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StartseiteSonntagsspaziergangZurück in die Wildnis17.03.2019

Tierrettungs-NetzwerkZurück in die Wildnis

Vom Känguru-Baby bis zum Kakadu: Die Mitglieder des australischen Netzwerkes Malubillai nehmen verletzte oder verwaiste Tiere bei sich zuhause auf und machen sie wieder fit für das Outback. In 80 Prozent der Fälle mit Erfolg. Dafür brauchen sie Spezialfutter, eine Waschmaschine und eine Menge Geduld.

Von Christiane Renyé

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Als Baby im Beutel bei der Mama zu leben finden die kleinen Kängurus sicher toll. (picture alliance / dpa / Dalibor Gluck )
Wenn die Mutter stirbt, werden die Känguru-Babys in Einkaufstaschen großgezogen (picture alliance / dpa / Dalibor Gluck )
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Heather lebt in einer beschaulichen Wohngegend mit vielen Bäumen im Stadtteil Victoria Park. Das Haus ist schon ein bisschen älter, es sieht gemütlich aus mit seinen hübschen Holzverzierungen und einer überdachten Veranda, die rundherum läuft. 

Überall dort stehen große Vogelkäfige, darin wuselt es in allen Farben, ein wahres Pfeifkonzert bricht aus. Drinnen im Haus ist es ein bisschen dunkel, aber vergleichsweise kühl – sehr angenehm bei den sommerlichen Temperaturen in Perth. Heather serviert Kaffee und Kekse, nachdem sie erstmal eine Dose lebende Mehlwürmer vom Tisch geräumt hat. Damit füttert sie die Jungvögel. Nein, pingelig darf man nicht sein, wenn man sich um verletzte oder verwaiste Tiere kümmert. Stattdessen…

 "… braucht man eine gute Waschmaschine, unzählige Schürzen – und eine Menge Geduld!"

Alle paar Meter ein totes Tier

Heather Seear ist seit rund 20 Jahren Mitglied bei Malubillai, einem privaten Tierrettungs-Netzwerk. Woher kommt der ungewöhnliche Name, frage ich sie.

"Wir achten und schätzen die Aborigine-Kultur. Malubillai ist ein Koppelwort aus zwei Namen: Malu heißt das Rote Riesenkänguru und Billai der Rotflügelsittich – beides Wörter aus der Sprache nordaustralischer Aborigines". 

Auf Australiens Landstraßen oder in den Vororten größerer Städte werden jedes Jahr hunderttausende Tiere überfahren – vor allem in Tasmanien. Hier liegt mitunter alle paar Kilometer ein totes Tier am Straßenrand. 

Ein großer Teil der Tiere, die vom Malubillai-Netzwerk betreut werden, haben solche Unfälle mehr oder weniger knapp überlebt. Andere werden von Hunden verletzt oder haben ihre Eltern verloren. Wenn sie Glück haben, werden sie von Menschen gefunden, die dann – bei noch mehr Glück – die Rufbereitschaft von Malubillai alarmieren.

"Manche Leute rufen an und kommen dann mit ihnen her – manchmal bringen sie sie aber auch einfach so vorbei, erst kürzlich ist es wieder ein paarmal passiert, dass verletzte Wildtiere zuhause auf mich warteten - da sitzt dann halt plötzlich ein Vogel vor der Haustür".

Känguru in der Shopper-Tasche

Auf Heathers Veranda wohnen zurzeit unter anderem ein Rosa-Kakadu, ein knallbunter Allfarb-Lori und mehrere junge Gartenfächerschwänze - die werden wegen ihrer wippenden Schwanzbewegungen hier Willy Wagtail genannt – Willy Wackelschwanz.

Die Beuteltier-Expertin des Netzwerks ist Heathers Freundin und Kollegin Lynn Manuel. Sie ist heute zu Besuch vorbeigekommen – mit drei Baby-Kängurus, die sie zurzeit in Pflege hat. Die Köpfe der drei "Joeys", wie sie hier genannt werden, schauen aus großen Shopper-Taschen, die Lynn sich um die Schultern gehängt hat. Da sie ja Beuteltiere sind, gefällt es ihnen in den Taschen – Lynn kann sie theoretisch also überall mit hinnehmen. Trotzdem ist es ein Knochenjob, Baby-Kängurus aufzuziehen, erzählt sie:

"Wir füttern ihnen Spezialmilch. Die ist sehr, sehr teuer. Wir brauchen Tücher, Beutel und Hängetaschen. Die Joeys müssen alle vier Stunden gefüttert werden – genau wie menschliche Babys. Die Art der Fütterung dauert acht bis zehn Monate. Insgesamt müssen sie zwei Jahre mit der Flasche gefüttert werden. Sie brauchen also eine lange Zeit Betreuung. Es lohnt sich, aber es ist harte Arbeit".

Urlaub selten möglich

Ihre aktuellen Joeys betreut Lynn seit gut acht Monaten. So langsam kann sie selbst also nachts wieder durchschlafen. Aber nicht nur der Alltag fordert die Tierretter, auch Urlaub ist eher selten drin:

"Letztes Jahr bin ich in den Süden runtergefahren, um Urlaub bei einer Freundin zu machen - und ich hatte elf Joeys im Auto. Es war ein bisschen schwierig, an den Rasthäusern elf Fläschchen Milch warmzumachen, um all die Babys zu füttern. Ich hab nur gebetet, dass ich nicht mit mehr als meinen eigenen elf zurückkommen würde!"
 
Unterdessen versucht eins der Joeys, Heathers Wohnzimmer zu erkunden. Es hüpft langsam und ein bisschen zögerlich über den Teppich. Doch sobald es auf den glatten Holzboden gerät, gibt’s sofort ein Problem: Das Känguru rutscht aus und fällt hin, die langen Hinterbeine zappeln in der Luft. Lynn fängt es wieder ein und steckt es in seinen Beutel zurück. Dort kuschelt es sich in seine Decken und macht die Augen zu. Alles wieder gut, heißt das wohl. Lynn erzählt derweil von ihrem Freund, dem Tierretter Chris Barns, in Europa durch eine BBC-Doku als "Känguru Dundee" bekannt.   

"Känguru Dundee und ich haben uns auf Facebook angefreundet. Seine Erfahrungen sind sehr hilfreich für uns. Wenn wir ein Problem mit unseren Joeys haben, kontaktieren wir ihn. Er sagt uns dann, was er darüber denkt oder welche Erfahrungen er damit gemacht hat. Manchmal ist es aber auch nur toll, wenn man seine Erlebnisse austauscht."

Zu 80 Prozent erfolgreich 

Ziel der Malubillai-Netzwerker ist es, gesundgepflegte oder großgezogene Tiere wieder in die Wildnis zu entlassen. Das gelingt in gut 80 Prozent aller Fälle. Neben Vögeln und Kängurus werden auch oft Echsen abgegeben – als Opfer von Hunde-Attacken oder Schneckengift in Gärten. Mitunter helfen Heather und Lynn auch mit, unbekannte Tierarten zu identifizieren – in Australien gibt es eine Vielzahl allein an wenig prominenten Beuteltieren. Die beiden Frauen beantworten dann Anfragen oder schauen sich Fotos an, die per Mail oder auf Facebook einlaufen. Ein ganz schönes Arbeitspensum, neben Familie und/oder Beruf! Motivationsprobleme haben Heather und Lynn trotzdem nicht. Die beiden haben sich sogar zusammen je ein Tattoo auf den Unterarm stechen lassen – Lynn eine Kängurupfote und Heather einen Uhu. Heather erklärt:

"Ich bin stolz darauf, dass ich immer noch dazulerne. Und ich suche Rat und Hilfe, wenn es nötig ist. Ich kümmere mich gerne um unsere Wildtiere. Es ist wichtig. Viele australische Tierarten gibt es nur hier und sonst nirgends auf dem Planeten. Egal ob es ein winziger Vogel ist, ein Babykänguru oder ein Habicht – sie sind alle wichtig!"

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