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StartseiteKultur heuteTolstois Ringen um die großen Fragen des Lebens11.05.2012

Tolstois Ringen um die großen Fragen des Lebens

Sebastian Hartmann inszeniert "Krieg und Frieden"

Keine bildungsbürgerliche Literaturnacherzählung, sondern eine Überforderung der Zuschauer ist "Krieg und Frieden" in Recklinghausen. Regisseur Sebastian Hartmann gelingt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen ein Triumph des Theaters, indem er die zeitlosen Themen des Romans in einer assoziativen Annäherung verhandelt.

Von Alexander Kohlmann

Leo Tolstois "Krieg und Frieden"-Epos ist ein Monolith der Literaturgeschichte, das in seiner völlig ausufernden Komplexität eigentlich nicht sinnvoll und schon gar nicht an einem einzigen Abend auf die Bühne zu bringen ist. Sebastian Hartmann versucht dann auch gar nicht erst, das Werk mit seinen - je nach Quelle - weit über 250 vorkommenden Personen gleichsam nachzuerzählen.
In seiner Inszenierung spielen die Schauspieler keine Rollen und es gibt keine durchgehenden Biografien. Auch die Geschlechterrollen sind nicht eindeutig: Männer sprechen Frauentexte und Frauen die Rollen der Männer. Die Truppe aus 14 Schauspielern, die ganz zu Beginn in historisierenden Kostümen auf den Stühlen vor der Bühne Platz nehmen, bilden so von Beginn an gemeinsames großes Ganzes.

Es ist niemals das Schicksal einer einzelnen Frau, die darunter leidet, dass ihr Geliebter in den Krieg zieht, sondern stets das aller Frauen, wenn die jeweilige Spielerin mit ihrem Text auf der Bühne nicht lange alleine bleibt, andere Frauen dazu kommen, sich abwechseln oder gemeinsam den Tolstoi-Text chorisch sprechen.

Auch die zeitliche Linearität der Vorlage durchbricht Hartmann. Er montiert Themenkomplexe zusammen und schafft so im ersten Teil des Abends ein Textgebilde, in dem sich immer neue Bezüge bilden. Ein Hochgenuss, wenn man die Vorlage kennt. Und zum Beispiel erleben darf, wie der schwer verwundete Andréj auf dem Schlachtfeld den Tod erwartet, während seine Frau ihm ein Kind gebärt, welches er dann an seiner Brust zu stillen beginnt. Und wie sich dieses schmatzende und saugende Wesen plötzlich in den Kaiser Napoleon verwandelt, auch Bonaparte im Innersten nur ein kleines Menschenkind, dass den sterbenden Andréj entdeckt und versorgen lässt.

Hartmann gelingt mit seiner Textcollage, was vielen Verfilmungen des Stoffes abgeht. Er schafft es im ersten Teil des Abends das Tolstoische Epos als tatsächliches Weltganzes zu zeigen, in dem alles und jeder mit jedem tun hat. Und die Vielzahl der einzelnen Geschichten und angeschnittenen Erlebnisse ein gemeinsames Geflecht ergeben, in dem all die Individuen tatsächlich wie in einem Ameisenhaufen schicksalhaft verbunden sind.

Das Bühnenbild von Tilo Baumgärtel unterstützt diese assoziative Erzählweise. Zwei riesige Platten schweben übereinander auf der ansonsten leeren Bühne und sind beliebig dreh- und verschwenkbar. Wenn der Boden stark nach hinten gekippt wird, sitzen die Schauspieler fünf Meter hoch über dem Publikum an der Rampe - während vor dem stets hell erleuchteten weiten Horizont schon die französischen Fahnen Bonapartes wehen und man den Chor der Darsteller nur noch hören kann.

"Solch einen Zustand obligatorischen und untadeligen Müßiggangs genießt ein ganzer Stand, der des Militärs. Und in eben diesen obligatorischen und untadeligen Müßiggang besteht nach wie vor die Hauptattraktivität des Militärdienstes. Solch einen Zustand obligatorischen und untadeligen Müßiggangs genießt ein ganzer Stand, der des Militärs. Und in eben diesen obligatorischen und untadeligen Müßiggang besteht nach wie vor die Hauptattraktivität des Militärdienstes."

Immer neue Räume lassen sich durch die Bewegungen dieser Platten bauen. Während die Schauspieler von einer Rolle und Position in die nächste springen, verändert sich so auch die Landschaft beständig, schneller als ein Filmregisseur je schneiden könnte.

Doch diese eindrucksvolle Umsetzung eines Historienstoffes auf der Bühne ist bei Hartmann nur der Anfang. Denn bereits im zweiten Teil des knapp sechsstündigen Abends zieht der Regisseur den Stecker der Historienverfilmung, als wolle er dem Zuschauer signalisieren: Nachdem wir hier so schön in der Vergangenheit geschwelgt haben, widmen wir uns jetzt den wirklich ernsten Themen. Die historisierenden Kostüme verschwinden zugunsten moderner Glitzerfummel. Die Hartmann-typische, neonkalte Beleuchtung erobert das Bühnenbild.

Und die Schauspieler setzen sich in einer Art Nummernrevue - nur noch lose mit der tolstoischen Handlung verbunden - mit den großen Themenkomplexen auseinander, die - unabhängig von der historischen Verortung - die ewigen Fragen der menschlichen Existenz bestimmen: "Wie soll man richtig leben?", "Wie soll man lieben?", "Wozu das alles?", "Gibt es eine größere Macht als unseren Zweifel?", "Wie steht es mit dem Leben nach dem Tod?"

Dass in einem dritten Teil und der sechsten Stunde dieses Abends Tolstoi persönlich auf der Bühne erscheint und mit dem Hartmannschen-Ensemble und den stark gelichteten Reihen des Premierenpublikums ganz direkt diskutiert, warum wir da sind, wie wir die Welt wahrnehmen und wie alleine der einzelne Mensch mit seinen Sinnen doch bleiben muss, lässt vieles von dem Ringen und dem Wüten im zweiten Teil rückblickend nachvollziehbar erscheinen.

Es sind alles Ansätze der großen Existenzfragen, angeschnitten mit Rückgriff auf die historischen Figuren, assoziativ verarbeitet, doch jede Nummer für sich ohne Allgemeingültigkeit. Jeder Zuschauer muss nach der historischen Präsentation zu Beginn hier selber Farbe bekennen, sich seine eigenen Assoziationsräume aus der Flut des Materials bauen und einen Sinn suchen in dem angebotenen Ganzen aus Historienfragmenten, Philosophie und Kalauern, dass auch ein Sebastian Hartmann nicht ordnen kann.

Dieser Abend ist eine einzige Überforderung. Aber diese Überforderung ist allemal gelungener als die formatgerechten TV- und Kinoverfilmungen des Stoffes, die nicht selten Tolstois Texte auf simple Liebesverwirrspiele im Stile einer Vorabendsoap herabrechen. Der Abend überfordert, so wie das Mysterium der menschlichen Existenz das Vorstellungsvermögen des menschlichen Geists übersteigt. Und ist dabei viel näher an Tolstois Ringen um die großen Fragen des Lebens, als es jede nur äußerliche Nacherzählung der Geschichte im Guckgasten-Format zu sein vermag.

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