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StartseiteForschung aktuellTief in der Lunge23.03.2006

Tief in der Lunge

Vogelgrippevirus befällt für Pandemie noch die falschen Zellen

Medizin. – Das Vogelgrippevirus H5N1 ist die ernsteste Pandemie-Drohung, der sich die Menschheit in den vergangenen Jahren ausgesetzt sah. Ein niederländischer Wissenschaftler hat herausgefunden, dass das Virus noch die falschen Lungenzellen befällt, um ansteckend von Mensch zu Mensch sein.

Von Kristin Raabe

Noch ist die Vogelgrippe keine pandemische Erkrankung. (AP)
Noch ist die Vogelgrippe keine pandemische Erkrankung. (AP)

Die Gefahr lauert millionenfach im Staub von asiatischen Hühnerställen. Das Vogelgrippe-Virus wird nämlich in großen Mengen - Millionen von Viruspartikeln - von den erkrankten Hühnern ausgeschieden. Es setzt sich im Staub oder im Gefieder der Vögel fest. Kommen Menschen auf diese Weise mit dem Virus in Kontakt sind auch sie gefährdet. Durch den eingeatmeten Staub gelangt das Vogelgrippe-Virus in die menschliche Lunge. Und dort wartet dann die erste Prüfung: Es muss in die Lungenzellen eindringen, nur dann kann es sich in den Zellen vermehren. Dazu benötigt es den richtigen Schlüssel, um erst mal an die Lungenzellen anzudocken. Der niederländische Wissenschaftler Thijs Kuiken hat untersucht, an welche Lungenzellen Vogelgrippe-Viren mit Vorliebe andocken.

"Das Virus dockt meistens an Zellen an, die sich ganz tief in der Lunge befinden. Es sind vor allem Bereiche in den so genannten Alveolen, winzige Luftkammern, die manche auch Lungenbläschen nennen. Dort sitzen Vogelgrippe-Viren an den großen Alveolarzellen und an den Alveolarfresszellen. Diese speziellen Fresszellen fressen beispielsweise den Staub, den wir einatmen. Eine Stufe höher in der Lunge haben wir H5N1 noch an Zellen gefunden, die die Innenwand der Bronchien auskleiden. Das sind auch genau die Orte im Lungegewebe, die bei Menschen, die an Vogelgrippe erkrankt sind, den größten Schaden aufwiesen."

Die Vorliebe des Vogelgrippe-Virus für Zellen in den Tiefen der menschlichen Lunge hat Konsequenzen. Beispielsweise muss das Virus erst einmal dorthin gelangen. Es darf auf seinem langen Weg über die Luftröhre zu den Alveolen nicht stecken bleiben oder verloren gehen. Das ist vermutlich auch ein Grund, warum bislang nur relativ wenig Menschen an Vogelgrippe erkrankt sind. Und diese wenigen Patienten haben glücklicherweise so gut wie nie andere Menschen angesteckt. Das liegt auch daran, dass das Virus in den Tiefen der Lunge sein Unwesen trieb. Denn von dort kann es durch ein Husten oder Niesen nicht nach außen gelangen. Die Forschungen von Thijs Kuiken zeigen aber auch, welche Eigenschaften das Vogelgrippe-Virus erwerben müsste, um doch noch zu einer ernsten Bedrohung für uns Menschen zu werden. Kuiken:

"”Der Grundgedanke dabei besteht darin, dass das Vogelgrippevirus ein ähnliches Bindungsmuster zeigen müsste, wie die menschlichen Grippeviren. Die menschlichen Grippeviren binden vor allem an Zellen im oberen Bereich des Atmungstrakts. Damit das Vogelgrippe-Virus über dieselbe Eigenschaft verfügt, muss sich erst mal seine Bindungsstelle verändern, denn sonst kann es an diese Zellen nicht andocken. Sollte das geschehen, dann gelingt es der Vogelgrippe vermutlich ziemlich leicht von Mensch zu Mensch überzuspringen.""

Aber nicht nur Menschen sind bislang an Vogelgrippe erkrankt. In Thijs Kuikens Labor leben auch infizierte Mäuse, Affen, Katzen und Frettchen. Der niederländische Forscher wollte wissen, ob sich das Vogelgrippe Virus im Lungengewebe dieser Tiere ähnlich verhält, wie im menschlichen Atmungstrakt. Das Ergebnis: Nur Frettchen und Katzen taugen als Tiermodell für die menschliche Variante der Vogelgrippe. Diese Erkenntnis könnte die Arbeit der Vogelgrippe-Forscher bald sehr erleichtern. Kuiken:

"”Wir wissen wirklich nur sehr wenig über die paar Fälle von Vogelgrippe bei Menschen. Die wenigen Gewebeproben, die von Autopsien an verstorbenen Patienten stammen, zeigen ein sehr weit fortgeschrittenes Stadium der Erkrankung, in dem sich das Virus selbst nur schwer nachweisen lässt. Aber mit unserer Methode können wir weiter an geeigneten Tiermodellen arbeiten. Und mit dem richtigen Tiermodell können wir vielleicht irgendwann auch einen geeigneten Impfstoff oder ein Medikament gegen die Vogelgrippe entwickeln, so dass Menschen in Zukunft vor dieser Erkrankung geschützt wären.""

Bleibt nur zu hoffen, dass das gelingt, bevor das Vogelgrippe sich dranmacht auch die Zellen im oberen Bereich des menschlichen Atmungstraktes zu erobern - um sich so von Mensch zu Mensch auszubreiten.

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