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StartseiteTag für TagJeder stand für sich allein26.03.2020

Trauerfeier in Zeiten von CoronaJeder stand für sich allein

Der Vater, evangelischer Pastor, stirbt. Die Familie organisiert eine Beerdigung, lädt Trauergäste ein. Als sie die Einladungen schreibt, sind noch 100 Gäste erlaubt. Dann sind es nur noch 20, schließlich nur der engste Familienkreis. Protokoll einer letzten Unruhe.

Von Johannes Kulms

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Sargträger mit Blumen geschmücktem Sarg (imago stock&people / Panthermedia)
Nur ganz wenige Menschen dürfen zu Zeiten von Corona zu Bestattungen - das schafft mancherorts Gräben im Familiengefüge (imago stock&people / Panthermedia)
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An einem Freitagvormittag steht vor einer Schleswig-Holsteinischen Kirche ein Sarg aufgebahrt. Er ist aus hellem Holz gezimmert. Auf dem Deckel liegt ein üppiges Blumengesteck.

Langsam treten die sechs Sargträger heran – fast alle mit weißen und ergrauten Haaren. Der Bestatter verneigt sich kurz vor dem Verstorbenen. Ringsherum stehen vereinzelt die Trauergäste. Einer hat ein Saxophon umgehängt. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Die 88-Jährigen Witwe hat sich bei ihrer Tochter Helga Bruhns untergehakt. Eine Angehörige hat die Szene mit dem Handy gefilmt. Eine knappe Woche ist seitdem vergangen.

"Ja, mein Vater ist morgens früh verstorben. Relativ plötzlich. Und unerwartet, soweit man das bei einem 94-Jährigen Mann natürlich sagen kann." 

Die Diskussion in der Familie kippte

Helga Bruhns‘ echter Name soll hier nicht genannt werden. Die Vorbereitungen der Beerdigung ihres Vaters haben tiefe Gräben ins Familiengefüge gerissen. Es könnte länger dauern, bis sich die Beziehungen zwischen den fünf Geschwistern wieder normalisieren, glaubt die 62-Jährige.

"Also, das war ja genau die Zeit des Umbruchs, also genau von Normalität in Ausnahmesituation. In dieser Zeit mussten wir die Trauerfeier gestalten."

Noch am Todestag ihres Vater reisten fast alle Geschwister an, standen ihrer Mutter bei und verabschiedeten sich vom Vater, der zu Hause aufgebahrt war. Helga Bruhns Cousin, der Pastor ist, nahm die Aussegnung vor. Auch der verstorbene Vater war evangelischer Pastor.

Noch zu diesem Zeitpunkt rechnete die Familie damit, dass die Trauerfeier trotz der voranschreitenden Corona-Pandemie wie geplant stattfinden könne. Das Restaurant wurde reserviert, 80 Einladungen gingen per Post raus. Denn Versammlungen von bis zu 100 Personen waren bis dahin in Schleswig-Holstein noch erlaubt.

"Und meine Mutter hat am Sonnabend, glaube ich, die Trauerkarten weggeschickt und kam von der Post, als der Bestatter bei uns vor der Tür stand und dann sagte, also, das würde jetzt nicht mehr so gehen, jetzt wäre die Begrenzung bei 50 Personen. So dass wir am gleichen Tag auch die Absagen wieder losgeschickt haben."

Die Hygienebeauftragte der Stadt erwartet die Gäste

Ein paar Tage später wurde die Teilnehmerzahl abermals auf 20 und auf den engsten Familienkreis begrenzt. Nun kippte die Diskussion. Der daraufhin folgende Chatverlauf zwischen den Geschwistern könne gut als Romanvorlage dienen, sagt Helga Bruhns.

Bruhns: "Weil dann haben wir uns familiär darüber auseinander gesetzt, was denn der engste Familienkreis ist; gehören Enkelkinder dazu oder nicht? Und ich finde die Dramatik in diesem Fall war wirklich, mein Vater war ja Pastor und hat seinen Beruf mit viel Leidenschaft gelebt und viele Weggefährten im Laufe seines Lebens an seiner Seite gesammelt. Und viele Menschen hätten gerne Abschied von ihm genommen. Unter anderem auch die Enkelkinder, für die er eine wichtige Person war. Und das konnten wir nur ganz begrenzt realisieren." 

Mehrere Geschwister sprachen sich angesichts der Corona-Pandemie dafür aus, den verstorbenen Vater einäschern zu lassen und die Trauerfeier erst Monate später zu organisieren. Helga Bruhns, die Tochter, die vor knapp zwei Jahren ihren Partner verloren hat, war es dagegen wichtig, bei einer Erdbestattung zu bleiben.

Bruhns: "Ich bin selber Witwe und weiß, was es heißt, Abschied nehmen zu können. Und wie wichtig das ist, Abschied zu nehmen. Und insofern fand ich es wichtig, in jedem Fall für meine Mutter, das zu realisieren."

Zur Beisetzung wurden die Trauergäste am Friedhofseingang von der Hygienebeauftragten der Stadt erwartet. Alle mussten sich in eine Liste eintragen um sicherzustellen, dass auch wirklich nur Familienangehörige reingelassen wurden. Andere Personen seien weggeschickt worden.

Keine Orgelmusik, keine Liturgie

Obwohl hier ein früherer Pastor beigesetzt wurde und die Trauerfeier ganz ohne Orgelmusik und praktisch ohne Liturgie auskommen musste – es sein dennoch ein würdiger Abschied gewesen, findet Helga Bruhns. Ihr Cousin hielt direkt am Grab eine Predigt, ihr Bruder spielte Saxophon.

Bruhns: "Ich fand es schwierig, dass die Nähe, die meine Mutter in dem Moment gebraucht hätte, damit waren wir natürlich vorsichtig. Sie am Arm zu führen, das habe ich mich getraut. Aber hatte gleichzeitig das Gefühl, ist das jetzt richtig, dass ich das mache? Also, gerade in so einer Situation braucht man ja auch den Beistand durch die anderen Verwandten. Und das fand ich sehr schwierig. Jeder stand für sich allein, jeder hatte einen Mundschutz um. Also, es war schon auch ein bisschen eine skurrile Situation dort am Grab."

Drei bis fünf Meter Abstand hätten die Trauergäste am Grab gehalten. Einige Freunde aus dem Dorf seien dann doch noch auf den Friedhof gelangt und hätten in einem Abstand von etwa zehn Metern die Beisetzung verfolgt.

Nach der Beerdigung versammelte sich die Trauergemeinde zum Essen. Durch die mitgebrachten Schutzmasken und viel Händewaschen habe man versucht, die Ansteckungsgefahr zu senken.

Bruhns: "Das glaube ich, war wichtig. Nach der Trauerfeier auseinander zu gehen und die Witwe alleine zu lassen. Das hätte ich auch bei allem Risiko nicht geschafft."

"Ich weiß nicht, wie er damit jetzt umgehen würde"

Als Pastor sei ihr Vater immer Realist gewesen. Als solcher hätte er früher auch die Trauerfeier und die Situation angenommen. In den letzten Tagen vor seinem Tod habe der 94-Jährige das Voranschreiten der Pandemie in den Nachrichten verfolgt.

Bruhns: "Das hat ihm sicher auch Sorge gemacht, er war auch eher ein Mensch, der hysterisch auf solche Dinge reagiert als gelassen. Und ich denke, das hat ihn auch beunruhigt. Insofern war vielleicht auch der Zeitpunkt für ihn gar nicht schlecht gewählt. Ich weiß nicht, wie er damit jetzt umgehen würde."

Die Auseinandersetzungen mit den Geschwistern im Vorfeld der Trauerfeier sei wohl emotional belastender gewesen als die eigentliche Trauer, sagt Helga Bruhns. Doch der Abschied von ihrem Vater habe letztlich auch im Kleinen funktioniert, ihr Cousin habe bei der Predigt am Grab die richtigen Worte gefunden.

Bruhns: "Wir haben alle einen besonderen Tag erlebt. Das hätte ich während dieser Woche der Vorbereitung nicht erwartet, dass das doch noch so zu realisieren ist."

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