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StartseiteUmwelt und VerbraucherHamburgs Bauern wehren sich09.02.2015

Tierhaltung und UmweltauflagenHamburgs Bauern wehren sich

Auf dem Parteitag Ende November in Hamburg forderte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter die Agrarwende: weniger Gülle auf den Feldern, dafür mehr Tierschutz in den Ställen und mehr Förderung für Biobauern. Viele Landwirte fühlen sich in die Ecke gedrängt und erklären: Die Politik verlange Unmögliches.

Von Alexander Budde

Weiterführende Information

Initiative Tierwohl - Bauernverband verspricht Fortschritte beim Tierschutz
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 13.01.2015)

Seinen Hof hat Hans-Peter Witt an den Sohn übergeben. Doch der Senior packt auch an diesem Morgen mit an: Frühstück für die Schweine. Der mittelständische Betrieb bei Hemme in der Marsch, umgeben von 600 Hektar Ackerland, beschäftigt fünf Mitarbeiter. Mit ihren 900 Zuchtsauen sind die Witt´s keine Schweinebarone. Abzüglich der Kosten für Futter, Tierarzt und Energie bleibt nur eine schmale Marge, die ihr Wirtschaften rentabel macht.

Wer als Landwirt in der Branche finanziell überleben will, setzt auf Masse. Doch das Tierwohl liege ihm sehr am Herzen, versichert Bauer Witt. Er ist auch Kreisvorsitzender vom Bauernverband.

"Wir sind vor ungefähr 25 Jahren mit der Sauenhaltung angefangen. Damals war es sogar noch möglich, die Sauen anzubinden, das wird heute schon lange nicht mehr praktiziert. Und was ich auch feststellen kann: Dadurch, dass wir heute auch in unserem Betrieb fünf Mitarbeiter haben, dass sich viel intensiver ums einzelne Tier gekümmert wird."

Produziert wird auf Masse

Gemessen an ihrem Einkommen zahlen die Deutschen im europaweiten Vergleich die geringsten Preise für Lebensmittel. Zu verdanken haben sie das der effektiven Landwirtschaft: Turbokühe, die Dank Kraftfutter bis zu 50 Liter Milch am Tag geben; Hühner, Puten und Schweine, zu Tausenden in Ställe gepfercht, so gezüchtet, dass sie in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Fleisch ansetzen.

Von artgerechter Tierhaltung, sagen Kritiker der sogenannten konventionellen Landwirtschaft, sei das meilenweit entfernt.

"Klar, man kann auch 20 Schweine unanständig halten. Und man kann, wenn man sehr, sehr viel Platz hat, auch 200 oder 300 Rinder auf einer riesigen Weide anständig halten. Aber 20.000 Schweine in einem Stall anständig zu halten, das kommt mir fast unmöglich vor. Und das heißt, wir brauchen dringendst ganz andere Tierschutzstandards!"

Ihre Forderung nach dem "Veggieday" haben die Grünen wortreich begraben, missionieren wollen sie nicht mehr - doch aufrütteln schon.

An den Pranger gestellt

Auf dem Parteitag Ende November in Hamburg fordert Fraktionschef Anton Hofreiter die Agrarwende, weniger Gülle auf den Feldern, dafür mehr Tierschutz in den Ställen und mehr Förderung für Biobauern. Massentierhaltung, Qualzucht: Begriffe, die den grünen Nerv treffen, ärgern Hans-Per Witt.

Viele Landwirte, die konventionell wirtschaften, sehen sich durch grüne Politik an den Pranger gestellt. Der grüne Co-Vorsitzende Hofreiter, schimpft Witt, habe viel Gefühl, aber wenig Sachverstand:

"Er spricht von Agrarwende. Die hat er uns noch nicht erklärt, haben uns die Grünen noch nie erklärt, was das bedeutet. Aber er stellt uns auch in eine besondere Ecke, die wir überhaupt nicht gut finden, dass wir Massen-Tierquäler sind und Massentierhaltung betreiben und mit Antibiotika unverantwortlich umgehen. Und wir mögen es nicht haben, wenn wir als Bauern unter Generalverdacht gestellt werden!"

"Das Wichtigste ist aber am Ende, dass es nicht kontraproduktiv ist."

Bodenheizung und eine vom Klimacomputer gesteuerte Raumtemperatur für das speziell auf Gruppenhaltung sozial verträglich gezüchtete Borstenvieh, Impfungen gegen Erkrankungen der Atemwege, lückenlos dokumentierte Vergabe von Antibiotika bei schwer heilenden Verletzungen der Klauen: Bauer Witt betont, dass es seinen Tieren heute besser geht als zu früheren Zeiten.

Doch wenn sie nur könnten, würden sich manche Ferkel aus purer Langeweile die Ringelschwänze blutig beißen. Um das zu verhindern, kürzt Schweinehalter Witt die Schwänze seiner Ferkel.

"Wir haben eine freiwillige Vereinbarung getroffen mit der Politik, dass wir Ende 2018 hiermit aufhalten wollen. Da sind wir bei, intensiv auch zu forschen, wie wir es schaffen können. Das Wichtigste ist aber am Ende, dass es nicht kontraproduktiv ist."

Wenn Politiker die artgerechte Haltung von Schweinen anmahnen, fordern sie Unmögliches, meint Witt. Beim Schweinefleisch liege der Marktanteil der ökologisch erzeugten Lebensmittel unter einem Prozent, gibt er zu bedenken. Auf der Kundgebung in Hamburg will Witt mit Hofreiter auch über das Selbstverständnis grüner Agrarminister diskutieren. Die sollten mehr darüber nachdenken, wie es in Zukunft weitergehen könne, nicht immer nur sagen, wie es nicht geht.

 

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