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StartseiteForschung aktuellKlos für die Welt09.10.2018

Tolle Idee! Was wurde daraus?Klos für die Welt

In den Slums vieler Entwicklungsländer herrschen katastrophale sanitäre Verhältnisse: Es fehlt an Toiletten, Krankheiten sind die Folge. Peepoos sollten eine Lösung bieten - diese kompostierbaren Tütentoiletten hatte ein schwedischer Städteplaner 2009 erfunden.

Von Lucian Haas

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Mutter mit Peepoo Toilette (Peepoople, Niklas Palmklint)
Mutter mit Peepoo-Toilettenbeutel (Peepoople, Niklas Palmklint)
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Eine Tütentoilette für die Slums Aus der Sendereihe "Die WC-Verbesserer"

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Ein Eimer, eine Tüte. Fertig ist eine simple Toilette für dichtbesiedelte Regionen ohne geregelte Sanitärinstallationen. Das ist die Idee hinter Peepoo, mit der Andreas Zetterlund von der schwedischen Hilfsorganisation International Aid Services, kurz: IAS, die Hygiene in den Slums von Entwicklungsländern verbessern will:

"Peepoo ist eine Einmal-Toilette, aber kompostierbar. Sie besteht aus einer Tüte, die man über eine Art Töpfchen spannt. Nach der Nutzung knotet man sie zu und lagert sie für einige Wochen, während sich ihr Inhalt in einen nutzbaren Dünger verwandelt."

Tüte aus kompostierbarem Bio-Kunststoff

Die Tüte selbst besteht aus einem kompostierbaren Bio-Kunststoff. Innen ist sie mit Harnstoff beschichtet. In Kontakt mit Urin oder Kot wird der Harnstoff in Ammoniak umgewandelt. Dieser tötet sämtliche Mikroorganismen in seinem Umfeld binnen weniger Wochen ab. So werden die Fäkalien von innen heraus sterilisiert. Einem Einsatz als Dünger auf Feldern steht dann nichts mehr im Weg, so Zetterlund:

"Peepoo wurde vor einigen Jahren vom schwedischen Städteplaner Anders Wilhelmson erfunden. Er war in Indien und sah dort die hygienischen Probleme. Das hat ihn angespornt, nach einer sanitären Lösung zu suchen, die weltweit nutzbar wäre."

Anders Wilhelmson gründete eigens ein Unternehmen namens Peepoople, um die Peepoos auf den Markt zu bringen. Die Ziele waren hoch gesteckt. In großen Slums wie Kibera bei der kenianischen Hauptstadt Nairobi sollte ein ganzes Netz von Peepoo-Verkaufs- und Sammelständen entstehen. Die Tütentoiletten sollten auch in großen Mengen für Zeltlager in Katastrophengebieten an das Rote Kreuz und das UN-Flüchtlingshilfswerk geliefert werden. Peepoople baute dafür eigens eine Produktion auf, erst in Schweden, später in Deutschland. Weltweit berichteten Medien über die Initiative. Das war 2012.

Drei Cent war noch zu teuer

Danach wurde es aber ruhig um das Projekt. Obwohl die Peepoo-Tüten, hergestellt in Industrieländern, am Ende für umgerechnet nur drei Cent verkauft wurden, entpuppten sie sich als zu teuer für die Märkte in Entwicklungsländern. Anders Wilhelmson sah keinen Sinn in einer dauerhaften Subvention und gab das defizitäre Geschäft auf – aber nicht die Idee der Peepoos. Im Oktober 2016 übertrug er die Marke Peepoople kostenfrei an die Entwicklungshilfe-Organisation IAS. Und die setzt nun darauf, die Peepoos nicht als Importware, sondern aus lokaler Produktion auf den Markt zu bringen. Allerdings erst einmal nur im kleineren Stil in Kenia. Andreas Zetterlund:

"Wir möchten vor Ort die Kapazitäten dafür aufbauen. In Kenia ist das Knowhow vorhanden, um die Peepoos zu produzieren. Das passt zu unserem Hilfsansatz, der darauf setzt, den Menschen vor Ort Arbeit zu bieten, damit sie sich selbst aus der Armut befreien können."

Koordiniertes Verwertungskonzept erforderlich

Allerdings geht es der schwedischen Hilfsorganisation nicht nur darum, die Peepoo-Technologie als Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Einer der Fehler, den Peepoople anfangs machte, bestand darin, zwar die Tütentoilette zu promoten, aber sich zu wenig um die Organisation und das Geschäft der weiteren Verwertung zu kümmern. Tüten einsammeln, kompostieren, den daraus entstandenen Dünger als Wertstoff verkaufen - das kam bei der Umsetzung zu kurz. Auch die Vernetzung mit anderen Dienstleistern und Behörden fehlte. Das soll nun besser werden, verspricht Anders Zetterlund.

"Wir wollen andere Interessensvertreter an der Entwicklung des Konzeptes beteiligen. Wir hatten jüngst einen runden Tisch in Nairobi mit Vertretern der Regierung, der Gesundheitsbehörde, Forschern und einer ganzen Reihe von Akteuren im Bereich Entsorgung, Dünger, Abfallrecycling. Es ging darum, wie wir zusammen an einem Sanitärsystem für Kibera arbeiten können. Peepoo kann nicht alle Probleme lösen. Wir sehen es als ein Modul in dem System."

Interesse an Peepoo ist nach wie vor groß

Seit Jahren werden die Tütentoiletten vor allem in Schulen in Kibera eingesetzt. Das soll auch erst einmal der Schwerpunkt bleiben, während IAS parallel die Integration in ein allgemeines Entsorgungssystem vorantreiben will. Bis mit dem Dünger aus kompostierten Peepoos lokale Unternehmen vielleicht sogar Geld verdienen und das System mit finanzieren könnten, wird es aber einige Jahre dauern, schätzt Anders Zetterlund. Von der Peepoo-Idee ist er aber weiterhin überzeugt. Das Interesse daran sei immer noch groß.

"Ich bekomme täglich Anrufe, Emails und Kontakte aus Regionen, wo sie Peepoo gerne einsetzen würden. Ich denke, das ist definitiv eine interessante Lösung für viele Länder. Wasserknappheit ist ja ein großes Problem. Es müsste viel mehr an Sanitärsystemen gearbeitet werden, die nicht von der Wasserversorgung abhängig sind. Das ist ein sehr großer Markt."

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