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StartseiteForschung aktuellErhaltungszucht schützt Arten, nicht Individuen 10.03.2014

Tiere Töten im Zoo Erhaltungszucht schützt Arten, nicht Individuen

Im Februar wurde im Zoo von Kopenhagen das gesunde Giraffenkalb Marius getötet. Es starb, weil es den anderen Giraffen des europäischen Zuchtprogramms genetisch zu ähnlich war - Inzucht sollte vermieden werden. Immer wieder müssen Zoos zwischen dem Wohl einzelner Tiere und dem der Art abwägen.

Von Lennart Pyritz

Getötete Giraffe Marius im Zoo von Kopenhagen (dpa picture-alliance/ Kasper Palsnov)
Die Tötung von Marius vor Kinderaugen hatte international Empörung ausgelöst. (dpa picture-alliance/ Kasper Palsnov)
Weiterführende Information

Zoos müssen sich verändern (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 28.02.14)

"Das Töten von Tieren zur Erhaltung der Population ist ja ein in unserer Gesellschaft akzeptiertes Vorgehen, zum Beispiel bei der Jagd. Und auch in Haltungsbedingungen wie in zoologischen Gärten ist es das letzte Mittel der Wahl",

sagt Theo Pagel, Direktor des Kölner Zoos und Präsident des Verbandes deutscher Zoodirektoren. Dazu käme es aber nur in Einzelfällen.

"Wir hängen ja auch an unseren Tieren hier im Zoo. Das heißt, das ist eine Entscheidung, die man sich nicht leicht macht."

Gefällt wird sie mitunter, wenn ein Tier sich nicht fortpflanzen soll, weil es seinen Artgenossen im Zoo genetisch zu ähnlich ist. Das betreffende Tier zu sterilisieren oder kastrieren, löst das Problem nicht unbedingt.

"Man muss sich dann sehr genau darüber im Klaren sein, dass so ein kastriertes Tier womöglich einen Platz besetzt, den ich nur begrenzt habe, wo ich möglicherweise ein Tier, das züchten soll und züchten muss, hinsetze."

Nicht bei allen Arten können die Tiere außerdem beliebig zusammengesetzt werden. Böcke der Impala-Antilopen etwa bekämpfen sich im Zoo wie in der Natur bis auf den Tod. Überzählige Männchen im Einzelfall zu töten und an Raubtiere zu verfüttern sei unter diesen Umständen ein vernünftiges Vorgehen, betont Theo Pagel. Eine öffentliche Schlachtung wie in Kopenhagen lehnt er aber ab. Auch in anderen Zoos ist der Platz oft begrenzt. Für etwa 350 bedrohte Arten gibt es in Europa außerdem internationale Zuchtprogramme, nach denen nur bestimmte Zoos als Abnehmer für überzählige Tiere in Frage kommen. Tiergärten scheiden bisweilen auch darum als neue Heimat aus, weil sie nicht Mitglieder des "Europäischen Aquarien- und Zoo-Verbands", kurz EAZA, oder des weltweiten Verbands WAZA sind.

"Das Wichtige ist ja, dass alle, die solche Tiere haben, bedrohte Arten, dann auch den gleichen Regeln folgen. Und deshalb tut man sich schwer, die außerhalb des Verbandes weiterzugeben."

Neben Standards für eine artgerechte Haltung ist ein weiterer Grund dafür ...

"... dass man Angst hat, dass dann irgendwann über vier, fünf Schritte sozusagen ein Tier wieder zurückkommt als sogenanntes blutsfremdes Tier. Alle freuen sich, und am Ende ist es doch eins, was aus der Linie schon kommt."

Der Kölner Zoo bemüht sich dennoch, mit möglichst vielen Parks zusammenzuarbeiten, bei Reptilien und Amphibien mitunter sogar mit erfahrenen Privathaltern.

Neben den alltäglich verfütterten Mäusen und Meerschweinchen, müssen im Kölner Zoo jährlich bis zu zehn unvermittelbare Tiere getötet werden. Darunter waren schon Antilopen und Bisons. Doch gleich ob Wildrind, Maus oder Gorilla: Für alle Tiere gelten prinzipiell dieselben Maßstäbe.

"Was das Töten von Tieren zum Populations-Management anbelangt, waren wir erfreulicher Weise nie in der Notsituation, das bei solch charismatischen Tieren zu tun wie Menschenaffen, Primaten überhaupt. Rein theoretisch wäre das denkbar."

Durch getrennte Unterbringung, Empfängnisverhütung per Pille und mit Hormonimplantaten versuchen Zoos von vornherein zu verhindern, dass genetisch unerwünschte oder überzählige Tiere gezeugt werden. Ganz ausschließen lässt es sich aber nicht.

Pagel:

"Wir haben ja aber selber so einen Fall gehabt, wo ein Tigerkater mit nicht mal anderthalb Jahren, also viel, viel, viel zu jung nach Literatur und Erfahrungen seine eigene Mutter erfolgreich gedeckt hat. Das heißt, ich hab jetzt drei Tigerjunge, die nicht erwünscht sind. Wir haben gesagt, wir werden diese Tiere nicht einschläfern."

Deutscher Tierschutzbund kritisiert Zuchtpraktiken

Die Tiger sollen artgerecht in einem anderen Tierpark untergebracht werden. Nicht zur Züchtung, aber als Botschafter ihrer Art.

Der Deutsche Tierschutzbund lehnt Tierhaltung im Zoo nicht generell ab, kritisiert aber die Zuchtpraktiken. Dahinter stünden nicht Wissenschaft oder Artenschutz. Vielmehr würden die Zoo-Populationen falsch gemanagt und zu wenig Geld in den Ausbau von Gehegen gesteckt. Töten zwecks Bestandskontrolle verstoße gegen das Tierschutzgesetz und sei darüber hinaus ethisch unverantwortlich. Theo Pagel räumt ein Dilemma ein.

"Wir sind auch Tierschützer, das gehört zu meinem täglichen Beruf. Ich muss alle Tiere hier im Zoo tierschutzgerecht halten, und das ist auch unser eigener Anspruch."

Übergeordnet steht für ihn aber der Schutz der gesamten Spezies.

"Und wenn ich da nur immer an das einzelne Tier denke, könnte es durchaus sein, dass man eben eine Art langfristig nicht erhalten kann."

Wenn die Population ausstirbt, sind auch die Einzeltiere weg, sagt Lydia Kolter. Sie ist Kuratorin im Kölner Zoo und betreut von dort aus die Europäischen Zuchtprogramme für Przewalski-Pferde und mehrere Bärenarten. Das bedeute auf der anderen Seite nicht, dass Einzelschicksale keine Rolle spielten. Zur Not werde die koordinierte Zucht einer Art vorübergehend ganz gestoppt, wie etwa bei den asiatischen Malaien-Bären, sagt sie mit Blick auf die Tiergehege.

"Ich hab hier zwei junge Weibchen sitzen, mit denen ich jetzt erstmal nicht züchte, solange ich nicht sagen kann – Bären werden sehr, sehr alt – da kann ich in den nächsten Jahren freie Plätze erwarten. Es ist nie so, auch wenn das manchmal so dargestellt wird, dass wir Tiere einfach nur leichtfertig züchten, um am Ende der Saison die Tiere wieder zu schlachten. So ist es nicht." 

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