersprungen. Im Alter von 10 Jahren begann sie ihr Studium am Konservatorium der Heimatstadt, drei Jahre später folgte bereits die erste CD-Aufnahme mit den gefürchteten Capricen von Niccolò Paganini. Eine Hochseilartistin und Effekthascherin wollte die Künstlerin aber nie werden. In ihrem Heimatland bereits berühmt und anerkannt, kam Tianwa Yang deshalb im Jahr 2003 über den Deutschen Akademischen Austauschdienst nach Deutschland und schrieb sich als Studentin für ein Kammermusikstudium bei Jörg-Wolfgang Jahn an der Hochschule für Musik in Karlsruhe ein. Jahn ist ein Pädagoge, der das bekannte Fauré Quartett und zahlreiche weitere Solisten entscheidend geprägt hat. Nach eigenen Worten war Tianwa Yang jedoch regelrecht schockiert, dass der Unterricht bei ihm nicht über Druck und Disziplin vermittelt wurde. Es ging weniger um Fleiß sondern um mehr Individualität. Dem Spiel der Weltklassegeigerin ist das heute absolut anzuhören. Von der strengen Schule ihres Kulturkreises hat sie das Fundament perfektionistischer Technik erhalten, darauf hebt die Künstlerin jedoch mit Leichtigkeit und Freiheit zur eigenen, meisterhaften Interpretation ab.

Hier ein Ausschnitt aus der Romanze in C-Dur von Camille Saint-Saëns, wieder begleitet vom vorzüglichen Malmö Symphony Orchestra unter Marc Soustrot.

Camille Saint-Saëns: Romance C-Dur, op. 48

Der Komponist Camille Saint-Saëns starb 1921 im Alter von 86 Jahren. Er hinterließ ein gewaltiges Oeuvre, das man fast turmhoch stapeln könnte. Doch wie so oft hat die Musikwelt ihren Blick verengt auf wenige Hits, sein "Karneval der Tiere" führt diese knappe Liste an. Das Label Naxos stellt mit der Neuveröffentlichung "Works for Violin & Orchestra" lobenswerterweise auch unbekanntere Werke vor. "La Muse et le Poète" aus dem Jahr 1910 wurde eigentlich als kleines Trio für Geige, Cello und Klavier einer wohlhabenden Förderin gewidmet. Später hat Saint-Saëns das Stück mit Orchesterbegleitung umgearbeitet. Der Cellist Gabriel Schwabe begegnet hier der Geigerin Tianwa Yang auf Augenhöhe. Auch das hervorragende Orchester spielt sehr kammermusikalisch. Es deckt keineswegs die Solisten zu, sondern beteiligt sich vielstimmig an der Konversation.

Camille Saint-Saëns: "La Muse et le Poète", op. 132

Zwischen Popularität und Kollegenschelte

Ein Ausschnitt aus "La Muse et le Poète" von Camille Saint-Saëns aus dem Jahr 1910. Der Komponist verdankte seine Popularität auch dem damals noch jungen Medium der Schellackplatte. Seine oft kürzeren Werke passten auf eine Seite und im vornehmen Salon knisterte das Grammofon dann wie ein gemütliches Kaminfeuer. Doch Saint-Saëns war nicht nur erfolgsverwöhnt, sondern immer wieder auch Anfeindungen ausgesetzt. "Das fängt nicht an, das hört nicht auf, das dauert nur", spottete etwa Max Reger über seinen Berufs- und Zeitgenossen. Dieser Häme schloss sich auch Maurice Ravel an: "Saint-Saëns hat während des Krieges allerhand Musik komponiert. Hätte er stattdessen Granathülsen gedreht, wäre es vielleicht ein Gewinn für die Musik gewesen". Nach seinem Tod kam das große Vergessen über den so Gescholtenen. Viele seiner Werke verschwanden für immer aus dem Konzertleben. Behauptet hat sich aber seine Havanaise in E-Dur in der Version für Violine und Orchester. Einer Könnerin wie Tianwa Yang bietet sie geradezu ein Sprungbrett zum virtuosen Salto mortale. 

Camille Saint-Saëns: Havanaise E-Dur, op. 83

Die Geigerin Tianwa Yang mit einem Ausschnitt aus der "Havanaise in E-Dur" von Camille Saint-Saëns. Das Malmö Symphony Orchestra begleitete unter der Leitung seines Chefdirigenten Marc Soustrot. Der gebürtige Franzose bringt genau das richtige Feeling für diese Musik mit.

Schlanker Orchesterklang und herausragende Solistin

Keine Überzuckerung sondern schlankes und flexibles Spiel auf allen Positionen ist seine Devise. So kann sich die "superbe Délicatesse" dieser Musik viel besser entfalten als unter einem Berg von Klangschaum. Das Malmö Symphony Orchestra ist schon fast so etwas wie ein Hausensemble beim Label Naxos. Die große Erfahrung, innerhalb eines straffen Zeitrahmens ein Projekt perfekt zu realisieren, hört man der Aufnahme deutlich an. Insgesamt ist die Produktion "Works for Violin & Orchestra" ein Gewinn, nicht nur wegen der herausragenden Solistin. Quasi als Zugabe darf natürlich auch Saint-Saëns "Introduktion und Rondo Capriccioso" für Violine und Orchester nicht fehlen.

Camille Saint-Saëns: Introduction et Rondo capriccioso, op. 28

Saint-Saëns: Works for Violin & Orchestra
Tianwa Yang, Violine
Gabriel Schwabe, Violoncello
Malmö Symphony Orchestra
Leitung: Marc Soustrot
Label: Naxos (LC 0537)
Bestellnummer: 8551392

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