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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageAuf Reisen durch fremde Wohnungen11.12.2020

Tourismus anders denkenAuf Reisen durch fremde Wohnungen

Zeig mir wie du reist, und ich sag dir, wer du bist. Reisen sind Statussymbol, Konsumgut und selten wirklich entspannend. Trotzdem wollen alle teilhaben - aber was tun, wenn die halbe Welt im Lockdown ist? Eine Möglichkeit: Mitten in Berlin auf Zimmerreise gehen und so das Leben von Fremden erforschen.

Von Annette Kammerer

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Die Autorin auf Reisen durch eine fremde Berliner Wohnung (Annette Kammerer)
Die Autorin auf Reisen durch eine fremde Berliner Wohnung (Annette Kammerer)

"Der Impuls war, dass ich manchmal in fremde Wohnungen gucken durfte und dann aber wieder gehen musste", erklärt die Berliner Künstlerin Stefie Steden. Die Idee, fremde Wohnungen zu bereisen, kam ihr, als sie öfter Dinge von Privatleuten im Internet kaufte, "und wenn man da dann alleine wäre und richtig gucken dürfte, wäre das richtig gut." Also gründete sie die "AG Minimales Reisen" und bringt seitdem Menschen zusammen, um fremde Wohnungen zu bereisen.

Die Idee ist einfach: Statt ein fremdes Land oder eine andere Stadt zu besichtigen, wird für ein paar Stunden eine fremde Wohnung bereist. Um Vertrauen zueinander aufzubauen, gibt es alle vier Wochen ein Treffen, auf denen sich Reisewillige und Gastgebende kennenlernen können. Wer zu wem reisen darf, wird dann ausgelost.

Zimmerreisen ermöglichen den Blick hinter die Gardinen in ein anderes Leben (Annette Kammerer)Zimmerreisen ermöglichen den Blick hinter die Gardinen in ein anderes Leben (Annette Kammerer)

Der touristische Blick

Die kulturelle Praxis des Reisens ist schon Jahrtausende alt. Im 19. Jahrhundert fing mit dem technischen Fortschritt aber erst die Rückbesinnung auf das "Natürliche" an und die Idee des touristischen Reisens kam auf. Hasso Spode, Leiter des "Historischen Archivs zum Tourismus" der TU Berlin, nennt das den "touristischen Blick". Plötzlich wollten reiche Deutsche oder Franzosen in die bitterarme Schweiz reisen - in Bergtäler, in die die Industrialisierung noch nicht Einzug gehalten hatte: "Dieser romantische Blick auf die Welt, der prägt uns bis heute."

Haben auch die Zimmerreisenden diesen touristischen Blick? Zuerst besucht die Initiatorin des Projekts, Stefie Steden, die Wohnung der Autorin. Steden ist Zimmerreisen-Profi und geht sehr analytisch an die Sache heran: In einer Exceltabelle trägt sie ihre Beobachtungen ein, lauscht auf ungewohnte Geräusche und geht ihnen mit detektivischem Spürsinn nach.

Eindringling im fremden Land

Die Autorin ist da wesentlich zurückhaltender bei ihrer ersten Reise durch eine fremde Wohnung: Plötzlich allein gelassen traut sie sich erst mal gar nicht aus der Küche der Innenarchitektin Ines. Die Küche, das ist vertrautes Terrain, sie scheint nicht so privat zu sein, wie die anderen Räume der Wohnung. Trotzdem ist die Neugierde zu groß, um sich nicht auch die restlichen Zimmer anzuschauen – nur anfassen, das traut sich die Autorin nicht. Ihr Fazit: "Ich habe keine Schubladen aufgemacht, habe keine Kleider anprobiert, habe mich nicht ins Bett gelegt. Also, es ging mir gar nicht so sehr darum ihr nahezukommen, sondern eher der Welt um mich herum. Also es kann dann diese Wohnung sein, es könnte aber auch ein Supermarkt sein oder irgendein anderer Ort. Man kann eigentlich alles bereisen. Nicht nur Wohnungen." Und dennoch ist da auch der Ärger darüber, eine einmalige Chance verpasst zu haben, etwas über die Fremde herauszufinden, was nicht offensichtlich ist.

Ein Blick in fremde Wohnungen: Was sagt die Wohnung und ihre Einrichtung über ihre Bewohner aus? (Annette Kammerer)Was sagt die Wohnung und ihre Einrichtung über ihre Bewohner aus? (Annette Kammerer)

Vom Privileg zum Massentourismus

Während Reisen schon immer Statussymbol war, wird es erst durch das nationalsozialistische Programm "Kraft durch Freude" und später dann durch das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1970er-Jahren zum Massenphänomen. "Reisen wird zum Konsumgut", sagt der Historiker Hasso Spode. Heute verreisen jedes Jahr gut 70 Prozent der Deutschen, aber nur 10 Prozent davon gehen tatsächlich auf Fernreisen.

Reisen während der Pandemie

Mit der Corona-Krise ist alles anders geworden – auch das Reiseverhalten der Deutschen. Wo man früher problemlos einreisen konnte, sind jetzt die Grenzen dicht. Weltweite Reisewarnungen und Beherbergungsverbote machen das Reisen zum Spießrutenlauf. Da sind Zimmerreisen, das Fremde in der Nähe zu erkunden, doch genau das Richtige.

Dabei geht es bei Zimmerreisen vor allem um einen selbst. Das erlebt auch die Autorin Annette Kammerer. Bei ihrer Zimmerreise fragt sie sich: Könnte ich so leben? Will ich so leben? Und dazu dann noch die Erfahrung, dass jemand Fremdes das eigene Terrain durchleuchtet hat, der Blick von außen, das wirkt fast wie eine Sitzung beim Therapeuten. Denn in jeder Zimmerecke, hinter jeder unangeschlossenen Lampe, steckt eine Geschichte - es muss sie nur jemand suchen.

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