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Tonfänger

Vor 150 Jahren gelang dem Erfinder Édouard-Léon Scott de Martinville die erste Tonaufnahme der Welt

Der französische Erfinder Édouard-Léon Scott de Martinville erfand vermutlich das erste funktionierende Tonaufzeichnungsgerät. Doch ist der Tüftler heute vergessen. Der Grund: Er konnte den Ton zwar aufzeichnen, nicht aber wieder abspielen. Erst 2008 brachten Wissenschaftler die Aufnahmen erstmals zu Gehör.

Von Günther Wessel

Ein Modell des Phonoautographen von Édouard-Léon Scott de Martinville von 1859. (www.firstsounds.org)
Ein Modell des Phonoautographen von Édouard-Léon Scott de Martinville von 1859. (www.firstsounds.org)

Ist das der Anfang von allem? Vom Radio, der Schallplatte, dem Tonfilm, und der CD? Dieser verrauschte Klang, aus dem nur Eingeweihte das französische Volkslied "Au clair de la lune" erkennen können? Das ist er wohl, denn Édouard-Léon Scott de Martinville gelang am 9. April 1860 diese Tonaufnahme, die älteste erhaltene der Welt.

Alt ist die Sehnsucht, das flüchtige, gesprochene Wort, das Zwitschern der Vögel oder das Rascheln des Windes in den Zweigen, den Klang der Welt einzufangen, aufzubewahren und wieder zugänglich zu machen. Schon der griechische Philosoph Anaxagoras von Klazomenae berichtet um 490 vor Christus von den ägyptischen Memnonsäulen:

"Die eine singt mit künstlicher Stimme, während die andere zuhört."

Um 1000 nach Christus soll Papst Sylvester II. eine sprechende Figur gebaut haben. François Rabelais schreibt im 15. Jahrhundert von gefrorenen Tönen, die wieder auftauen, ein Motiv, das sich auch in Gottfried August Bürgers Lügengeschichten des Barons von Münchhausen findet. Dort schmilzt gefrorener Schall in einem Posthorn hinter dem Ofen und ist danach wieder zu hören.

Es gab Maschinen, die menschliche Stimmen imitierten. Doch erst im März 1857 meldete Edouard-Léon Scott de Martinville in Frankreich ein Patent an für ein Gerät, mit dem er Schall grafisch aufzeichnen konnte: den Phonautografen.

Der Phonautograf – zu Deutsch Schallselbstschreiber – bestand aus einem Trichter, an dessen dünnem Ende sich eine Membran befand. Mit diesem Trichter fing Scott den Schall auf, der übertrug sich als Luftschwingung auf die Membran, welche die Schwingung an eine Schweineborste weitergab. Diese Borste kratzte ein Muster in eine rußgeschwärzte Walze. Somit entstand ein Bild des Klangs. Später ersetzte der Erfinder die Rußwalze durch Papier.

"Scott war mit seinem Phonautografen die Aufzeichnung des Tons gelungen. Der Phonautograf hatte allerdings einen Makel, denn bei dieser allerersten Aufzeichnung da war ja halt eine Wiedergabe nicht möglich. Das ist der große Unterschied der späteren Verfahren nachher, dass man da auch wiedergeben konnte."

Ingo Kock ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und auf Tontechnik spezialisiert.

Vielleicht lag es an Scott de Martinvilles Beruf, dass er sich mit dem Phonautografen zufrieden gab. Er war Korrektor, Drucker und Buchhändler, er wollte Sprache mechanisch aufschreiben, nicht Töne reproduzieren. Das versuchten andere. Am 18. Juli 1877 schrieb der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison in sein Tagebuch:

"Habe soeben ein Experiment mit einer Membran durchgeführt, ein herausstehender Punkt drückt rasch gegen vorbeigeführtes paraffingetränktes Papier. Die Sprachschwingungen sind eingraviert, kein Zweifel, dass es möglich ist, sie zu speichern und jederzeit davon die menschliche Stimme automatisch zu reproduzieren."

Edisons Phonograph wurde bald vom Grammophon abgelöst, denn Schallplatten waren leichter herstellbar und robuster als Edisons Walzen.

Ingo Kock erklärt das Prinzip:

"Der Schall ist ja auch eine mechanische Schwingung, und die mechanische Schwingung wird halt auf diese Nadel übertragen mittels der Membran und die Membran, die pickt denn in so eine Wachsschicht rein. Und das Verfahren hat den Vorteil, dass man das dann genauso wiedergeben kann. Also wenn man diese Nadel in der Rille entlang führt, dann macht die Nadel wieder die gleiche Bewegung wie bei der Aufzeichnung und wenn man da eine Membran anschließt, dann hört man das Signal und wenn man jetzt an diese Membran noch so einen Trichter dranmacht, dann wird’s sogar noch in eine Richtung verstärkt. Und dann hat man ein Grammophon."

Schallplatten blieben lange das Tonmedium überhaupt, obwohl sich parallel andere Techniken entwickelten. Die Aufnahmen wurden vor allem feiner. Édouard-Léon Scott de Martinvilles starb 1879 in Paris, zwei Jahre nachdem Edison seinen Phonographen entwickelt hatte, weitgehend vergessen als Buchhändler in der Rue Vivienne.

Das digitale Zeitalter macht es möglich, dass seine Aufnahme vom 9. April 1860 heute hörbar ist. Das Schallbild, das im Archiv der Französischen Akademie der Wissenschaften gelegen hatte, wurde eingescannt und mit einer Software bearbeitet, die die gezeichnete Tonkurve in Klänge verwandelte. Auf www.firstsounds.org ist es zu hören.

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