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StartseiteKalenderblattAls Heinrich Manns "Seemannsbraut" aufgab17.12.2019

Todestag der Nelly MannAls Heinrich Manns "Seemannsbraut" aufgab

1929 kreuzten sich die Wege von Nelly, einer Berliner Animierdame, und Heinrich Mann, dem berühmten Autor. 1933 folgte sie ihm ins Exil. Doch auch mit Trauschein galt Nelly im großbürgerlichen Mann-Clan als Schandfleck. Alkohol und Drogen trieben sie heute vor 75 Jahren in den Selbstmord.

Von Christoph Vormweg

Schriftsteller Heinrich Mann mit seiner Frau Nelly am 13.10.1940 bei der Ankunft in Hoboken, New Jersey (AP Photo / picture alliance)
Schriftsteller Heinrich Mann mit seiner Frau Nelly am 13.10.1940 bei der Ankunft in Hoboken, New Jersey (AP Photo / picture alliance)
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"Die wichtigste Nachricht ist ja wohl, dass Deine Tante Nelly, nach vier vorangegangenen Fehlschlägen, nun vermittels Schlafmittel endgültig dahingegangen ist", schreibt Katia Mann aus dem US-Exil an ihren Sohn Klaus.

"Es musste ja wohl schließlich so kommen. Auch mag es für den armen alten Ohm à la longue wohl eine Erleichterung sein."

Der arme, alte Ohm: das ist Heinrich Mann, Nellys Angetrauter. Seit der Verfilmung seines Romans "Professor Unrat" mit Marlene Dietrich ist er weltberühmt. Dass er mit Nelly eine Animierdame in sein Leben ließ, missfiel der großbürgerlichen Mann-Familie jedoch von Anfang an.

"Mir ist aufgefallen, dass man eigentlich gar nicht viel von ihr wusste, aber viel über sie redete", sagt Kirsten Jüngling bei Erscheinen ihrer Nelly-Mann-Biographie im Radio Berlin Brandenburg. "Das war immer eine Richtung: Sie hat halt getrunken, und sie war ordinär, und sie war unmöglich, und sie war fett."

Entsetzen der Mann-Familie

1929 begegnen sie sich zum ersten Mal in einer Berliner Bar: die 31-jährige Nelly Kröger und der 58-jährige Erfolgsschriftsteller. Heinrich Mann mag es volksnah, humorvoll und derb. Mit Nelly, der unehelichen Tochter einer Oldenburger Dienstmagd, wird aus dem bezahlten Spaß eine lange Affäre.

Kirsten Jüngling: "Er hat sich von ihr auch gar nicht erst bedroht fühlen müssen. Denn sie hatte ja einen festen Freund. Und die Verbindung bestand erst mal eine ganze Weile darin, dass die beiden gemeinsam nach Nizza gefahren sind, um dort Urlaub zu machen."

Die gelernte Schneiderin mit Sympathien für die Kommunisten wird von Heinrich Mann auch literarisch genutzt. Sie erzählt Hermann Kesten, er habe sie gedrängt, ihr Leben aufzuschreiben. Das Manuskript habe er nach der Lektüre zwar gelobt, aber ins Kaminfeuer geworfen:

"Und da sage ich noch: was tust du da Heini? Und will lachen und weinen. Und da setzt sich doch der Heini hin und schreibt meine ganze Geschichte noch einmal."

"Ein ernstes Leben" heißt der Roman, der Nellys ärmlicher Herkunft und Beherztheit ein Denkmal setzt. Doch nach Hitlers Machtübernahme 1933 wird das Buch verboten. Heinrich Mann flieht nach Frankreich und beauftragt Nelly mit der Auflösung seines Haushalts. "Ich sitze in dem ganzen Schlamassel drin, muss alles ausbaden, mich überall verantworten, werde schikaniert."

Wider Erwarten folgt sie Heinrich Mann danach an die Côte d'Azur – zum Entsetzen der Mann-Familie.

Nochmal Jüngling: "Das war wirklich eine sehr geschlossene Gesellschaft, die sie auch sehr eifersüchtig betrachtet hat. […] Da war es halt sehr, sehr leicht, Nelly - so wie sie sich gegeben hat und so wenig, wie sie in diesen Kreis gepasst hat - einfach einen niederen Rang zuzuweisen."

1939 heiraten Nelly und Heinrich Mann in Nizza und fliehen weiter in die USA. Trotz des Trauscheins bleibt sie für Literaturnobelpreisträger Thomas Mann "die schreckliche Trulle". Und für Ehefrau Katia "die vertrunkene Hure, das verderbliche Stück".

"Eine Säule fleischlicher Anmut"

Die geladenen Gäste sehen das nicht alle so. Der Philosoph Ludwig Marcuse findet Nelly Mann lustig und gutmütig, wenn auch deplatziert. Für ihn sieht sie aus "wie eine blonde weite Seemannsbraut." Für den Schriftsteller René Schickele ist sie "eine Säule fleischlicher Anmut."

Heinrich Manns Geldprobleme verschärfen sich im US-Exil. Nelly arbeitet als Wäscherin und im Krankenhaus. Sie träumen von einem Umzug nach New York. Doch im Herbst 1942 schreibt sie: "Nun haben wir [...] uns damit abgefunden, hier zu verstummen. […] Wir sind wie in einem Grab."

Alkohol und Drogen treiben Nelly Mann immer tiefer in die Krise – trotz aller Liebesbekundungen und Rettungsversuche ihres Mannes. "Lieber Heinrich, bedenke, als Du krank warst: […] Ich habe Dich auch nicht in eine Anstalt gebracht", schreibt sie nach ihrem vierten Selbstmordversuch.

"Nur weil ich in meiner tiefsten Demütigung [...] oft betrunken war, habe ich nicht ganz meinen Verstand verloren."

Monate später wird Nelly Mann zum wiederholten Male betrunken am Steuer ihres Wagens von der Polizei angehalten. Diesmal droht der 46-Jährigen eine Gefängnisstrafe. Der fünfte Suizidversuch am 17. Dezember 1944 gelingt.

"Sie hat keinen Brief hinterlassen. Warum, kann man nur vermuten", so ihre Biographin Kirsten Jüngling.

"Dieses letzte Jahr war Jammer und Schrecken", schreibt Heinrich Mann in einem Brief. "Ihr armes Gemüt suchte Nahrung überall für ihre düsteren Vorsätze."

Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen und ihre Angehörigen: Wenn auch Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder das auf einen Ihrer Angehörigen zutrifft, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen bzw. anzubieten. Hilfe bietet unter anderem die Telefon-Seelsorge in Deutschland: 0800 111 0 111 (gebührenfrei) 0800 111 0 222 (gebührenfrei). Die Robert-Enke-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen eine Beratungshotline ins Leben gerufen. Diese Hotline bietet Informationen über Depressionen und deren Behandlungsmöglichkeiten an. Tel. 0241–80 36 777 (Montag bis Freitag von 09 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr) Die Stiftung hat auch eine App entwickelt, die an Depression erkrankten Menschen unter anderem Notfall-Hilfe per SOS-Notruf anbietet.

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