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StartseiteForschung aktuellFarbstoff kann Entzündungen verstärken16.08.2017

TitandioxidFarbstoff kann Entzündungen verstärken

Titandioxid kommt als Farbstoff in Wandfarben und Lebensmitteln vor. Schweizer Forscher haben nun beobachtet, dass Titandioxid im Körper Entzündungen auslösen oder verstärken kann. Sie sehen vor allem bei Patienten mit chronischen Darmerkrankungen ein erhöhtes Risiko.

Von Lucian Haas

Kaugummistreifen Copyright: xMEVx ALLMV58042005 Copyright xMEVx ALLMV58042005 (Imago | allOver-MEV)
Titandioxid ist als Farbstoff auch in weißen Kaugummis vorhanden. (Imago | allOver-MEV)
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In vielen Lebensmitteln, die besonders weiß aussehen sollen, ist heute der Zusatzstoff E171 enthalten. Dabei handelt es sich um feine Titandioxid-Partikel. Sie stecken zum Beispiel in weißen Kaugummis, Kaffeeweißer, Marshmellows, aber auch in Zahnpasta oder der Außenhülle von Tabletten. Möglicherweise ist der Stoff aber gar nicht so unbedenklich, wie er von Lebensmittelbehörden eingeschätzt wird. Das hat der Gastroenterologe Gerhard Rogler von der Universität Zürich herausgefunden:

"Titandioxid ist normalerweise im Mikrometer Bereich. Und da ist es wohl auch ungefährlich. Aber wenn es noch kleiner wird und in den Bereich geht, der weniger als ein tausendstel Millimeter ist, also in den Nanometer-Bereich, da ist es so, dass es in Zellen eindringen kann."

Nanopartikel durchdringen die Darmschleimhaut

In handelsüblichem E171 liegt ein Teil der Partikel immer auch in Nanoformat vor. Gerhard Rogler machte Versuche mit Mäusen, denen er Titandioxid ins Futter mischte. Dabei unterschied er Mäuse, deren Darm intakt war, von Versuchstieren, die schon an einer Darmentzündung, ähnlich einem Morbus Crohn oder Collitis Ulcerosa beim Menschen litten. Bei Mäusen mit gesundem Darm zeigten sich keine negativen Effekte durch den Zusatz von Titandioxid. Bei den darmkranken Tieren hingegen verstärkten sich die Entzündungen.

"Titandioxid ist deswegen wahrscheinlich beim Gesunden oder bei der intakten Darmschleimhaut ungefährlich, weil die Darmschleimhaut ja überzogen ist von der Schleimschicht. Und man weiß schon seit längerem, dass eine Entzündung dazu führt, dass diese Schleimschicht viel, viel dünner wird. Dass die ausdünnt, und dass durch diesen Schleim dann Partikel durchdringen können."

Bei Patienten mit chronischen Darmkrankheiten ist die Schutzfunktion der Darmschleimhaut gestört. Nanopartikel aus Titandioxid wandern dann einfach hindurch. Gerhard Rogler fand sie in den Zellen der Darmwand der darmkranken Mäuse, aber auch in der Milz. Überall aktivierten die Partikel das sogenannte Inflammasom. Dieser Proteinkomplex gehört zum unspezifischen Immunsystem des Körpers, das Gefahrensignale erkennt und dann Entzündungen auslöst. Gerhard Rogler glaubt, dass bei Menschen mit Darmerkrankungen das Gleiche passiert. Eine Reihe von Untersuchungen zeigten, dass Patienten mit Collitis ulcerosa eine erhöhte Konzentration von Titandioxid im Blut aufweisen.

Lebensmittel müssen besser gekennzeichnet werden

"Das Risiko von Titandioxid muss neu beurteilt werden. Es dürfen nicht mehr nur Darmgesunde mit gesunder Schleimschicht für die Untersuchungen sozusagen als relevant herangezogen werden. Wir haben einfach inzwischen zu viele Menschen der Bevölkerung, die diese ausgedünnte Darmschutzschicht haben. Und die müssen der Maßstab sein."

Experten schätzen, dass rund ein Prozent der Menschen in Industrieländern heute mit chronischen Darmentzündungen zu kämpfen haben. Für sie könnte der Zusatz von Titandioxid in Lebensmitteln, aber auch Zahnpasta oder Medikamenten ein Risiko darstellen:

"Aktuell halte ich ein Verbot für zu weitgehend, weil wie gesagt: Der größte Teil der Bevölkerung hat keinen Nachteil davon. Aber es müssen diese Risiken besser dargestellt werden. Es muss auch besser gekennzeichnet werden auf Lebensmitteln. Es muss darüber informiert werden, dass es bei Nicht-Darmgesunden dieses Risiko gibt."

Untersuchung anderer Zusatzstoffe ist notwendig

Vor allem sieht Gerhard Rogler weiteren Forschungsbedarf. Ersten vorläufigen Untersuchungen nach könnten auch andere zugelassene Lebensmittelzusatzstoffe im Nanoformat das Inflammasom aktivieren:

"Es gibt Eisenoxide, es gibt Silizium Partikel, die auch diese Größe haben. Also ist es gar nicht so sehr die chemische Verbindung, sondern eigentlich die Partikelgröße."

Immer wenn in den Lebensmitteln Zusatzstoffe in Nanopartikelform enthalten sind, könnten sie eine geschwächte Darmbarriere durchbrechen. Möglicherweise häufen sie sich dann auch an anderen Stellen des Körpers an und lösen dort lokale Entzündungen aus. Das gilt es nun zu klären.

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