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StartseiteSport am WochenendeTradition macht Schulden01.06.2013

Tradition macht Schulden

Viele Fußballvereine sitzen nach dem Abstieg in der Finanzfalle

Relegationsspiele entscheiden meist über die Zukunft von Fußballvereinen. Abstieg bedeutet starke finanzielle Verluste, der Wiederaufstieg wird zur Pflicht. Vor allem dann, wenn sich Vereine zwischenzeitlich mit teuren Spielern und Stadionmieten übernommen haben.

Von Heinz Peter Kreuzer

Vieviel Geld es gibt hängt stark von der Liga ab. (dpa / Uwe Anspach)
Vieviel Geld es gibt hängt stark von der Liga ab. (dpa / Uwe Anspach)

Dynamo Dresden konnte in allerletzter Minute nicht nur den Abstieg, sondern auch ein finanzielles Deseaster verhindern. Für den 1. FC Kaiserlautern bedeutet die Niederlage in der Relegation gegen Hoffenheim hingegen nicht nur ein weiteres Jahr 2. Liga, sondern auch starke finanzielle Einbußen. Der Sportfinanzexperte Marc Strauß von der Universität des Saarlandes erforscht die Finanzen der europäischen Ligen. Auf der Grundlage der Zahlen der Saison 2012/13 erläutert er die Schwierigkeiten

"Da sieht man halt auf den ersten Blick schon, dass die insgesamt erzielten Beträge in der 2. Liga unter 20 Prozent der Gesamterträge der ersten Liga waren. Das ist ein extremes Einnahmegefälle was insbesondere auf die geringeren TV-Einnahmen und geringeren Werbeeinnahmen zurückzuführen ist."

Noch extremer ist das Gefälle zur dritten Liga, da dritteln sich die Erträge. So hatte der VfL Osnabrück auf den Aufstieg in die 2. Liga gehofft. Erst vor wenigen Monaten hatte die Stadt den Klub mit einem Darlehen über 3,6 Millionen Euro vor der Insolvenz gerettet, als Zweitligist hätte der Verein sich sanieren können. Und wer den direkten Wiederaufstieg nicht schafft, der befindet sich in einer Abwärtsspirale. In dieser Woche wurde dem MSV Duisburg die Lizenz für die 2. Liga verweigert, Seit Jahren tummeln sich die Meidericher in der 2. Liga. Von Jahr zu Jahr wird es schwieriger, den Aufstieg zu schaffen. Marc Strauß:

"Die Problematik ist daneben, dass durch den Abstieg die Erträge enorm zurückgehen, aber gleichzeitig nicht im gleichen Umfang die Kosten zurückgefahren werden können. Beispielsweise die Aufwendungen für das Stadion, für den Spielbetrieb sind noch da, eventuell noch laufende Spielerverträge und hinzu kommt noch auch, dass oftmals ein Risiko eingegangen wird, um schnellstmöglich den Wiederaufstieg zu schaffen."

Einmal in dieser Falle gefangen, werden die Finanzierungen immer abenteuerlicher. Tatort Aachen: Nach dem Aufstieg in die Bundesliga 2006 baute Alemannia Aachen ein neues Stadion. Der neue "Tivoli" bietet 33 000 Zuschauern Platz und kostete 50 Millionen Euro. Mittlerweile ist die Alemannia pleite, Insolvenzverwalter Michael Mönig sagte im WDR-Fernsehen zum Thema Stadion:

"Dieses Stadion ist hier, um Champions League zu spielen. Und jetzt kam der Abstieg in die dritte Liga. Und diese Kosten, die nach wie vor mit dem Stadion verbunden sind, oder mit dem Wiederaufstieg, den man plante, konnte die Alemannia nicht aus eigener Kraft stemmen. Es war unmöglich."

Die Folge: Zwangsabstieg aus der dritten Liga, jetzt spielen die Aachener noch eine Klasse tiefer in der Regionalliga. Ein Niedergang mit Ansage. Schon 2010 erhielt die Alemannia nur mit Hilfe einer städtischen Bürgschaft ein Darlehen über 3,75 Millionen Euro. Das sicherte die Lizenz. Die Stadt Aachen steckt in der Zwickmühle.
Rund um das neue Stadion wurde für 13 Millionen Euro eine neue Infrastruktur gebaut, mittlerweile hat die Kommune Stadionanteile für 19 Millionen Euro gekauft. Jetzt klagt die Stadt gegen den alten Vorstand, weil dieser falsche Bilanzen vorgelegt haben soll. Oberbürgermeister Marcel Philipp:

"Es ist eine hohe Millionensumme, die da in Rede steht. Und entscheidend dafür, ob ich diesen Betrag, diese Investition am Ende abschreiben muss, oder einen Teil abschreiben muss. Es ist die Frage, was passiert mit dem Stadion langfristig, wird es sinnvoll nutzbar sein."

Für Fußballfunktionäre sind öffentliche Gelder legitim. Aber gleichzeitig beschwören sie eine neue Gefahr herauf. Denn die Europäische Kommission untersucht in allen Mitgliedsländern, ob Vereine unerlaubte Beihilfen in Form staatlicher Gelder erhalten. Das sieht auch der Wirtschaftsexperte Marc Strauß so:

"Aber selbstverständlich, das ist EU-Recht. Deswegen kann diese Thematik der unerlaubten Beihilfen selbstverständlich unter Umständen auch in Deutschland zum Tragen kommen. Was ein wesentlicher Punkt ist, der im Moment noch keine Berücksichtigung gefunden hat. Weil es ist mittlerweile schon sehr häufig der Fall, dass Kommunen, Stadt oder Land bei den Klubs einspringen."

Gegen Profivereine in den Niederlanden hat die Kommission schon Verfahren eröffnet. Da hatten Kommunen Stadionanteile übernommen und den Klubs Schulden erlassen. Begründet wurde dies mit der wirtschaftlichen Not der Vereine. Zwar gibt es eine Ausnahmeregel für Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, so hatten auch die Klubs aus den Niederlanden argumentiert. Die EU hat dies aber nicht akzeptiert.

Auch Deutschland ist im Visier der EU-Kommission, Das Bundeswirtschaftsministerium hat entsprechende Unterlagen zu deutschen Profivereinen nach Brüssel geschickt. Der Großteil der deutschen Profivereine ist betroffen, auch so große Namen wie Schalke 04 oder der 1. FC Köln.

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