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StartseiteUmwelt und VerbraucherLöwen am Rande der Stadt01.08.2018

Tödliche AusflügeLöwen am Rande der Stadt

Nairobi ist die einzige Stadt der Welt mit einem Nationalpark voller wilder Tiere direkt am Stadtrand. So kommt es immer wieder vor, dass Löwen oder Leoparden durch die Stadt spazieren. Das hat oft fatale Folgen für die Tiere, weil ihre menschlichen Nachbarn falsch reagieren.

Von Linda Staude

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Eine Löwen-Familie in der Steppe. (imago)
Löwen stehen auf der "Roten Liste" der gefährdeten Tiere (imago)
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Zwei Ranger schießen immer wieder auf einen mächtigen Löwen. Es dauert nur Sekunden, dann bricht das Tier tot zusammen – mit mindestens sechs Kugeln im Leib. Im Hintergrund johlen und schreien 20 oder 25 Männer. Nachbarn des Nairobi-Nationalparks, aus dem der Löwe in die Stadt gewandert ist. Sie wollen ihn aus ihrem Wohnviertel verscheuchen – und sind letztlich Schuld an seinem Tod.

"Der Lärm, den die Leute gemacht haben, hat den Löwen verärgert. Er hat einen Menschen angegriffen. Um weitere Verletzungen zu verhindern, mussten unsere Ranger vor Ort den Löwen zur Strecke bringen."

So ein Sprecher der kenianischen Tierschutzbehörde KWS. Mohawk war einer der bekanntesten Löwen im Nairobi Nationalpark. Sein Tod vor etwa zwei Jahren hat einen Aufschrei der Empörung verursacht – selbst in der johlenden Menge.

"Ich fühle mich schlecht, weil der KWS das Tier nicht betäubt und in den Park zurückgebracht hat. Stattdessen haben sie den Löwen getötet."

Wachsende Bevölkerung nimmt Wildtieren den Lebensraum

Bis heute ist unklar, warum die Ranger keine Betäubungsgewehre dabei hatten, um Mohawks Leben zu retten. Aber dieser Skandal lenkt von der grundlegenden Ursache für den Konflikt zwischen Mensch und Wildtier ab: Es sei die rasant wachsende Bevölkerung, erklärt Paul Gathitu vom KWS. Der Mensch nimmt den Tieren den gewohnten Lebensraum, den die nicht so ohne weiteres aufgeben. Oft mit fatalen Folgen:

"Eine Frau ist vom Milchholen zurückgekommen und hat einen Leoparden in ihrem Wohnzimmer gefunden. Und dann sind Nachbarn gekommen, die noch nie einen Leoparden aus der Nähe gesehen haben. 200 Leute. Wir wussten, dass jemand verletzt werden würde, und waren gezwungen, den Leoparden zu erschießen."

Nairobi ist die einzige Stadt der Welt mit einem Nationalpark voller wilder Tiere direkt am Stadtrand. Dicht besiedelte Wohngebiete sind gleich nebenan – und Baustellen für Schnellstraßen und eine moderne Zugtrasse quer durch den Park

"Wenn die Arbeiter nachts bauen, denn kommen sie manchmal an den Elektrozaun und verursachen einen Kurzschluss. Die Löwen testen den Zaun von Zeit zu Zeit. Und wenn sie keinen gewischt bekommen, springen sie einfach drüber."

erklärt der frühere KWS-Chef Kitili Mbathi. Gefährlich wird das erst durch das oft geradezu idiotische Verhalten der Menschen.

Menschen bringen sich selbst in Gefahr - aber Tiere sterben

Hupkonzert auf der Mombasa-Road, einer von Nairobis größten Hauptstraßen. Ein paar Autofahrer bleiben stehen und machen Selfies mit einem Löwen, der neugierig die Zäune und Einfahrten am Straßenrand untersucht – bis ihn der Lärm so reizt, dass er einen nichtsahnenden Passanten attackiert, Michael Abdul.

"Ich hab mich umgesehen und den Löwen gesehen. Er hat mir nicht einmal eine Sekunde Zeit gelassen. Bevor ich mich umdrehen und wegrennen konnte, ist er auch schon gesprungen und hat mich mit der Pranke geschlagen."

Michael Abdul hat überlebt. Und in diesem Fall auch der Löwe. Eine Herde Elefanten in der Kleinstadt Naivasha hatte weniger Glück. Auch da hat eine drängelnde, kreischende Menschenmenge die Tiere aggressiv gemacht.

"Das war eine der schmerzlichsten Entscheidungen meines Lebens. Wir mussten drei Elefanten töten, um 300 schreiende Leute zu retten. Dann sind die völlig durchgedreht: Einige haben von unten Fleisch aus den Kadavern geschnitten, andere von oben mit Äxten. Sie haben das absichtlich inszeniert, damit die Elefanten getötet werden."

Und sie das Fleisch bekommen können. Eigentlich sind alle Wildtiere in Kenia durch ein sehr strenges Gesetz geschützt. Außer, es sind Menschenleben in Gefahr. Paul Gathitu kann sich allerdings durchaus vorstellen, dass der KWS eines Tages nicht mehr das Leben von den immer selteneren Elefanten oder Löwen opfern muss, um Menschen zu retten.

"Ja, es mag Umstände geben, unter denen wir gezwungen sind, damit aufzuhören und den Leuten zu sagen: Ab hier seid Ihr auf Euch selbst gestellt. Wenn jemand sich dumm verhält, obwohl er gewarnt wurde, dann muss er eben die Konsequenzen tragen." 

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