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StartseiteCorso"Musik ist die Berufung"01.04.2017

Tilman Rossmy und Die Regierung"Musik ist die Berufung"

Er hing mit den Protagonisten der Hamburger Schule ab, seine Alben mit der "Regierung" wurden von den Medien gefeiert. Nun, nach 23 Jahren Pause, hat Tilman Rossmy ein neues Album mit der "Regierung" veröffentlicht. Im Deutschlandfunk spricht er über seine Musik, Beruf und Berufung und das Älterwerden.

Tilman Rossmy im Corso-Gespräch mit Anja Buchmann

Tilman Rossmy (Christoph Voy/Staatsakt)
"Wir haben ein bisschen vermieden, darüber zu reden, ob man die Musik des anderen gut fand oder nicht", sagt Tilman Rossmy über die gemeinsame Zeit mit anderen Bands der Hamburger Schule (Christoph Voy/Staatsakt)
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Anja Buchmann: Er hing mit den Protagonisten der Ersten  Hamburger Schule -Welle ab, seine Alben "Supermüll" und "So allein" mit der Regierung wurden von den Medien sehr gelobt und er versuchte eine Zeitlang, allein von der Musik zu leben - das klappte aber nicht. Also arbeitet Tilman Rossmy als Softwareentwickler und macht nebenbei Musik. Nach 23 Jahren Pause gibt es neues Album mit der Regierung. Im Corso-Gespräch erzählt der Sänger und Songschreiber über Beruf und Berufung, über das Älterwerden und seine Zeit in Hamburg Anfang der 90er, als er sich mit den Musikern von "Kolossale Jugend" oder "Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs" herumgetrieben hat.

Tilman Rossmy: Also erstmal haben wir da sehr viel zusammen abgehangen damals, das ist für mich das Hauptelement, dass wir zusammen ausgegangen sind. Es gab da immer so ein, zwei Läden in Hamburg, in denen man sich getroffen hat, sehr extensiv. Also zu meiner Zeit war das der Sorgenbrecher in Sankt Pauli und da waren wir fast jeden Abend. Und dann haben wir noch zusammen Konzerte gemacht, Tours zusammen gemacht und ein bisschen vermieden, darüber zu reden, ob man die Musik des anderen gut fand oder nicht, weil das hätte durchaus im Weg stehen können. Und das war nicht so wichtig, wir haben das - glaube ich - geschätzt, dass wir eine gemeinsame Infrastruktur genutzt haben und einfach den Spaß, den wir miteinander hatten.

Anja Buchmann: Sie sehen das in erster Linie als Zusammenhalt und zusammen Abhängen und eine gewisse gemeinsame Infrastruktur und gar nicht so sehr inhaltlich-musikalisch?

Rossmy: Also in meinem Fall, auf jeden Fall war das so. Ich habe immer gedacht, wenn die mal rausfinden, was ich wirklich denke, dann fliege ich da sowieso raus. Krieg ich die rote Karte oder so.

Buchmann: Bezüglich welcher Themen?

Rossmy: Ja, ich habe schon einen ganz anderen Hintergrund, ich war auch immer viel älter als die, ich habe schon ganz andere Erfahrungen gemacht, sagen wir diese ganzen politisch-radikalen Geschichten, die habe ich in den 70er-Jahren schon miterlebt und eine Einstellung dazu gehabt, die die Jungs da erst noch lernen mussten. Die hatten da andere Vorstellungen.

Buchmann: Vor 30 Jahren hatten Sie da noch etwas anderes gewollt mit der Musik als heute? Also als Sie begonnen haben mit dem ersten Album der Regierung, '84 war das.

Rossmy: Ich glaube, damals war das für mich total notwendig, das musste unbedingt raus, irgendwie. Auch einfach, um Leute zu finden, mit denen ich irgendwie konnte. Ich meine, ich war ja ein Außenseiter, in Essen. Und ich habe einfach keine Freunde gefunden und ich dachte immer, ich finde die in der Musik, mit einem gemeinsamen Musikgeschmack. Aber in Essen hat niemand das gehört, was ich gehört habe. Ich habe damals so Garagenrock gehört, vor allem auch ziemlich exklusive Sachen, australische Garagenrockbands, die man nur in bestimmten Plattenläden bekommt. Und ich dachte immer, wenn ich Leute treffe, die genau diese Musik hören, dann bin ich angekommen. Das war dann eine Zeit lang wirklich so in Hamburg. Als ich nach Hamburg gezogen bin und bin direkt den ersten Abend ausgegangen, direkt 20 Leute getroffen, die mich alle kannten, von der Musik her. Und das ging dann vier Jahre. Das war echt eine super intensive und aufregende Zeit und auch das ging vorbei.

"Da dachte ich: Ja, wenn man der Größte ist, kann man vielleicht auch davon leben"

Buchmann: Sie haben auch Physik studiert und arbeiten als Software-Programmierer - haben Sie jemals damit gehadert, dass Sie von der Musik nicht durchgehend leben können, zumal Sie ja auch eine Familie haben?

Rossmy: Bevor ich eine Familie hatte, habe ich das mal versucht. Eine Zeit lang sah das wirklich gut aus. In jeder Zeitung stand drin, ich bin der Größte. Da dachte ich: Ja, wenn man der Größte ist, kann man vielleicht auch davon leben.

Buchmann: Sollte man meinen … In den 90ern war das, nicht wahr? Da lief es ganz gut.

Rossmy: Genau. Das war eben auch ein bisschen diese L'age d'or-Geschichte, die haben sehr gute Pressearbeit gemacht. Und das Publikum ist da nicht hinterher gekommen. Du warst in allen Medien - und da konnte man sich schon mal vertun und da habe ich es einfach versucht. Und die Message war ganz klar: Wie ich den Schritt gemacht habe zum "Profitum", da gingen die Verkäufe auf einmal nach unten. Und das habe ich auch schnell verstanden, die Message, die ich da bekommen habe. Und ich gräme mich darüber überhaupt nicht. Was mir mehr ausgemacht hat, war, die Freunde zu verlieren. Durch diese persönliche Entwicklung der Kontakt, der so ein bisschen verloren gegangen ist, das hat mir mehr wehgetan.

Buchmann: Musik bleibt dann auf jeden Fall Hobby, was aber ein durchaus zeitraubendes Hobby ist im Moment, oder?

Rossmy: Ich würde sagen: Die Musik ist die Berufung und die Softwareentwicklung ist der Beruf.

Zeitloser Regierungs-Stil mit elektronischen Feinheiten

Buchmann: Haben Sie denn lange am neuen Album "Raus" geschraubt? Ich habe mal gelesen, dass Sie es eigentlich gar nicht so mögen, wenn man so lange an einem Album herum bastelt, denn die besonderen Momente, die passieren doch manchmal eher spontan und nebenbei und ungeplant.

Rossmy: Ja, wir haben das schon live aufgenommen im Studio, aber wir haben halt nachher … Man hat ja jetzt die Möglichkeit mit den ganzen Computern noch nachher ziemlich viel zu machen.

Buchmann: Ja musikalisch ist es eindeutig erkennbar zeitloser Regierungs-Stil, dennoch zusätzlich ein paar elektronische Feinheiten. Das ist dann wahrscheinlich bei der Produktion im Nachhinein entstanden, denke ich mal. Viele warme Synthie-Klänge, die dann auch zwischen den Gitarren mal durchbrechen. War das Ihre Idee oder haben da der Produzent oder die Produzenten ein Wörtchen mitgeredet und gesagt: Statt Leadgitarre machen wir da ein bisschen Elektronik rein.

Rossmy: Genau, das war so die Version. Statt einer Leadgitarre eher so Geräusche zu haben und das hatten wir schon vorher besprochen. Wir haben in der Band besprochen, in welche Richtung wir gehen wollen und da kamen immer wieder Bands wie "Neu!" und...

Buchmann: So diese Krautrock-Geschichten ...

Rossmy: So Klaus Dinger mit Michael Rother und dann Harmonia und so. Vor allen Dingen dieses Klaus-Dinger-Schlagzeug hatte es uns angetan. Und da wollten wir ein bisschen in diese Richtung gehen - waren ja nur Bass, Schlagzeug und Gitarre. Und dann habe ich unseren Produzent gefragt, ob er das machen kann, solche Sounds zu entwickeln. Und das hat er dann gemacht und da ich bin ich auch sehr begeistert von - und würde das auch gern noch ein bisschen weiter treiben, ja.

"Darauf zu kommen, ist einfach total schwierig"

Buchmann: Wie entstehen eigentlich Ihre Texte? Die wirken ja immer so herrlich unprätentiös, so wie nebenbei mal eben an der Theke auf den Bierdeckel notiert, bleiben aber trotzdem unglaublich gut hängen, zumindest die eine oder andere Zeile bleibt hängen. Haben Sie da eine Methode? Sind Sie einer, der ständig mit dem Notizbuch in der Hand durch die Gegend rennt und sich immer wieder etwas notiert oder wie funktioniert das?

Rossmy: Das mache ich überhaupt nicht. Ich habe das auch mal probiert, in meiner Profi-Phase, aber im Prinzip mache ich es immer so, dass ich mich mit meiner Gitarre hinsetze und ausschließlich mit der Gitarre auch die Texte schreibe. Ja, schreiben kann man da gar nicht sagen … singen. Ich probiere dann aus. Und das dauert oft ewig.

Buchmann: Klingt gar nicht so.

Rossmy: Ja, das klingt dann so wie nebenbei, ist aber superharte Arbeit und dauert oft Monate.

Buchmann: Also um etwas nebenbei klingen zu lassen, wird es nicht nebenbei gemacht, sondern bedarf ziemlich harter Arbeit.

Rossmy: Das ist auch wie in der Physik. Die Lösung ist immer der einfachste aller Wege, aber darauf zu kommen, ist einfach total schwierig.

Buchmann: … aber dahin zu kommen, ja. Okay, dann gibt es vielleicht doch eine kleine Überschneidung zu dem, was Sie mal studiert haben. Ansonsten sind das wahrscheinlich zwei verschiedene Paar Schuhe.

Rossmy: Da bin ich gar nicht so sicher. Einstein hat ja auch Violine gespielt. Das kann ich jetzt nun nicht gerade, aber irgendwie haben die meisten Physiker auch etwas mit Musik am Hut. Oder mit Poesie und dieser anderen Ebene. Als Physiker staunt man eben auch sehr viel. Es ist sehr viel … ja, dieser Respekt vor dem Leben und auch vor der Kunst, glaube ich.

Die Band Die Regierung (Christoph Voy / Staatsakt)Nach 23 Jahren hat Die Regierung ein neues Album veröffentlicht (Christoph Voy / Staatsakt)

Und um noch mal auf die Politik zurück zu kommen: Ich glaube auch, dass … Es gibt einen Philosophen - ich glaube, in England - dessen Namen habe ich vergessen. Der sagt: Die Veränderungen in der Welt werden nicht von Politikern, sondern von Künstlern herbeigeführt. Und da ist was dran. Die Künstler schaffen die Räume, in denen sich die Menschen dann bewegen können, auch die ganzen Optionen, die dann zur Verfügung stehen, die die Leute vorher nicht hatten. Wie zum Beispiel Punk und New Wave. Dann war auf einmal die Option da, dass man als Nicht-Musiker Musik machen konnte. Also das war für mich auch so. Deshalb bin ich nur Musiker. Ich bin an und für sich auch nicht besonders musikalisch. Das war damals so eine Inspiration und da wollte ich unbedingt mitmachen.

Buchmann: Also der Gedanke, im Kleinen so ein bisschen die Welt zu verändern, schwingt bei Ihnen auch etwas mit.

Rossmy: Nein. Das hat ja dieser Philosoph gesagt. Ich sehe mich nicht als jemand, der die Welt verändert. Kann natürlich sein, dass ich es tue, aber dann ist es ohne jede Absicht geschehen.

Buchmann: Naja, aber Sie machen Musik und Sie haben gesagt, dass Musik oder Kunst allgemein mehr die Menschheit verändern als Politik vielleicht.

Rossmy: Genau. Ja, wenn meine Musik diesen Sprung schafft, dass sie diese Qualität hat, dann ist das natürlich super.

"Das Altwerden ist schon etwas, das ich gerade erfahre"

Buchmann: Sie sagten gerade, dass Sie doch relativ lange an Ihren Songs sitzen. Also Texte zusammen mit der Gitarre. Jetzt ist "Raus" für mich, etwas wie eine Bestandsaufnahme. Ein bisschen auch ein Rückblick, ein bisschen Was-wäre-wenn-Spielereien. Es geht ums Scheitern, um vergangene Lieben, auch um das Leben als Musiker, ums Älterwerden und so. Es passt aber alles sehr gut zusammen thematisch. Haben Sie das geplant in Ihrem langen Song-Schreibe-Prozess?

Rossmy: Ich meine, ich bin jetzt schon eine Weile dabei. Ich schreibe über 30 Jahre Songs und schreibe im Prinzip über den Zustand, in dem ich jetzt bin. Oder über das, was ich jetzt wahrnehme. Und natürlich ist es auch öfters mal ein Zurückgucken. Aber es repräsentiert schon diesen Zustand, in dem ich gerade bin. Und das Altwerden ist schon etwas, das ich gerade erfahre. Ich habe das schon gemerkt … Also bis ich 50 geworden bin, habe ich mit dem Alter an und für sich nichts zu tun gehabt. Hat man mir auch nicht so angesehen.

Buchmann: Sie sind jetzt 59.

Rossmy: Ich bin 58.

Buchmann: 58.

Rossmy: Ich werde dieses Jahr 59.

"Erst geht man rein ins Leben und dann geht man raus"

Buchmann: Wie ist "Der Weg nach draußen" entstanden? Das ist ja der letzte Song auf dem Album, über das Älterwerden, wo Sie auch die wunderbare Zeile schreiben: "Die neue Zukunft heißt Erinnerung".

Rossmy: Dieser Satz, nach draußen gehen, ist entstanden aus einem Gespräch, das ich mit einer Frau geführt habe. Und die hat mir erzählt, das Leben ist so: Erst geht man rein ins Leben und dann geht man raus. Ich glaube, sie hat gesagt, die Hälfte. Aber ich glaube nicht, dass es die Hälfte ist. Ich glaube, so zwei Drittel geht man rein und das letzte Drittel geht man raus. Aber das fand ich irgendwie einleuchtend. Und dann habe ich auch direkt gesehen, aktuell bin ich auf dem Weg nach draußen. Also bei mir ist das Reingehen vorbei. Und das ist eine ganz andere Energie, die Natur des Lebens ist eine andere. Sie können sich vorstellen, wenn man raus geht, dann bringt man die Sachen noch in Ordnung, die nicht in Ordnung sind. Und …

Buchmann: … guckt, ob die Herdplatte noch an war.

Rossmy: Ja, solche Sachen. Ja, man guckt, was noch offen ist. Ich will jetzt nicht mehr die Welt erobern, in dem Sinne, glaube ich.

Buchmann: Ist das ein beunruhigendes Gefühl für Sie? Oder ein "Es ist einfach so"?

Rossmy: Also, sowohl als auch. Es ist mit einer gewissen Freude verbunden, würde ich sagen.

Buchmann: Mit einer Freude tatsächlich, aha.

Rossmy: Aber ich habe auch Beobachtungen gemacht … Also mein Vater ist zum Beispiel auch letztes Jahr gestorben. Und das wurde schon öfters erwähnt. Also Altwerden ist nichts für Feiglinge. Und das kann ich nur bestätigen. Der letzte Weg ist unter Umständen schon recht heftig. Das ist jetzt nun mal so. Wir werden jetzt alle so mega alt. Und so die letzten Jahre, die überleben wir jetzt noch, aber der Körper ist schon ein anderer. Also du gehst da nicht mehr auf Ski-Touren und solche Sachen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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