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StartseiteForschung aktuell"Forschung zum Wohl von Mensch und Tier"08.01.2018

Tierversuche"Forschung zum Wohl von Mensch und Tier"

Mäuse, Ratten, Vögel, Meerschweinchen im Labor: Beim Thema Tierversuche kochen die Emotionen schnell hoch. Die Zahl der Versuchstiere zu verringern sei über die Jahrzehnte hinweg besonders bei Testverfahren gelungen, sagte der Human-Physiologe Rainer Nobiling im Dlf. Schwierig blieben andere Forschungsbereiche.

Rainer Nobiling im Gespräch mit Ralf Krauter

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(picture alliance / dpa / Rolf Kremming)
Nur 0,3 Prozent aller von Menschenhand getöteten Tiere sterben im Labor, dennoch ist der Widerstand groß. (picture alliance / dpa / Rolf Kremming)
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Ralf Krauter: Im Jahr 2016 wurden in Deutschland rund 750 Millionen Tiere geschlachtet, um unseren Hunger nach Fleisch zu stillen: Schweine, Hühner, Rinder, usw. Verglichen damit fallen die rund 2,8 Millionen Tiere eigentlich kaum ins Gewicht, die im selben Jahr im Dienste der Forschung starben. Sie machten 2016 nur etwa 0,3 Prozent aller von Menschenhand getöteten Tiere hierzulande aus. Trotzdem schlagen die Emotionen beim Thema Tierversuche natürlich immer besonders hoch. Und wir haben das zum Anlass genommmen, mit einen Fachmann über die Versuchstierzahlen für 2016 zu sprechen, die der Bundeslandwirtschaftsminister zum Jahresende veröffentlicht hat. Prof. Rainer Nobiling ist Human-Physiologe, war viele Jahre lang Tierschutzbeauftragter der Uni Heidelberg und ist Mitglied mehrerer Expertenkommission zum Thema Tierversuche. Ich habe ihn vorhin gefragt, warum die Zahl der Versuchstiere 2016 um 50.000 über der vom Vorjahr lag.

Rainer Nobiling: Ich sehe diesen insgesamt verringerten Anstieg eher als Fluktuation. Seit Mitte der 90er-Jahre sind die Zahl der Versuchstiere in der Forschung deutlich stärker gestiegen. Dieser Trend schwächte sich ab, und wenn Sie dann zum Beispiel 2012 auf 13 vergleichen, minus 2,7 Prozent 2014 auf 2015 plus 0,08 Prozent, werden Sie meine Meinung teilen, das kommt zur Ruhe diese Steigerung. Ich erwarte tatsächlich mittelfristig schon eine Stagnation.

Krauter: Das heißt, diese rund 2,8, oder sagen wir: knapp drei Millionen Versuchstiere pro Jahr in Deutschland, dabei wird es erst mal bleiben, meinen Sie.

Nobiling: Ich vermute es.

Krauter: Rund 70 Prozent davon sind Labormäuse. Was sind denn die wichtigsten anderen Tierarten die da zum Einsatz kommen?

Nobiling: Traditionell natürlich Ratten. Der Anteil der Ratten ist deutlich zurückgegangen von 25 auf inzwischen nur noch gut zehn Prozent. Fische und Vögel zusammen sind noch einmal zehn, elf Prozent. Schließlich Kaninchen und Meerschweinchen zusammen fünf Prozent und alle anderen Versuchstiere zusammen sind noch einmal fünf Prozent.

Krauter: Um zu verstehen, warum die Wissenschaft in vielen Bereichen immer noch nicht ohne Tierversuche, ohne Versuchstiere auskommt, erklären Sie doch mal ganz schnell, wofür werden die eingesetzt, also was sind die wichtigsten Anwendungsfelder?

Nobiling: Was sich immer mehr herausschält: der wichtigste Anwendungsfall ist die sogenannte Grundlagenforschung, was nicht nur biologische, sondern auch medizinische Grundlagenforschung ist, grundsätzliches Verstehen von biologischen Zusammenhängen, insbesondere Systemzusammenhängen. Der zweite große Bereich sind dann aber bereits Tiere, die ohne Tierversuch zu wissenschaftlichen Zwecken für Zellkulturen oder andere alternative Zwecke getötet werden. Und der dritte große Bereich sind regulatorische Versuche, also vorgeschrieben Versuche mit 20 Prozent aller Versuchstiere.

Deutlicher Rückgang bei Tierversuchen zu Testzwecken

Krauter: Kurze Nachfrage zu dem zweiten Teil: Da meinen Sie Tiere, die sozusagen keinen Experimenten ausgesetzt werden, die einfach getötet werden, um an Zellen aus ihrem Körperinneren heranzukommen.

Nobiling: Zellkulturen oder auch Anorgankulturen. Ich denke an isolierte Herzen oder isolierte Lebern, um damit dann Forschung zu machen.

Krauter: Jetzt ist es ja das erklärte Ziel aller Firmen und Forschungsorganisationen, die Tierversuche machen, die Zahl der benötigten Versuchstiere zu verringern. Deshalb bemüht man sich seit vielen Jahren schon recht intensiv, Alternativen zu entwickeln, zum Beispiel auf der Basis von Zellkulturen. Warum haben denn diese Bemühungen, wenn man sich die Zahlen anschaut, bislang offenbar überhaupt nicht den gewünschten Effekt gebracht?

Nobiling: Ich möchte Ihnen in Bezug auf Testverfahren deutlich widersprechen, denn die Zahlen von Versuchstieren für solche Testzwecke, also Sicherheitsprüfung, Toxizitätsprüfungen et cetera, gehen seit dem Beginn der Aufzeichnung in Deutschland zurück. Da haben wir im Jahr 1989 mit zwei Millionen Tieren einen Anteil von 70 Prozent gehabt, und jetzt sind wir bei einer halben Millionen Tiere im Jahr 2016 mit einem Anteil von 20 Prozent. Ich denke, das ist ein deutlicher Zurückgang, und das dafür zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung arbeitet mit Hochdruck daran, diese Zahlen weiter zu reduzieren. Testzwecke.

Wenn Sie aber meinen Forschungsversuche, also zur Analyse von biologischen und medizinischen Systemzusammenhängen, das kann man mit Zellkulturen eigentlich nicht modellieren, und deswegen geht die Zahl dieser Versuchstiere nicht zurück.

Krauter: Sie muss ja sogar gewachsen sein, um quasi das zu kompensieren, was man auf der anderen Seite eingespart hat.

Nobiling: Ja, diese Zahl ist gewachsen. Ein Teil dieser Versuchstiere wird sogar dafür eingesetzt, diese Testverfahren zu entwickeln. Das kann man an der Gesamtzahl jetzt aber nicht unterscheiden, wofür diese Tiere eingesetzt wurden.

Belastung der Tiere ist zurückgegangen

Krauter: Es ist ja auch ein erklärtes Ziel aller beteiligten Forscher, das Leid der Versuchstiere zu minimieren. Waren da denn, wenn schon nicht bei den absoluten Zahlen, in den letzten Jahren Fortschritte zu verzeichnen?

Nobiling: Diese Fortschritte sind schwer messbar, weil tatsächlich erst seit 2014 die Belastung von Versuchstieren berichtet werden kann. Vorher wurde das schlicht und einfach nicht dargestellt in den Meldeverordnungen. An der Art der beantragten Tierversuche und Versuchsvorhaben kann man aber ablesen, dass die Forscher die Bemühungen sehr ernst nehmen, die Belastung der Tiere zu verringern. Ich sage nur ein Stichwort: verbesserte Narkose- und Schmerzverfahren.

Krauter: Das heißt, die Verfahren, die Methoden sind schonender geworden, und es ist auch den Anträgen für solche Versuche schon zu entnehmen.

Nobiling: Das ist den Anträgen anzusehen. Gemessen werden jetzt die Belastungen seit 2014. Da kann man noch keinen Trend sehen. Man kann aber so viel sagen: 70 Prozent der Tiere werden in den Kategorien "keine" oder "geringe Belastung" geführt, 20 Prozent sogenannte "mittlere Belastung" und nur fünf bis sechs Prozent der Tiere werden berichtet unter "schwerer Belastung". Ziel sollte es also sein, insbesondere die Zahl der schwerbelasteten Tiere weiter zu verringern.

Krauter: Trotzdem ist es ja so, selbst wenn die Tiere nur leicht belastet sind, sie sterben am Ende im Dienste der Forschung. Ist das ethisch vertretbar aus Ihrer Sicht?

Nobiling: Es kommt auf die ethische Abwägung an. Wenn eine menschliche Gesundheit, nebenbei auch tierische Gesundheit natürlich – es geht um beides –, wichtig ist, dann sind gezielte Forschungsarbeiten erforderlich, und diese gezielten Forschungsarbeiten erfordern ebenfalls eine gezielte Tötung der Tiere, damit mit einer feingeweblichen Untersuchung dann auch die Forschungsergebnisse überhaupt aussagekräftig gemacht werden können.

Krauter: Also es ist letztlich ein moralischer Abwägungsprozess eigentlich, dass man sagt, das Leben der Menschen oder bestimmte Tiere ist mehr wert als das der Versuchstiere.

Nobiling: Genau. Ich meine, auch dass Haustiere besser behandelt werden können, dass die Kleintierpraxen mit wesentlich besseren Methoden und Medikamenten ausgestattet sind, ist letztlich das Ergebnis von Tierversuchen. Diese Forschung wird zum Wohl von Mensch und Tier durchgeführt, und die ethischen Abwägungsprozesse sind wirklich Gegenstand auch im Genehmigungsverfahren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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