Montag, 22.07.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInformationen am Abend"Propaganda tötet"01.03.2015

Trauermarsch für Boris Nemzow"Propaganda tötet"

Eigentlich wollte die Opposition einen Antikrisenmarsch in Moskau abhalten. Nach der Ermordung eines Organisators, dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow, wurde es ein Trauermarsch. Und die Teilnehmer machten deutlich, wer für sie die Verantwortung für das Verbrechen trägt.

Von Bernd Großheim

Szene der Trauerkundgebung für den ermordeten Oppositionellen Boris Nemzow am 1. März 2015 in Moskau. Nemzow war am 28. Februar bei einem Attentat auf offener Straße erschossen worden. (AFP - Yuri Kadobnov )
Zehntausende Menschen nahmen in Moskau an dem Trauermarsch teil. (AFP - Yuri Kadobnov )
Weiterführende Information

Mord an Boris Nemzow - "Spur führt in den Machtapparat"
(Deutschlandfunk, Interview mit Bernd Posselt, 01.03.2015)

Mord an Nemzow - Eine Gesellschaft krank vor Hass
(Deutschlandfunk, Kommentar, 28.02.2015)

Russland - Weltweites Entsetzen über Mord an Nemzow
(Deutschlandfunk, Aktuell, 28.02.2015)

"Helden sterben nicht" stand auf dem Banner an der Spitze des Trauermarsches und: "Diese Kugeln treffen jeden von uns." Mehrere zehntausend Menschen zogen hinter diesen Losungen durch das Zentrum Moskaus, vorbei am Kreml zu der Brücke, auf der der Oppositionspolitiker Boris Nemzow am Freitag Abend erschossen wurde. Viele trugen Blumen in den Händen, viele waren nachdenklich. Artjom, ein junger Ingenieur.

"Es ist schrecklich. Nachdem ich von dem Mord erfahren habe, konnte ich die halbe Nacht nicht schlafen. Boris Nemzow hatte nie Hemmungen, seine Position offen zu vertreten. Aber hier marschierst du entweder im Gleichschritt, oder du liegst im Grab. Mir fehlen die Worte."

Ursprünglich hatte die Opposition heute einen Antikrisenmarsch durchführen wollen. Boris Nemzow hatte die Kundgebung mitorganisiert. Eine der Hauptforderungen sollte sein, die Aggression gegen die Ukraine zu beenden. Nemzow hatte Präsident Putin wiederholt vorgeworfen, einen Krieg gegen die Ukraine angefangen zu haben. Zuletzt hatte der 55-Jährige diese Vorwürfe wenige Stunden vor seinem Tod in einer Radiosendung wiederholt. Auf dem Trauermarsch heute war die Ukraine auch Thema.

Viele tragen russische Fahnen

Einige skandierten "Nein zum Krieg" und "In Kiew sitzen Brüder, die Junta sitzt im Kreml". Eine Gruppe forderte Freiheit für Nadjeschda Sawtschenko. Die ukrainische Pilotin und Parlamentsabgeordnete sitzt seit mehr als einem halben Jahr in Russland in Haft. Die russischen Behörden werfen ihr Beihilfe zum Mord vor. Die meisten Menschen gingen heute allerdings schweigend durch den Nieselregen. Auffallend viele trugen russische Fahnen. Boris Nemzow selbst hatte dazu aufgerufen, denn die Kremlkritiker werden in Russland oft als "Vaterlandsverräter" beschimpft. Auf einzelnen Plakaten war zu lesen: "Ich habe keine Angst" oder "Propaganda tötet". Die Tourismusmanagerin Irina Nabijewa trug ein Plakat mit der Aufschrift "Alle kann man nicht umbringen."

"Ich bin in einem Zustand, dass ich gar nicht weiß, was weiter wird. Boris Nemzow war ein herausragender Politiker. Ich hätte sehr gern, dass Menschen in seine Fußstapfen treten. Aber die Machthaber werden alles tun, um die Leute einzuschüchtern. "

45.000 Euro für Hinweise

Der Trauermarsch in Moskau fand unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Polizei hatte den Zugang zum Roten Platz abgesperrt, hielt sich aber im Hintergrund. Während des Marsches nahmen Sicherheitskräfte einige Vermummte fest. Außerdem wurde der ukrainische Abgeordnete Alexej Gontscharenko in Polizeigewahrsam genommen. Russische Medien berichten, gegen ihn solle im Zusammenhang mit dem Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa in der Südukraine im vergangenen Jahr ermittelt werden, bei dem viele Menschen starben.

Die russischen Behörden suchen unterdessen nach weiteren Zeugen des Mordes an Boris Nemzow. Für Hinweise haben sie eine Belohnung in Höhe von umgerechnet rund 45.000 Euro ausgesetzt. Die Ermittler gehen mehreren Versionen nach: Zuallererst könne es sich um eine Provokation handeln, die dazu diene, Russland zu destabilisieren. Außerdem werde eine islamistische Spur verfolgt, eine ukrainische und auch privat-geschäftliche, hieß es gestern von den Ermittlern. Auf dem Trauermarsch für den Ermordeten indes vermuteten viele eine ganz andere Spur. Jelena Michailowna, Rentnerin.

"Am Kreml wird doch jeder Zentimeter überwacht. Hinter dem Mord können nur russische Sicherheitskräfte stecken. Das ist zu 99 Prozent sicher."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk