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StartseiteHintergrundZypern als Flüchtlingsinsel - allein und überfordert14.07.2019

Tor nach EuropaZypern als Flüchtlingsinsel - allein und überfordert

Die Mittelmeer-Insel Zypern gehört zur EU, aber nicht zum Schengen-Raum. Das erschwert Flüchtlingen die Weiterreise aufs Festland. Weil andere Routen inzwischen dicht sind, hat Zypern 2018 prozentual so viele Menschen aufgenommen wie kein anderes EU-Land. Willkommen sind sie jedoch nicht.

Von Michael Frantzen

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Syrische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in einem Camp, etwa 20 Kilometer von der zypriotischen Hauptstadt Nikosia entfernt, nachdem sie gerettet worden sind (AFP / Iakovos Hatzistavrou )
Syrische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in einem Camp, etwa 20 Kilometer von der zypriotischen Hauptstadt Nikosia entfernt. (AFP / Iakovos Hatzistavrou )
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Ein Fetzen Papier: Er ist Ahmed Ibrahims letzte Hoffnung. Nicosia, die zyprische Hauptstadt. Das Büro des "Flüchtlingsrats Zyperns", der Hilfsorganisation. Wortlos stopft der syrische Asylbewerber den Streifen mit der Telefonnummer des UN-Flüchtlingshilfswerks in seine Hosentasche. Das ist alles?! Ungläubig schaut der 34-jährige Masan Bistau an. Der Mann vom Flüchtlingsrat hebt die Hände. Mehr kann er auch nicht tun. Ahmeds neues Leben im Gelobten Land: Es steht unter keinem guten Stern.

"Seit sechs Monaten warte ich jetzt schon auf meine Papiere. Ohne die darfst du in Zypern als Asylbewerber nicht arbeiten. Ein paar Mal habe ich bei den Behörden nachgefragt. Doch es ist immer das Gleiche: Sie vertrösten dich. Es tut sich nichts. Rein gar nichts."

Flüchtlinge, die mit den Nerven am Ende sind

Mit dem Boot ist Ahmed nach Zypern geflüchtet. 2.500 US-Dollar hat er dafür den Schleusern gezahlt. Die Überfahrt aus dem 170 Kilometer entfernten Libanon: Sie war die reinste Odyssee. Zypern statt der Libanon: Freiwillig ausgesucht hat sich der stille Syrer das nicht. Sechs Jahre lebte der gelernte Maurer in einem Camp des UN-Flüchtlingshilfswerks unweit der libanesischen Hauptstadt Beirut, zusammen mit Frau und Kindern. Bis es plötzlich hieß, er solle nach Syrien abgeschoben werden. Deshalb seine Flucht. Verstohlen kramt Ahmed sein Handy hervor. Auf dem Display sind seine Frau und ihr siebtes Kind zu sehen. Ein Mädchen, drei Monate alt. Ahmed kennt sie nur von Fotos.

Flüchtlinge, die mit den Nerven am Ende sind: Für Masan Bistau Alltag. Seit 2015 arbeitet der Mann mit dem Hipster-Bart für den "Flüchtlingsrat Zyperns", doch so schlimm wie in den letzten anderthalb Jahren war es noch nie. Kein Wunder: 7760 Geflüchtete haben letztes Jahr in Zypern Asyl beantragt – 70 Prozent mehr als 2017. In absoluten Zahlen mag das nach wenig klingen, doch auf der geteilten Mittelmeerinsel leben nur rund 860.000 Menschen. Laut EU-Statistikbehörde hat die Inselrepublik letztes Jahr im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung - so viele Flüchtlinge aufgenommen wie kein anderes EU-Land. Masan nickt. Er kennt die Zahlen. Dass die meisten Syrer sind. Wie er.

"Am Anfang fiel es mir sehr schwer zu dolmetschen. Ich als Syrer musste meinen Landsleuten lauter Hiobsbotschaften mitteilen. Aber mit der Zeit ist es besser geworden. Ich sage dem Asylbewerber, wie es ist: Dein Asylantrag wurde abgelehnt. Das sind die weiteren Schritte: Schritt eins, zwei, drei. Wir fechten das Urteil an."

Schwierige Suche nach Wohnraum

Masan lebt legal in Zypern. Als er im September 2014 als einer der ersten syrischen Flüchtlinge an der Küste der "Insel der Aphrodite" strandete, waren die Flüchtlingszahlen noch niedriger – und die Chancen größer, als Syrer nicht nur geduldet zu werden wie jetzt, sondern Asyl zu erhalten. Das ist ein entscheidender Unterschied: Nur als Flüchtling mit Asylstatus darf man seine Familie nachholen. Ein Lächeln huscht über Masans Lippen. Seit Dezember sind seine Eltern bei ihm. Vor kurzem hat er ihnen eine Wohnung organisiert. Mit Ach und Krach.

"Zig Mal habe ich Vermieter angerufen. "Ja, hallo, ich würde gerne ihre Wohnung mieten." Darauf: "Woher kommst du denn?" Ich: "Aus Syrien." "Oh, wir vergeben keine Wohnungen an Flüchtlinge." Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft das passiert ist. Manchmal komme ich mir vor wie ein Surfer. Mal denke ich: Wow, ich surfe richtig schön auf der Welle. Ich gehöre dazu. Dann wieder: Ich gehe unter. Ich werde nie dazu gehören."

Mit seiner Chefin Corina Drousiotu redet Masan meist Englisch, manchmal auch Griechisch, je nach dem. Aus sechzehn Leuten besteht ihr Team: Sozialarbeiter sind darunter, Psychologen, Juristinnen wie die Frau mit den roten Locken. Corina ist in ihr Büro zurückgegangen – mit den zwei Riesen-Überraschungseiern. Vor ein paar Tagen haben sie im griechisch-zyprischen Teil der Insel das orthodoxe Osterfest gefeiert. Ihre zwei Söhne haben so viele Süßigkeiten bekommen, dass sie sich dachte: Die Schokoeier finden andere Abnehmer. Hart, aber herzlich: Diese Strategie verfolgt die 43-jährige auch, wenn sie mit Regierungsvertretern zu tun hat. Corina seufzt leise. Nicht immer einfach. Schließlich ist ihr "Flüchtlingsrat" eine der wenigen NGOs, der sich für die Belange Geflüchteter einsetzt. Und Tacheles redet.

(Michael Frantzen)Positive Energie an die Geflüchteten abgeben - Corina Drousiotu und Masan Bistau vom "Cyprus Refugee Council". (Michael Frantzen)

"Es fehlt an langfristiger Planung"

"Es mangelt an Strategie. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass der Staat nichts tut. Doch es fehlt an langfristiger Planung. Seit drei Jahren warnen wir: Es kommen so viele Flüchtlinge zu uns, der Staat muss handeln. Du musst nur mit offenen Augen durch die Straßen Nicosias laufen. Überall Flüchtlinge. Und was ist passiert? Nichts. Jetzt haben wir das Dilemma. Das Innenministerium denkt angeblich darüber nach, neue Aufnahmelager zu öffnen. Doch bis die fertig wären: Das dauert."

Zypern als Hotspot Geflüchteter: Die Mittelmeerinsel tut sich schwer mit ihrer neuen Rolle. Das muss man Corina nicht zwei Mal sagen. Natürlich weiß auch sie, dass sich auf Behörden-Schreibtischen über 8000 unbearbeitete Asylanträge stapeln. Es fünf Jahre dauern kann, bis Justitia ein Urteil fällt. Unterkünfte fehlen.

"Wir haben ein Riesen-Wohnungsproblem. Bis vor zwei Jahren kannten wir keine Obdachlosigkeit. Jetzt siehst du überall Geflüchtete ohne Dach über dem Kopf. Dafür gibt es mehrere Gründe. Punkt eins: Zypern geht es wirtschaftlich wieder besser, sprich: Die Mieten sind gestiegen. Punkt zwei: Die Mietzuschüsse für Asylbewerber sind ein Witz. Sie bekommen hundert Euro im Monat. Damit findest du keine Wohnung. Das Ende vom Lied ist, dass Asylbewerber auf der Straße landen – oder in vollkommen überfüllten Wohnungen. Und zurück ins Erstaufnahmelager?! Ist auch keine Option. Es gibt ja nur eines für Erwachsene. Ein völlig überfülltes."

Die Bevölkerung protestiert

Idyllisch ist es – am Strand von Zygi, dem rund sechzig Kilometer südwestlich der Hauptstadt gelegenen Fischerdorf. Sachte schwappen die Wellen ans Ufer, Segel- und Fischerboote schaukeln im Wind. Doch der Schein trügt. Gemeindesprecher Christos Constantinou redet erst gar nicht lange um den heißen Brei herum. Sie wollen keine Flüchtlinge. Keine Erwachsenen und erst recht keine hundert unbegleiteten Minderjährigen. So viele hätten in der verlassenen Kaserne am Ortsrand untergebracht werden sollen, wenn nicht das halbe Dorf samt einer Handvoll Rechtsextremer Anfang November die Umbauarbeiten lahm gelegt hätte. 

(Michael Frantzen) Migranten, nein Danke - Anti-Flüchtlings-Graffiti aus Nicosia. (Michael Frantzen)

"Wir haben nichts gegen diese Leute. Viele von uns mussten ja selbst wie ich hierher flüchten - aus dem Nordteil Zyperns – nach der Invasion der türkischen Armee 1974. Das Problem ist, wie die Regierung mit uns umgesprungen ist. Sie wollte uns still und heimlich diese Kinder vor die Tür setzen – ohne uns vorher zu fragen. Deshalb haben wir gesagt: Stopp! So geht das nicht. Wir wollen wissen: Wie viele sind es? Woher kommen sie? Wie lange sollen sie bleiben? Und dann können wir darüber reden. Ich komme doch auch nicht in dein Haus, ohne dir zu sagen, wer ich bin und was ich vorhabe."

Ein Schwatz mit dem Vorarbeiter der Kardamom-Kooperative. Ein Plausch mit dem Besitzer des Fischrestaurants am Platze: Der 55-Jährige kennt in Zygi Gott und die Welt. Der hochgewachsene Mann lächelt: Seit Ende März ist in seinem 800-Seelen-Nest die Welt wieder in Ordnung. Seit es hieß: Die Flüchtlingskinder kommen woanders unter. Europa soll es richten: Das ist das Mantra von Konstantinos Petrides, dem zyprischen Innenminister.

Die Flüchtlingskrise: Ein europäisches Problem. Das europäisch gelöst werden muss: Seit zwei Jahren liegt der Konservative damit seinen EU-Amtskollegen in den Ohren. Der bullige Typ lässt sich in seinem Amtssitz in Nicosia - einer alten Armeekaserne aus britischer Kolonialzeit - auf seinen Schreibtischstuhl fallen. "Horst" sei OK, doziert er. Horst wie: Horst Seehofer, der deutsche Innenminister. Doch die Kollegen aus Italien, Ungarn, Polen: Ließen ihn im Regen stehen. Zumindest Brüssel hilft. Mit knapp vierzig Millionen Euro, 29 Dolmetschern und Fachkräften.

"Geld ist ein Tropfen auf den heißen Stein"

"Die Europäische Kommission hilft uns ein bisschen. Aber das löst nicht das Problem. Dieses Geld ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Das ist, als wenn Sie bei Mega-Kopfschmerzen eine Tablette Aspirin bekommen. Die Europäische Kommission hat ja versucht, die anderen EU-Länder dazu zu bewegen, einige Flüchtlinge aufzunehmen. Leider erfolglos. Dass wichtige Politiker aus EU-Ländern sagen: Das Dublin-Verfahren ist tot, ist fatal. Das hieße, die EU wäre am Ende. Das darf nicht passieren, solange wir uns als Europäer fühlen."

Zyperns Innenminister Konstantinos Petrides steht im dunklen Anzug in seinem Amtszimmer. Im Hintergrund Bilder an der Wand sowie ein zyprische und eine EU-Flagge. (Michael Frantzen)Zyperns Innenminister Konstantinos Petrides: "Die Europäische Kommission hilft uns ein bisschen" (Michael Frantzen)

Missmutig blättert der 44-Jährige in seinen Unterlagen. Die Flüchtlingskrise – natürlich, was sonst. Wo andere Schicksale sehen, sieht der Hardliner Zahlen. Zu hohe Zahlen. Einen Haupt-Schuldigen hat Petrides auch schon ausgemacht: Die türkische Inselhälfte. Die ehemalige rechte Hand von Präsident Anastasiades schaut entgeistert: Die türkisch-besetzte Hälfte bitte schön. Fakt ist: Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk beobachtet, dass vermehrt syrische Flüchtlinge über Istanbul nach Ercan fliegen, den Flughafen im türkischen Nordteil, um weiter in den Süden zu reisen – und Asyl zu beantragen. Wie viele genau: Das kann Petrides nicht sagen. Zu viele. Schuld sind die anderen und die Umstände auch auf seiner Seite. Dass ein spezielles Asyl-Gericht immer noch nicht wie versprochen seine Arbeit aufgenommen hat - der Innenminister fuchtelt mit den Händen, der komplizierten Materie geschuldet. Asylbewerber nur 72 Stunden in Kofinou, dem einzigen Erstaufnahmelager des Landes, bleiben dürfen: Nicht anders zu machen.

"1000 Asylbewerber im Monat: Wie soll ich da planen?"

"Lassen sie es mich ganz einfach sagen: Wir haben nicht genug Platz für die ganzen Flüchtlinge. Wollen wir irgendwelche Ghettos? Die Flüchtlingskrise ist ein Riesen-Problem für ein kleines Land wie Zypern. Bei den aktuellen Zahlen: 1000 Asylbewerber im Monat: Wie soll ich da planen? Es übersteigt unsere Aufnahmefähigkeit."

"Ich: Die kleine Gosia von der Caritas soll es mit Herrn Petrides aufnehmen, dem Innenminister?! Wem schenken die Zyprer wohl Glauben? Mir, dem Niemand? Oder jemanden, der Macht hat und über die Medien seine Sicht der Dinge verbreiten kann?"

Freunde werden sie wohl nicht mehr: Der Law-and-Order-Mann und Klein-Gosia. Gosia Chrisantou, Leiterin der Caritas-Beratungsstelle für Geflüchtete, bricht in schallendes Gelächter aus. Sie hat andere Sorgen. Den Berg gespendeter Kleidung auf dem Boden etwa: Den müsste dringend jemand mal sortieren. Aus drei Leuten besteht ihr Team. Für mehr reicht das Geld nicht. Dabei platzt die Beratungsstelle neben der Heilig-Kreuz-Kirche in der Altstadt aus allen Nähten. Vor der humanitären Krise kann sie nicht die Augen verschließen. Allein die Sache mit dem "Begrüßungsgeld." Gosia schüttelt den Kopf: Unfassbar. Jeder Flüchtling erhält bei seiner Ankunft in Zypern einmalig vom Staat siebzig Euro. Das war’s. Wohngeld und Essenscoupons gibt es frühestens nach einem Monat, wenn überhaupt. 

(Michael Frantzen)Wohn- und Essensgeld vielleicht nach einem Monat - Gosia Chrisantou im Beratungsgespräch mit einer Asylsuchenden. (Michael Frantzen)

"Das ist Absicht. Es ist gezielte Politik. Ich muss nur wiedergeben, was die Regierung offen sagt. Wir hören es auf den Konferenzen, auf Seminaren. Laut und deutlich. Regierungsvertreter sagen: Wir wollen in unserem Land keine Bedingungen schaffen, die so attraktiv sind, dass noch mehr Geflüchtete kommen. Wir wollen diese Asylsuchenden abschrecken. Weil wir jenseits unserer Aufnahmefähigkeit sind und die Insel keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen kann."

Zwar gehört das Land zur EU, aber nicht zum Schengen-Raum. Das erschwert die Weiterreise aufs europäische Festland. Deshalb mieden Flüchtlinge lange die Mittelmeerinsel. Doch inzwischen sind die anderen Routen dicht. Bleibt: Zypern.

"Zypern ist noch das einzige Tor nach Europa. Wenn die Geflüchteten das erste Mal zu uns kommen, fragen wir sie immer: "Warum bist du geflüchtet? Wohin wolltest du?" Meist antworten sie: "Die Menschenschmuggler haben uns gesagt, wir bringen euch nach Europa." Und wir dann: "Ja, und du hast nicht nachgefragt, in welches Land?!" "Nein. Das war unwichtig. In dem Moment, als in "Europa" hörte, dachte ich: Ich bin in Sicherheit." Und so sind sie in Zypern gelandet. Ohne, dass sie es wollten."

Geflüchtete fordern bessere Bedingungen 

Sprechgesänge, Transparente mit Slogans wie: "Wir wollen nicht weiter in der Hölle leben": Mitte April schaffte es der Protest 170 aufgebrachter Asylbewerber in die Nachrichten-Sendungen des Landes. Mit vorne dabei: Mbah Roger, Menschenrechts-Aktivist aus dem Kamerun.

"Wir wollen etwas zur Gesellschaft beitragen. Doch das ist schwierig – als Asylbewerber. Es gibt nur drei Bereiche, in denen wir legal arbeiten dürfen. Wir dürfen putzen. Aber nur draußen. Drinnen: In Häusern und Hotels: Das ist verboten. Zweitens dürfen wir in Autowaschsalons arbeiten. Und drittens in der Landwirtschaft. Ich wünschte mir, der Staat würde einsehen, dass wir auch im Tourismus und anderen Bereichen arbeiten können."

(Michael Frantzen)Mbah Roger, Flüchtling und Menschenrechtsaktivist aus Kamerun. (Michael Frantzen)

Fast zwei Monate sind seit dem Protest vergangen, getan hat sich nichts. Mbah verzieht das Gesicht. Fast täglich schaut der 33-Jährige in der christlichen Beratungsstelle vorbei, um anderen Geflüchteten aus seiner Heimat Kamerun zu helfen. Es werden immer mehr. Seit geraumer Zeit tobt in dem zentralafrikanischen Land ein Bürgerkrieg, laut Amnesty International mussten allein zwischen 2014 und 2017 mehr als 240.000 Menschen fliehen.

Mbahs Frau und zwei Kinder sind noch im Kamerun. Wie es ihnen geht, weiß er nicht. Die letzte SMS, die er seiner Frau geschickt hat, konnte nicht zugestellt werden. Schon seit längerem keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hat auch Malaki Ani. 

"Manchmal denke ich, mein Kopf platzt"

"Ich schaue jeden Morgen bei der Caritas vorbei. Um Tee zu trinken oder etwas zu essen. Brot, was auch immer. Vielleicht kann Gosia mir auch helfen, eine Unterkunft zu finden. Ich habe ja keinen Platz zum Schlafen. Meine ganzen Sachen sind in diesem Rucksack. Mal bin ich hier, mal dort. Ich habe nichts zu tun. Es ist schlimm. Manchmal denke ich, mein Kopf platzt."

Unruhig rutscht Malaki auf seinem Stuhl hin und her. Seit etwas mehr als einem Monat ist der 28-jährige Nigerianer in Zypern – und auf sich allein gestellt. Zu Fuß sind es zehn Minuten von der Caritas bis zum Busbahnhof Nicosias – und dem lärmumtosten Park unterhalb des Terminals. Vorsichtig steigt Malaki die Treppe herunter. Genau zwölf Stufen: In seinem Kopf hat er sie schon unzählige Male gezählt. 

"Die Bank da: Das ist mein 'Bett' Siehst du?! Auf der Seite schlafe ich. Meist bleibe ich auch tagsüber im Park. Ich habe ja nichts zu tun."

Malaki setzt sich auf die Bank. Morgen wird er wieder zur Beratungsstelle gehen, die alte venezianische Stadtmauer entlang – vorbei an Touristen und verliebten Pärchen. Und hoffen, dass doch noch ein Wunder passiert. Asylbewerber aus Nigeria, hat Gosia ihm erzählt, haben schlechte Karten. Ganz schlechte.

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