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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Botschaft von Walter Lübcke lebt weiter02.06.2020

Todestag des CDU-PolitikersDie Botschaft von Walter Lübcke lebt weiter

Das Gedenken an den vor einem Jahr getöteten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke mobilisiere auch in der Coronakrise die Freunde einer offenen Gesellschaft, kommentiert Ludger Fittkau. Vieles spreche sogar dafür, dass Walter Lübcke niemals vergessen werde.

Von Ludger Fittkau

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Ein Bild des getöteteten Walter Lübcke steht vor Beginn einer Kundgebung in Kassel auf dem Podium neben dem Rednerpult. (picture alliance / Uwe Zucchi)
Der Mordprozess um Walter Lübcke beginnt Mitte Juni - Ermittler gehen von einer rechtsextremistischen Motivation des Angeklagten aus (picture alliance / Uwe Zucchi)
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Der Rechtsterrorist, der vor einem Jahr Walter Lübcke ermordete, hat sein Ziel nicht erreicht. Das Ziel nämlich, einen jahrzehntelangen Streiter für eine weltoffene und humane Republik endgültig zum Schweigen zu bringen. Walter Lübcke spricht weiter zu uns – auch ein Jahr nach seiner brutalen Hinrichtung.

Seine Botschaften sind unüberhörbar, nicht nur in seiner Heimat Nordhessen, wo man begonnen hat, Brücken, Straßen und Schulen nach ihm zu benennen. Lübckes Botschaften lauten: Eintreten für die Demokratie, gegen Xenophobie und Rassenhass, für eine humane Flüchtlingspolitik und für gesellschaftliche Solidarität!

Schon früh im Visier von Neonazis

Vor wenigen Tagen erst  wurde bekannt: Schon kurz nach der Wende – in den 1990er Jahren - hat Walter Lübcke in Thüringen Jugendarbeit gegen Rechtsextremismus und Gewalt organisiert. In Ohrdruf, einer 6.000 Einwohner-Kleinstadt im Gothaer Land.  Bereits damals war diese Region eine Neonazi-Hochburg. Spätere Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds – kurz NSU – und auch der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan E. sollen damals regelmäßig in der Gegend gesehen worden sein.

Die Rechtsextremen haben wohl schon damals Walter Lübcke und seine Mitstreitenden in der demokratischen Jugendbildungsarbeit als ihre Gegner betrachtet. 2009 stand Lübcke dann auf einer Todesliste des NSU – deren führenden Köpfe damals auch bisweilen in Kassel auftauchten.

Damit ist klar: Nicht erst die seine humane Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 haben Walter Lübcke in der gewaltbereiten Neonaziszene im Raum Kassel und dem angrenzenden Thüringen zum Feindbild werden lassen. Die mordenden Feinde der Demokratie wussten seit Jahrzehnten, wo Lübcke stand. Auf der ganz anderen, der menschenfreundlichen Seite der Gesellschaft nämlich.

Seit einem Jahr wissen aber auch die Verteidigerinnen und Verteidiger der Demokratie hierzulande ganz genau, wofür Walter Lübcke heute steht: Gegen das Wegducken und die Leisetreterei, für den offenen politischen Streit mit dem politisch Andersdenkenden, wenn er diskutieren will. Und gegen jeden faschistischen Terror.

Walter Lübcke wird niemals vergessen werden

Das Gedenken an Walter Lübcke mobilisiert auch in der Coronakrise die Freundinnen und Freunde einer offenen Gesellschaft – nicht zu Massenkundgebungen oder voll besetzten Gedenkgottesdiensten. Das muss warten. Doch wenn man weiß, wie viele Hürden genommen werden müssen, um eine Schule umzubenennen, muss man etwas der Schülervertretung der Gesamtschule in Wolfhagen großen Respekt zollen. Sie es hat sogar während der Pandemie geschafft, die Umbenennung ihrer Schule in Walter-Lübcke-Schule voranzutreiben.

Ein politisches Zeichen von vielen, die darauf hindeuten: Das schon so vielfach gedruckte Schwarz-Weiß-Foto des ermordeten Christdemokraten ist auf dem Weg, eine politische Ikone zu werden. Vieles spricht zumindest in Hessen dafür, dass Walter Lübcke niemals vergessen wird und zu einem Vorbild für die demokratische Jugend dieses Landes werden könnte.

Krachender hätte sein Mörder nicht scheitern können.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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