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StartseiteForschung aktuellTödlicher Pilz28.04.2010

Tödlicher Pilz

Ein Hefepilz in Nordamerika infiziert selbst kerngesunde Menschen

Medizin. - Wenn gesunde Menschen Pilzsporen einatmen, bleibt das in der Regel folgenlos. Das Immunsystem wird von alleine mit dem Pilz fertig. Sorge bereitet Medizinern in den USA aber ein aggressiver Hefepilz, der selbst gesunden Menschen zu schaffen macht: Er ist schwer behandelbar und in rund jedem vierten Fall endet die Infektion tödlich. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide im Gespräch mit Katrin Zöfel.

Cryptococcus gattii ist eigentlich ein Tropenpilz. (AP)
Cryptococcus gattii ist eigentlich ein Tropenpilz. (AP)

Katrin Zöfel: In der Regel können Infektionen mit Pilzen nur schwerkranken Menschen wirklich gefährlich werden, Krebspatienten etwa nach einer Chemotherapie oder Aids-Kranken. Überraschend ist deshalb, wie Infektionen mit einem Hefepilz verlaufen, der sich derzeit in den USA ausbreitet. Denn selbst Gesunde haben ernsthaft mit dem Keim zu kämpfen. Mein Kollege Martin Winkelheide hat mit Forschern gesprochen, die diese Infektionen untersuchen. Wie sind denn die Mediziner auf den Pilz aufmerksam geworden?

Martin Winkelheide: Es gab 1999, also vor der Jahrtausendwende, im Westen Kanadas Infektionen, die merkwürdig aussahen, also wo klar war, das waren Pilzinfektionen, Mykosen. Und dort hat man dann gesehen, es ist ein besonderer Hefepilz: Cryptococcus gattii. Damals starben 19 Menschen an den Folgen der Infektion. Später wurde der Pilz dann auch an der Westküste der USA gefunden, aber eben eine genetisch leicht veränderte und auch aggressivere Variante. Noch, sagen die Forscher, sind das sehr seltene Infektionen, aber sie sagen, es ist gut, wenn man das kennt, einfach, denn dann kann man auch die richtigen Strategien entwickeln. Das Problem ist: Wenn man sich infiziert - man kann sich auch als Gesunder infizieren -, dann läuft das so, dass man in der Regel Sporen einatmet von den Pilzen und dann wird man lange Zeit eigentlich erstmal gar nichts merken. Und nach zwei Monaten kommen dann wirklich Beschwerden. Das kann Husten sein, das können schwere Schmerzen in der Brust sein, Kurzatmigkeit, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Müdigkeit - also ein ganz breites Spektrum. Manchmal kommen noch Kopfschmerzen dazu. Das ist allerdings ein sehr kritisches Warnzeichen, denn das ist auch ein Hinweis darauf, dass die Pilze sich im Gehirn abgesiedelt haben. Die Forscher der Duke University in Durham, mit denen ich gesprochen habe, haben erzählt, dass der Pilz auch so eine Art Abszess in der Lunge machen kann. Wenn Ärzte dann wegen des Hustens Patienten zum Röntgen schicken und eine Röntgenaufnahme machen, dann sehen sie einen Schatten und denken erstmal an Lungenkrebs, bis sich dann herausstellt: Es ist eine Pilzinfektion.

Zöfel: Gibt es denn Medikamente gegen diesen Pilz?

Winkelheide: Es gibt Pilzmedikamente oder Antimykotika, wie Ärzte das nennen. Die kann man als Tabletten einnehmen oder auch als Infusionen. Es gibt zwei Wirkstoffe: Amphotericin B und Fluconazol. Das sind eigentlich Standard-Antipilzmedikamente, sehr klassisch. Die wirken auch, man muss sie nur in einer bestimmten Kombination geben und mitunter muss man sie auch extrem lang geben, denn Forscher von den CDC, von den Centers for Disease Control, den Gesundheitsbehörden in den USA in Atlanta, haben gesagt: Wenn im Gehirn sich so eine Art Abszess bildet, wie eben das in der Lunge auch sein kann, dann ist es extrem schwer zu behandeln und dann müssen die Medikamente bis zu zwei Jahre gegeben werden, also extrem lang.

Zöfel: Wie weit verbreitet ist die aggressive Pilzvariante jetzt?

Winkelheide: Sagen wir so: Dieser Cryptococcus gattii ist eigentlich ein Tropenpilz. Er kommt in tropischen Ländern vor, in Afrika, Südamerika, Australien, wurde dann in Vancouver Island plötzlich gefunden. Man weiß auch aus dem Mittelmeerraum, da ist er auch relativ verbreitet, dass er da im Zusammenhang steht mit Eukalyptus-Plantagen. Und diese neue Variante, da weiß man noch nicht so genau, wie weit der sich wirklich schon vorwärtsbewegt hat. Man weiß, er ist in British Columbia, also in Kanada, gefunden worden, dann an der Nordwestküste, Washington, also Staat Washington, Oregon und ist sozusagen auf dem Weg Richtung Kalifornien. Bislang sind ungefähr 270 Fälle beim Menschen dokumentiert worden. Es ist also eine relativ seltene Infektion, aber eben gefährlich: Zwischen neun und 25 Prozent der Infektionen, die dann tatsächlich auch zum Krankenhausaufenthalt führen, muss man sagen - die meisten wird man gar nicht merken -, gehen tödlich aus.

Zöfel: Wie stecken sich die Menschen an?

Winkelheide: Das Einzige, was klar ist: Es gibt keine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch. Wenn, dann läuft es über den Boden, über Bäume, über Luft. Man hat auch schon gesehen, dass Wale sich zum Beispiel infiziert haben, eine schwer Lungenentzündung gekriegt haben - das heißt, es wird auch übers Wasser übertragen. Woran man immer denken muss: Es kann über Feldfrüchte und über Autoreifen weitertransportiert werden. Und aus Holland gibt es Berichte von Touristen, die in Kanada waren, wo man dann diese Infektion nachgewiesen hat. Das ist eben auch was, worauf die Forscher aus Durham hinweisen und sagen, das ist zwar selten, aber bei Touristen muss man eben darauf achten, wenn die solche Beschwerden haben, dass man an diesen Pilz denkt und dass man dann entsprechend richtig behandelt.

Veröffentlichung zum Thema:

Heitman et al.: "Emergence and Pathogenicity of Highly Virulent Cryptococcus gattii Genotypes in the Northwest United States"
PLoS Pathogens, 23.4.2010
doi:10.1371/journal.ppat.1000850

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