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StartseiteForschung aktuellMeteorologen erforschen Entstehung von Superstürmen20.03.2019

Tornado-VorhersageMeteorologen erforschen Entstehung von Superstürmen

Mitte März 2019 wurde die kleine Eifel-Gemeinde Roetgen an der Grenze zu Belgien von einem Tornado heimgesucht. Jetzt haben Meteorologen die Radar-Daten des Deutschen Wetterdienstes detailliert ausgewertet.

Von Volker Mrasek

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14.03.2019, Nordrhein-Westfalen, Roetgen: Dachdecker arbeiten an einem Haus, dessen Dach durch einen Tornado beschädigt wurde. In der Eifel-Gemeinde Roetgen südlich von Aachen geht das Aufräumen und die Reparatur der beschädigten Häuser los. (Henning Kaiser/dpa)
Ein Tornado hat in der Eifelgemeinde Roetgen Häuser und Lagerhallen beschädigt (Henning Kaiser/dpa)
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Gewöhnliche Gewitter genügen nicht. Es braucht solche, die Pieter Groenemeijer als Superzelle bezeichnet:

"Also, Superzellen sind Gewitter, die selber auch rotieren. Und daraus kommen die meisten starken Tornados hervor."

So wie am Mittwoch vergangener Woche im Eifel-Ort Roetgen nicht weit von Aachen. Ein Tornado beschädigte dort zehn Häuser. Groenemeijer hat sich nachträglich die Daten angeschaut, vor allem aus dem Radar-Netzwerk des Deutschen Wetterdienstes, aber auch von Satelliten. Der niederländische Physiker leitet das Europäische Unwetter-Labor ESSL in Oberpfaffenhofen:

"Was man hat sehen können, ist, dass es tatsächlich eine starke Rotation gegeben hat in einer sonst eigentlich unauffälligen Gewitterzelle. Und offenbar ist es bei dieser einen Zelle dann zu einem Tornado gekommen, wobei es auch andere Zellen gegeben hat, die genauso ausgesehen haben am Radar. Von daher ist es noch immer sehr schwierig, Tornados gut vorherzusagen. Man weiß nie, welche Zelle den Tornado produzieren wird oder ob überhaupt."

Aus Gewittern werden Superzellen, wenn es in bodennahen Luftschichten starke Windscherungen gibt, wenn sich also der Wind mit der Höhe dreht und dort auch stärker weht. Das versetzt die warmen, feuchten Aufwinde in Gewitterwolken in Rotation. Es entsteht ein Kilometer großer kreisender Schlauch, den die Meteorologen "Mesozyklone" nennen.

Neue Details über die Entstehung von Tornados

Durch Verdunstungsprozesse in den Wolken kühlt Luft gleichzeitig ab, so dass aus manchen Gewittern kalte Abwinde zur Erde strömen. Sie dürfen nicht zu stark und  nicht zu schwach sein - dann saugt die Superzelle sie förmlich wieder auf und gebiert auf diese Weise einen Tornado:

"Man braucht diese Wechselwirkung zwischen der Kaltluft, die aus der Zelle hinabkommt, und der Warmluft, die hineinströmt. Und nur an dieser Grenzfläche kann sich der Tornado formen. Das ist eine relativ neue Erkenntnis, dass diese Kaltluft von wesentlicher Bedeutung ist. Dass es eben nicht so ist, dass die Mesozyklone sich einfach bis zum Boden ausbreitet."

Forscher des Deutschen Wetterdienstes haben jetzt zwölf starke Tornados aus den vergangenen Jahren noch einmal analysiert. Dafür zogen sie unter anderem Wetterradar-Aufzeichnungen heran.

Ein auffälliges Merkmal dabei: Gewitter, die Tornados produzieren, verlagern sich schneller als andere, bei uns fast immer in östliche Richtung. Bei manchen, aber nicht bei allen, ist die Blitzrate im Vorfeld erhöht.

Tornado-Vorhersage ist immer besser geworden

Die beobachteten Mesozyklonen waren alle gewaltig und hatten Durchmesser von mehr als acht Kilometern. Außerdem existierten sie über Stunden. Lauter Merkmale, die auch von Bedeutung für die Unwetterwarnung sind, wie Pieter Groenemeijer sagt:

"Ich denke, dass man sagen kann, dass in den letzten zehn Jahren die Vorhersage besser geworden ist. Dass die Meteorologen jetzt in der Lage sind, so eine starke Superzelle zu erkennen. Und auch, wenn die dann nicht immer warnen für einen Tornado, werden die die höchste Warnstufe ausgeben."

Rund 30 Tornados treten in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich auf - fast alle zwischen Mai und September. Es gibt aber auch Ausnahmen, wie der jüngste Vorfall in Roetgen zeigt:

"Die Jahreszeit von diesem Tornado in Roetgen war schon sehr ungewöhnlich. Wobei es schon mal vorgekommen ist, dass auch sogar im Januar, zum Beispiel beim großen Sturm Kyrill, an den vielleicht die Leute sich noch erinnern, dass da auch Tornados aufgetreten sind. Und das hängt dann vor allem zusammen mit der extrem starken Windscherung. Und als ich mir diesen Fall in Roetgen angeschaut habe, da war auch tatsächlich die Winddrehung sehr ausgeprägt und ungewöhnlich stark."                                                                            

Wie die Saison weitergeht, kann niemand genau sagen. 2017 war ein eher aktives Jahr mit 36 Tornados, 2018 gab es nur 17. Die Zahl schwankt von Jahr zu Jahr. Tornados bleiben auch für den niederländischen Experte schwer berechenbar:

 "Tornados sind nicht die größte Gefahr, die vom Wetter ausgeht in Deutschland. Trotzdem könnte es mal passieren, dass mal ein größerer Tornado auch eine größere Stadt treffen wird. Das ist gar nicht auszuschließen. Dann kann es durchaus auch zu viel größeren Schäden kommen."           

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