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StartseiteDlf-MagazinWas sich seit dem Organspendeskandal getan hat19.09.2019

Transplantationszentren Was sich seit dem Organspendeskandal getan hat

Ein Göttinger Arzt löste 2012 den Skandal um manipulierte Patientendaten für die Vergabe von Spenderorganen aus. Das Transplantationsgesetz wurde nach Bekanntwerden der Betrugsfälle verschärft. Auch die Kontrollen sind heute umfangreicher.

Von Ann-Kathrin Jeske

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Ein Mann in grüner OP-Kleidung trägt einen Styropor-Behälter für den Transport von Spenderorganen an einem Operationssaal vorbei. (dpa / Soeren Stache)
Die Gefahr, mit Manipulationen bei der Vergabe von Spenderorganen aufzufliegen, ist seit 2012 gestiegen (dpa / Soeren Stache)
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"Wir können heute guten Gewissens weiter die Bürgerinnen und Bürger dazu auffordern, sich für die Organspende auszusprechen. Kein Land hat so strenge Regeln, wie wir sie in Deutschland bei der Organspende haben. Wir haben sie nochmal verschärft. Und wir können heute auch feststellen, dass das, was in Göttingen offenbar passiert ist, nicht wieder passieren kann."

Das erklärte ein Jahr nach dem Organtransplantationskandal, im Sommer 2013, der damalige FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr. Göttingen war damals das Epizentrum des Skandals. Hier war zuerst aufgefallen, dass ein Arzt Patientendaten so verfälschte, dass seine Patienten auf der Warteliste für Organe ganz nach oben rückten.

"Zum Beispiel bei der Leberlistung", erklärt Professorin Christine Kurschat vom Leber- und Nieren-Transplantationszentrum der Uniklinik Köln. "Wenn man gesagt hat, der Patient ist dialysiert worden, und es stimmte nicht", so dass der Patient kränker erschien, als er es tatsächlich war - und so von der europäischen Organ-Verteilerstelle "Eurotransplant" schneller ein Spenderorgan zugeteilt bekam.

Missbrauch des Organspendesystems in vielen Städten

Schnell stellte sich damals aber auch heraus, dass dies nicht nur ein Göttinger Problem war: Unter anderem in München, Leipzig, Münster und Essen hatten Ärzte das System missbraucht. Was hat sich seitdem im Alltag der Kliniken verändert?

Eine Transplantationskonferenz der Kölner Uniklinik. Ein Termin also, bei dem die Transplantationsmedizinerin Christine Kurschat gemeinsam mit einem Chirurgen darüber berät, welche Patienten auf die Warteliste für Spenderorgane gesetzt werden. Die Patientin, um die es geht, ist auch dabei. Vor 15 Jahren hat Juliane Güttner schon einmal eine Spenderniere bekommen, damals von ihrer Mutter:

"Diese Niere arbeitet jetzt eben nicht mehr so richtig, jetzt mache ich seit Januar auch schon wieder Dialyse. Und um die Dialyse wieder loszuwerden, brauche ich eine neue Niere."

Juliane Güttner hat zum zweiten Mal Glück im Unglück: Ihr Lebensgefährte will ihr seine Niere spenden. Sonst müsste sie wohl acht Jahre auf eine Spenderniere warten, das nämlich ist die aktuelle Wartezeit.

Tricksen bei Leber, Herz und Lunge

Gerade die Niere ist kein skandalträchtiges Organ. Hier wurde bis 2012 und auch danach nicht betrogen. Denn: Nieren werden nicht danach vergeben, wie dringend ein Patient das Organ braucht, sondern allein danach, wie lange ein Patient schon auf der Warteliste steht. Bei Lebern, Herzen und Lungen hingegen lohnt es sich, den Patienten kränker erscheinen zu lassen, als er es ist, um die Sache zu beschleunigen.

"Wenn ich eine ernste Regelverletzung feststellen würde, würde ich das unserem ärztlichen Direktor melden", sagt Wolfgang Reifenhäuser, lange Jahre selbst Chirurg. Heute arbeitet er in der Verwaltung. Er ist so etwas wie der interne Kontrolleur der Uniklinik, überprüft, ob bei der Aufnahme auf die Warteliste durch die Ärzte alles mit rechten Dingen zugeht. Das ist seit dem Transplantationsskandal in allen Kliniken Pflicht.

Bislang sei ihm persönlich zwar noch kein Fall von Missbrauch untergekommen. Schwachstellen gebe es aber trotzdem: "Die Beisitzer untersuchen keine Patienten. Das heißt, es gibt im Hintergrund natürlich Manipulationsmöglichkeiten, die wir nicht erkennen können."

Interne und externe Kontrollen

Doch das sei schwieriger geworden als noch vor einigen Jahren. So müssen die Ärzte Wolfgang Reifenhäuser heute beispielsweise die Dialyseprotokolle vorlegen, um zu beweisen, dass ein Patient tatsächlich besonders dringend ein Organ benötigt.

"Man kann natürlich hingehen und füllt ein falsches Protokoll aus, und es stimmt gar nicht, wenn man es ganz kriminell macht. Aber das ist ja wie mit Urkundenfälschung auch, wenn man eine Urkunde fälschen will und es darauf anlegt, dann wäre das noch möglich. Aber es ist viel, viel schwieriger geworden", ergänzt Christine Kurschat.

Die Gefahr, mit solchen Manipulationen aufzufliegen, ist seit 2012 jedenfalls gestiegen. Denn seither kontrollieren nicht nur interne Beisitzer wie Wolfgang Reifenhäuser die Arbeit der Ärzte. Es gibt auch eine externe Kontrolle.

"Vorher wurde nur dann kontrolliert, wenn es einen konkreten Anhaltspunkt gab. Wenn eine Meldung kam, da könnte etwas unregelmäßig gewesen sein, ist man dem auch nachgegangen. Wobei solche Meldungen nie zum Gegenstand hatten, wie sie dann in Göttingen herausgekommen sind", erklärt Torsten Verrel, Professor für Strafrecht an der Uni Bonn, der die Kliniken für die Bundesärztekammer überprüft. "Jetzt ist es so, dass völlig unabhängig davon, ob irgendwas verdächtig erscheint, alle Zentren kontrolliert werden."

Unregelmäßigkeiten an der Uniklinik Köln

Das Gesetz, das diese externe Kontrolle vorschreibt, ist kein Produkt der Skandale vor sieben Jahren, sondern eine europäische Richtlinie, die Deutschland ohnehin umsetzen musste.

"Wir haben einen Überblick darüber, wie viele Transplantationszentren es gibt. Die klappern wir in einem Dreijahresturnus ab und sagen, wir wollen die Patientenunterlagen sehen, um die mit dem abzugleichen, was seinerzeit an Eurotransplant über diese Patienten gemeldet worden ist."

Und dabei fallen den Kontrolleuren auch immer wieder Unregelmäßigkeiten auf: Auch an der Uniklinik Köln im Herztransplantationszentrum. 2015 musste die Klinik eingestehen, dass Ärzte Herzpatienten kränker gemeldet hatten, als sie es tatsächlich waren. Diese Ärzte arbeiten heute nicht mehr dort. Persönlich bereichert hätten sich die Mediziner aber nicht, erklärte die Uniklinik damals.

Diese Frage stand im Zentrum des Transplantationsskandals. Denn damals war bekannt geworden, dass viele Mediziner eine Bonuszahlung pro durchgeführte Transplantation erhielten. Solche Boni für einzelne Operationen darf es heute nicht mehr geben. Trotzdem aber fiel das Kölner Herztransplantationszentrum den Kontrolleuren in ihrem Bericht 2018 schon wieder negativ auf. Eine Nachfrage der Redaktion blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

"Unsere Kommission hat selber keinerlei eigene Sanktionsbefugnisse. Dann sind in der Tat andere am Zug, Konsequenzen zu ziehen - oder dann manchmal zu unserem Bedauern auch nicht. Das kann einerseits die Klinik sein, das könnten Aufsichtsmaßnahmen seitens des Ministeriums sein."

Freispruch für Göttinger Arzt

Und manchmal übergeben die Kontrolleure Fälle auch an die Staatsanwaltschaft, die dann ermittelt. Denn seit dem Organtransplantationsskandal gibt es mit Paragraf 19 des Transplantationsgesetzes einen neuen Straftatbestand: "Der stellt ja unter Strafe, wenn Patientendaten falsch erhoben, falsch dokumentiert, falsch übermittelt worden sind, um dem Patienten ein Organ zu verschaffen."

Verurteilt worden sei bisher wegen dieses neuen Straftatbestandes bislang aber noch niemand. Der Göttinger Arzt, auf den die Strafvorschrift noch nicht angewendet werden konnte, war 2015 vom Bundesgerichtshof freigesprochen worden. Er klagte deshalb auf Schadensersatz, weil ihn das Land Niedersachsen seinerzeit in Untersuchungshaft genommen hatte - und bekam vor wenigen Tagen Recht.

1,1 Millionen Euro Schadensersatz muss ihm das Land nun zahlen. Anstatt in deutscher U-Haft zu sitzen, hätte er in Jordanien 50.000 US-Dollar pro Monat verdienen können. Das hatte er vor Gericht glaubhaft gemacht. Inzwischen arbeitet der Mediziner nach eigenen Angaben für das Krankenhaus in der jordanischen Hauptstadt Amman. Was er dort verdient, wollte er vor Gericht aber nicht preisgeben.

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