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StartseiteBüchermarktPersönliche Utopie mit leisem Wehmut05.02.2018

Tom Drury: "Grouse County"Persönliche Utopie mit leisem Wehmut

Schon 1994 erschien der erste Teil seiner "Grouse County"-Trilogie. Die gesamten drei Bücher sind nun in einem 800 Seiten starken Sammelband erschienen. Die Werke entführen an den Ort der Kindheit von Tom Drury in den Mittleren Westen und setzen einen Kontrapunkt zum aktuellen Image der USA als gespaltene Nation.

Von Tabea Soergel

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Der US-amerikanische Schriftsteller Tom Drury posiert am 13.03.2015 auf der Buchmesse Leipzig (Sachsen). (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Der US-amerikanische Schriftsteller Tom Drury posiert 2015 auf der Buchmesse Leipzig (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
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"Die Landschaft, diese Konstellation kleiner Städte ähnelt sehr der Gegend meiner Kindheit. Nirgendwo steht, in welchem Staat meine Bücher spielen, und Rezensenten verorten sie in Illinois oder Wisconsin. Es soll ein imaginärer Ort bleiben, aber die Windräder, Brücken, Farmen, Kleinstädte, die Sterne bei Nacht entstammen alle meinen Erinnerungen aus der Zeit, bis ich mit achtzehn ans College gegangen bin."

Tom Drury findet seine Geschichten im weiten amerikanischen Herzland fernab der Metropolen, in den sogenannten Überflugstaaten, die selbst viele Amerikaner nur aus der Luft kennen. In seiner Romantrilogie "Grouse County" kreuzen sich dort zwischen Kleinstädten und endlosen Maisfeldern immer wieder die Wege von rund einem Dutzend Hauptfiguren und weitaus mehr Nebenfiguren. Auf den ersten Blick schildert Drury zwar das unspektakuläre, ländliche Leben im Mittleren Westen mit seinen Blutspendeaktionen, Festtagsparaden und Schultanzabenden - in jedem der Romane gibt es darüber hinaus aber auch ein mysteriöses, beunruhigendes Element, das die Figuren in seinen Bann schlägt und die Handlung vorantreibt.

"In meinen Büchern geschehen manchmal eigenartige Dinge. Das ist mir sehr recht, so ist es interessanter. Wenn wir etwas eigenartig finden, meinen wir: Etwas in dieser Art ist mir noch nie begegnet, und das wünscht man sich doch beim Schreiben: etwas Neues zu erschaffen, das sich vom bisher Dagewesenen abhebt."

Im Zentrum des ersten Romans - "Das Ende des Vandalismus" - stehen drei Figuren: Louise, die in einem kleinen Fotostudio arbeitet und sich mit ihrer eigensinnigen Mutter herumschlägt, ihr Lebensgefährte Dan, der Bezirks-Sheriff, der um seine Wiederwahl kämpft, sowie ihr Ex-Mann Tiny, ein Gelegenheitsdieb, der später als Dozent bei einer obskuren Drogenberatungsstelle anheuert und sich für Dans Konkurrenten um den Sheriffposten einsetzt.

Gespür für Atmosphäre

Der Fokus wechselt zwischen den Protagonisten hin und her. Man erlebt sie in ihrem Alltag, der aus ihrer Arbeit und vor allem den Begegnungen mit schier zahllosen skurrilen Nebenfiguren besteht. Lesenswert wird all das durch Tom Drurys präzise Beobachtungsgabe, sein Gespür für Atmosphäre - und seinen Humor. Sein Ton ist geprägt von großer Warmherzigkeit. Einerseits beschreibt er in kleinen detailreichen Episoden, mit merklicher Freude an der Absurdität, die oft kuriosen Erlebnisse seiner Figuren. Die Dialoge sind Kleinode der Komik. Andererseits gelingen Drury Szenen von atemberaubender Intensität, als über Louise und Dan das Unglück hereinbricht und sie ihr Kind kurz vor der Geburt verlieren. Diese Passagen gestaltet er so behutsam wie möglich - intim, aber niemals voyeuristisch, wie in folgender Beerdigungsszene:

"Dan kniete sich neben dem Grab auf ein Handtuch. Die Grube war tatsächlich nicht sonderlich tief. Das war bei einem so kleinen Sarg auch nicht nötig. Er musste unwillkürlich an den Winterfrost denken, der ohne weiteres 50 bis 60 Zentimeter tief gehen konnte. Doch jetzt war es warm, und das Licht fiel vom Himmel. (...) Louise saß auf einem Gartenstuhl im Schatten. Dan hielt während des gesamten Gottesdienstes den Sarg in den Armen und legte ihn dann ins Grab. Louise stand auf und warf eine weiße Rose auf das Kästchen. Hummeln summten in den Zweigen der Büsche, die in der Nähe standen. Alle stellten sich in eine Reihe, um eine Schaufel Erde ins Grab zu werfen."

Der zweite Roman "Die Traumjäger" konzentriert sich auf die Familie von Louises Ex-Mann Tiny. Abwechselnd folgt man ihm, seiner Frau Joan, dem siebenjährigen Micah und seiner Halbschwester Lyris durch vier aufeinanderfolgende Tage. Joan verlässt, eher fahrlässig als mutwillig, ihre Familie, Tiny versucht, ein rechtschaffener Bürger zu sein, und die Kinder machen erste Erfahrungen mit Einsamkeit und Gewalt: Während Micah nachts allein in einer fremden Stadt umherirrt, flieht Lyris vor einem unberechenbaren Bekannten in die Wälder.

Profanen Kleinigkeiten scheinen in Poesie und Schönheit

Das Geschehen weist unübersehbare Ähnlichkeit mit einem seltsamen Traum auf, ist aber gleichzeitig durch viele konkrete Einzelheiten in der Wirklichkeit verankert. Auch die Figuren wirken traumverloren und bodenständig zugleich. Tom Drury zeichnet sie mit ungewöhnlicher Plastizität - etwa im Fall von Lyris, Joans einst ungewollter Tochter, die den Großteil ihres Lebens in wechselnden Heimen und Pflegefamilien verbracht hat:

"Lyris hatte schließlich schon genug schlechte Erfahrungen mit dem Egoismus der Welt gemacht. Sie war so etwas wie der 'arme Wandergesell' aus dem bekannten Lied. Lyris nahm einen Salatkopf aus dem Kühlschrank und biss hinein, als wäre es ein Apfel. Charles und Joan wechselten einen Blick, der besagen sollte: Lass sie mal. Einige von Lyris’ Angewohnheiten waren ihnen fremd. So aß sie rohe Kartoffeln, bügelte ihre Socken und trank die Milch aus einer Schüssel."

"Pazifik", der dritte Roman der Reihe, markiert einen Generationenwechsel. Parallel erzählt er, wie in der gesamten Trilogie aus der personalen Perspektive, von Micah, mittlerweile vierzehn, und der inzwischen erwachsenen Lyris. Micah zieht zu seiner Mutter Joan nach Los Angeles, wo er den Halt zu verlieren droht, und auch Lyris verlässt auf der Suche nach einer psychisch gestörten Frau Grouse County. Trotz dieser schweren Themen ist "Pazifik" kein schweres Buch, was zum einen am verschrobenen, zu Lakonie neigenden Personal und den originellen Details der Geschichte liegt. Zum anderen versteht es Tom Drury, den Ton in der Schwebe zwischen humorvoller Leichtigkeit und Melancholie zu halten.

Dank seiner feinnervigen Sprache lässt er noch in profanen Kleinigkeiten Poesie und Schönheit aufscheinen und findet Bilder, die ganz konkret sind, ganz handfest und zugleich auf Größeres verweisen, etwa bei der Begegnung von Tiny mit der alten Mutter seiner Ex-Frau:

"Tiny half Mary auf, gab ihr ihren Gehstock und sah ihr nach, wie sie unsicher durchs Gras ging. Wie lange würde sie es wohl noch machen?, fragte sich Tiny. Oder seine eigene Mutter? Man konnte sich die Welt ohne sie kaum vorstellen. Nach einem starken Gewitter erschien der Himmel manchmal in einem fahleren Blau, als wäre er zu zerbrechlich, um die Sonne zu halten. Vielleicht würde es so ähnlich sein."

Urwüchsige Solidarität zwischen den Figuren

Tom Drurys Bücher stehen in der Tradition eines sehr geerdeten magischen Realismus'. So geistert durch "Pazifik" beispielsweise eine junge Frau, die sich für eine Kriegerin aus keltischen Zeiten hält und genau in der Mitte zwischen verrückter und übersinnlicher Figur angesiedelt ist. Auch in "Die Traumjäger" gibt es ein solches verstörendes Element, dort umkreist eine bedrohliche, undurchschaubare Nebenfigur die Protagonisten in immer enger werdenden Bahnen. In "Das Ende des Vandalismus" wiederum versetzt der Fund eines ausgesetzten Säuglings auf einem Supermarktparkplatz die ganze Gegend in Aufruhr. Als der Sheriff schließlich dessen Mutter aufspürt, hält er seinen Ermittlungserfolg geheim, um die psychisch kranke Frau zu schützen.

Diese Volte ist typisch für Tom Drurys Geschichten: Zwischen seinen Figuren besteht eine urwüchsige Solidarität. Diese Haltung setzt er nicht bewusst dem aktuellen Image der USA als gespaltene Nation entgegen, sind die Bücher im Original doch auch bereits zwischen 1994 und 2013 erschienen – sie ist vielmehr Bestandteil seiner persönlichen Utopie, die den Leser dennoch mit leiser Wehmut erfüllt.

"Die Geschichten bestärken mich in der Hoffnung, dass es trotz all der Probleme auf der Welt Liebe geben kann, ein Gefühl der Gemeinschaft, Humor. Und manchmal Magie. In diesem Sinne ist Schreiben für mich eine Möglichkeit, mit der Welt zurechtzukommen."

Tom Drury: "Grouse County"
Romantrilogie, Klett Cotta. In der Übersetzung aus dem Englischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza, 800 Seiten, 28 Euro.

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