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StartseiteEssay und DiskursDer Initiationstraum - Als die Ähren sich neigten (1/2)09.06.2019

TraumarbeitDer Initiationstraum - Als die Ähren sich neigten (1/2)

In einem zweiteiligen Essay untersucht Ursula Krechel Mythologie und Bedeutung von sogenannten Initiationsträumen: Nach einem Jahrhundert der Erforschung des Unbewussten ein panoramatischer Blick zurück in die Zeit, als Träume noch etwas bedeuteten.

Von Ursula Krechel

Getreide steht am Dienstag (23.07.2012) in Visselhövede (Kreis Rotenburg) vor der untergehenden Sonne auf einem Feld.  (dpa / Daniel Reinhardt)
Der Initiationstraum will gedeutet werden (dpa / Daniel Reinhardt)
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Der Träumer geht beim Traum in die Lehre und es drängt ihn, das Erfahrene, das Geschaute mitzuteilen, er offenbart sich träumend und durch seine Traumarbeit. Im 4. Buch Moses spricht Gott: "Hört, was ich sage! Wenn unter euch ein Prophet ist, so offenbare ich mich ihm durch Gesichter oder rede durch Träume mit ihm."

Es ist nicht verwunderlich, dass im Stichwortverzeichnis von Sigmund Freuds "Traumdeutung" das Wort "Initiationstraum" nicht vorkommt, und doch hätte es weitsichtig, weiträumig genau zwischen "Infantil" und "Inkohärenz des Traumes" gepasst.

Beide Begriffe sind Schamwörter, also um die Wende zum 20. Jahrhundert, als Freud "Die Traumdeutung" veröffentlichte, absolut innovative Begriffe. Was sie zu fassen suchen, hat noch keinen Namen, ist peripher, fragmentarisch und bedarf deshalb der Bearbeitung.

(Produktion Deutschlandfunk 2006, Teil 2 am 10.6.2019)

Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Sie lebt in Berlin. Erste Lyrikveröffentlichungen 1977, danach Gedichtbände, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Vielfache Auszeichnungen für ihr Werk, zuletzt wurde Ursula Krechel 2012 für ihren Roman "Landgericht" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.


Mutterseelenallein - Traum und Initiation

Als eine kleine Schülerin hatte ich einen Traum, der mich heimsuchte und quälte, eben weil ich ihn häufig träumte. Ich war allein auf einer abgeernteten Fläche der Hochebene, wie ich sie von Wanderungen in der Eifel kannte. Man fuhr nur ein paar Straßenwindungen aus dem lebhaften und weinseligen Tal der Mosel auf die Anhöhe und immer war ich verstört vom vollkommenen Wechsel der Landschaft, des Lichtes, ich fühlte mich dem Tal mit seiner römischen Vergangenheit zugehörig, aber meine Eltern waren beide Kinder der entbehrungsreichen Hochebene, der Felder, und alle Spaziergänge führten eher auf die Höhe als an den Weinbergen entlang. Die Weinberge, das war Ferien-, Stromer-, Freiheitsgebiet, Bruchsteinmäuerchen und der betörende herbstliche Gärungsgeruch in den Dörfern, der eigentlich für ein Kind verboten sein müsste, aber wir saugten ihn ein, auch die Erwachsenen wurden heiterer und schwatzhafter, wir wussten sehr gut, warum das so war. Ich habe zugehört und es schien so, als wäre ich nur ein Kind gewesen, das nicht ins Bett gehen wollte, aber in Wirklichkeit war ich ein Schwamm, ein Schwamm, der aufsaugte, der sich tränkte, und es war meine Sache, was mit dem Aufgesaugten geschah. Man hätte den Eindruck des Gehörten am Morgen auslöschen können, aber das geschah nicht, die Erwachsenen waren mit sich selbst beschäftigt, vielleicht hieß das Phänomen nur Kater, unerwartete Begegnung mit allzu viel kellerkühlem Riesling, denn ein Onkel hatte ein nach dem Krieg verwaistes Weingut übernommen. Das sind die Realien eines träumenden Kindes Mitte der fünfziger Jahre, das sind die Koordinaten eines Initiationstraumes.

Ich träumte vielfach, mehrfach, dass ich über ein abgeerntetes Feld auf der Hochfläche lief mit dünnen Sohlen, unter denen die Halme stachelten. Ein Paar kam auf mich zu, das sehr freundlich, überfreundlich war, verführerisch freundlich. Sie sprachen mich an, sie hielten mich fest, sie erklärten mir, dass es für mich in meinem weiteren Leben ganz unbedingt entscheidend sei, dass ich geimpft werde. Ich zeigte meine Angst, ich war ja schon gegen Kinderlähmung und Tetanus und dies und das geimpft, je mehr die beiden redeten, um so mehr war ich zum Weglaufen entschlossen. Sie holten schon die Spritze aus einem Beutel, und ich musste alle Kraft, alle Kaltblütigkeit aufbringen, weglaufen zu können. Ich wachte immer auf, vor mir die lächelnden, fremden Leute, die die Spritze zückten, das einverständige Paar aus Mann und Frau, und alle meine Traumenergie rettete sich in den bildlichen, physischen Akt: nicht geimpft zu werden.

Vielleicht wachte ich in der Nacht auf und weinte, vielleicht sagte ich meiner Mutter, was ich geträumt hatte, und dass ich immer wieder "schlecht" träumte, und meine Mutter tat, was sie immer tat, sie schob dieses Kind dem Vater zu. Und nun folgte ein ganz anderer Akt, nicht mehr ein verschlafenes, aufgeregtes, aufgewecktes Kind, das man auf den Schoß hätte nehmen und wieder mit Sanftmut und Ruhe zum Schlafen hätte bringen können, nun war ich "überwiesen". Die Mutter hatte mich wie aus einer Allgemeinpraxis an den Fachmann überwiesen, meiner Mutter fiel zu meinem peinigenden Traum nichts ein, mein Vater war Kinderpsychologe und ihm sollte doch etwas einfallen, zumindest ein Trost, wenn schon keine Deutung.

Also berichtete ich den Traum ein zweites Mal und ich tat es stehend, vielleicht hatte er nun einige andere Wendungen als in der spontanen Äußerung bei der Mutter, vielleicht dauerte meine Erzählung länger. Vielleicht stotterte ich, was mich quälte, was den Psychologenvater quälte, er hatte ein behandlungsbedürftiges Kind, ein Kind, das litt, dessen Leiden sich nicht besserte, vermutlich litt er daran, ein solches Kind zu haben, aber er musste das Leiden verstecken, vor sich selbst, vor dem Kind, vor Zeugen, er musste sich gegen das Mitleid mit dem Kind wappnen, impfen, all das weiß ich jetzt, etwa 50 Jahre, nachdem ich den Traum geträumt habe, den ich einen Initiationstraum nannte. Aber ich erinnere mich an keine Reaktion meines Vaters, ich war mit dem Traum allein, mutterseelenallein. Ich erinnere mich nur, mein Vater schaute sehr ernsthaft, war sehr schweigsam wie immer, vielleicht hatte er eine Deutung meines Traumes im Sinn für sich, aber nicht für mich, eine Deutung, die vielleicht meine Fassungskraft überstieg, und ich blieb mit der Angst vor der Injektion bei mir, ich war die Angst, und die Angst war real.

Das Weglaufen: Eine Möglichkeit, sich der Einwirkung, die als Übergriff empfunden wurde, zu entziehen. Das Weglaufen: eine Rettung. Das Weglaufen des Kindes ist auch eine Art von Emigration. Es tut ihm nicht gut, bei diesen Elternfiguren zu sein, und das Kind weiß es. Erwachsen sein, lebens- und schreibfähig sein, heißt auch zu wissen: Das Weglaufen ist keine Lösung, man nimmt das, wovor man flieht, wie ein Gepäck mit. In einer psychoanalytischen Kategorie könnte man von einer Projektion sprechen.

Reifefeier und Zeit des Übergangs

Der Traum als ein Initiationstraum des Person-Werdens ist mir auch deshalb so überaus deutlich in Erinnerung geblieben, weil ich einige Jahre später die Klassenaufgabe bekam, in einem Aufsatz einen Traum zu schildern. Ich tat nicht, was vermutlich erwartet war, einen gestern oder vorgestern geträumten Traum zu erinnern, ich erinnerte mich an die Traumserie des kleinen Mädchens, und eben diesen Schulaufsatz hatte ich aufgehoben, aus welchen Gründen immer, sodass mir jetzt drei Stufen zur Verfügung stehen. Die Erinnerung an die Traumfolge der 6‑, 7jährigen, ihr Aufwachen, ihre Panik und Hilflosigkeit, der die Eltern nicht gewachsen waren. Die eifrige Sorgfalt der 10-, 11jährigen, einen vergangenen Traum "schön wiederzugeben, sorgfältig ins Aufsatzheft zu übertragen" und den Wunsch der gegenwärtigen Person, zu einem Thema. das sie sich gewählt hat, ein wenig von der eigenen Motivation zu dieser Wahl beizutragen, das kleine Kind und das vorpubertäre Mädchen, die genuinen Träger meiner Erinnerung, zu stützen. Ich verstand diesen Kindertraum als eine Initiation einer, die die Gnade der späten Geburt nicht annahm, einer, die sich nicht "impfen" lassen durfte, die das Einverständnis der Erwachsenen, getäuscht, verführt worden zu sein, das Einverständnis einer Gemeinschaft der Dummgemachten, über die Hitler wie ein Dämon gekommen sein sollte, nicht akzeptieren konnte. Gehörst du zu uns, zu unserer Ideologie, den versprengten, aber vitalen Resten einer Vorstellung von Volksgemeinschaft, von Blut und Boden auf einer Hochebene, bist du "geimpft", dann hast du Eltern, dann bist du aufgehoben in einer großen, dumpfen, verdummten Familie. Die Menschenverachtung der nationalsozialistischen Diktatur lebte weiter in einer Diktatur der Frauenunterdrückung, der autoritären Kindererziehung, ein dünner Firnis von christlichen Idealen deckte die Orientierungslosigkeit der angeblich Verführten zu. Die Kraft liegt im Weglaufen, im Nichtzuhören, in der Angst vor Verführung durch einschüchterndes Reden.

Initiation [lat. Einweihung]. Ein Volkslexikon, der "Große Knaur", bietet folgende Definition an:

"Reifefeier, bei vielen Naturvölkern die feierliche Aufnahme von Jünglingen und Mädchen in den Stand der Erwachsenen. Die Initiation besteht oft aus Zeremonien, die Tod und Wiedergeburt symbolisieren, in Prüfungen, Mutproben,→ Ausschneidung, →Beschneidung. Der Initiation voraus geht meist eine Zeit der Unterweisung (Buschschule) in Religion, Überlieferungen, Praktiken des Zusammenlebens, Vorbereitung auf die Ehe. Bei Initiationsriten werden von vielen Stämmen Masken oder Figuren verwendet. Auch → Geheimbünde, →, Handwerk und Freimaurerei kennen Initiationsriten."

Man könnte mit weniger ethnographischem Aufwand die Initiation als eine Zeit des Übergangs, eine Zeit der persönlichen oder historischen Wende bezeichnen, etwas Neues, Unbekanntes beginnt, ein Lebensalter, eine Stufe, eine soziale Situation muss unverhofft unter anderen Bedingungen gedeutet werden. Und dies geschieht auch. Die Sterne werden zurate gezogen, Handleser treten auf, ekstatische Praktiken, Tanz und Musik begleiten den Initiationsvorgang. In manchen Kulturen spielen Kasteiungen, die innere Bilder erzeugen, eine Rolle, Fasten und Beten, Tänze bis zur Erschöpfung. All dies bewirkt jene Vereinzelung, die den Initianden in seine eigene Wahrnehmung, auch in die Grenzen der Wahrnehmung, verweist und die gleichzeitig kollektive Sinnes- und Denkerfahrungen wachruft. Träume während der Initiation oder Träume als Zeichen der Initiation spielen in allen Kulturen eine hervorragende Rolle. Jedes Zeichen kann in dieser exemplarischen Übergangszeit von Bedeutung sein. Der Traum, der in archaischen Gesellschaften als ein Sinnstifter, ein Wegweiser angesehen wurde, schafft einen Distanzraum zwischen der gewöhnlichen Lebenserfahrung und der in der Initiation erhofften Bestimmung.

Der Initiationstraum will gedeutet werden, ja, er bietet sich förmlich einer Deutung dar. Er ordnet die Welt auf eine sinnfällige, befriedigende Weise. Auch deshalb wird er im Gedächtnis behalten, weit über den Tag hinaus. Der Initiationstraum ist nie "wirr", unklar, undeutliche Träume werden nicht als lebensgeschichtlich bedeutsam begriffen. Ebenso fehlt ihm alles, was den Traum mit den großen Traumzeiten der ästhetischen Entwickung verbindet, mit der Romantik und dem Surrealismus, es fehlt ihm das Fragmentarische, die sprunghafte Erzählweise, das Geschnittene, fast Filmische der Wahrnehmung. Der Initiationstraum ist eine geschlossene Form, eine vormoderne Form, auch deshalb wird er leicht im Gedächtnis behalten. Vom Besonderen der Lebenssituation, in der er geträumt wird, bewegt sich der Initiationstraum auf das Allgemeine zu, eben das macht es aus, dass der Träumer ihn sich nicht nur merkt, sondern auch Schlüsse zieht.

Joseph und seine Brüder - Klassische Initiaden

Im Alten Testament gibt es einen herausragenden Träumer, es ist Joseph, ein Viehhirte, der Sohn des Israel. Er ist der spät gezeugte Lieblingssohn des Vaters, den seine eifersüchtigen Brüder "Träumer" schimpfen, in eine Zisterne werfen und für 20 Silberlinge nach Ägypten verkaufen. Bei Pharao bewährt er sich als Berater und Traumdeuter, in der Tradition gilt er als ein Patriarch, der sich durch Gottvertrauen, Sittenstrenge und Edelmut auszeichnet. In einigen Interpretationen christlicher Theologen wird er als Vorläufer Jesu bezeichnet. Der 17jährige Joseph träumt, so sagt es die Genesis, er ist im Alter eines klassischen Initianden:

"Jissrael aber liebte Jossef über alle seine Söhne,
denn ein Sohn des Alters war er ihm,
und machte ihm einen bunten Leibrock.
Seine Brüder sahn, daß ihn ihr Vater über all seine Brüder liebte,
da haßten sie ihn,
und sie vermochten nicht, friedsam mit ihm zu reden.
Jossef träumte einen Traum und erzählte ihn seinen Brüdern,
seitdem haßten sie ihn noch mehr.
Er sprach zu ihnen:
'Hört doch diesen Traum, den ich träumte.
So wars:
Wir banden Garbenbündel inmitten des Felds,
da, auf richtete sich meine Garbe und stand auch schon,
und denkt, rings um sie traten eure Garben und neigten sich meiner Garbe.'
Seine Brüder sprachen zu ihm:
'König wärst du wohl gern, bei uns, du König?
oder Walter du, über uns Walter?'
Und seitdem haßten sie ihn noch mehr, für seine Träume, für seine Reden.

Er aber träumte wieder, einen anderen Traum, und erzählte ihn seinen Brüdern.
Er sprach:
'Denkt, noch einen Traum habe ich geträumt.
So wars:
Die Sonne und der Mond und elf Sterne neigten sich mir.'
Er erzählte es seinem Vater und seinen Brüdern,
da schalt sein Vater ihn und sprach zu ihm:
'Was ist das für ein Traum, den du geträumt hast?
Kommen sollen wir, deine Mutter, deine Brüder kommen, uns vor dir zur Erde zu neigen?'
Seither neideten ihn seine Brüder.
Aber sein Vater bewahrte das Wort."

Joseph und seine Brüder: ein Menschheitsthema von Eifersucht und Neid. Jemand stellt den Anspruch, erwählt zu sein, mehr zu gelten als die anderen. So wird sein bildliches Reden gleich verstanden, und die Bilder sind klar, sinnfällig. Nicht er erhebt sich, die Gegenstände, die Ähren neigen sich vor ihm, in einer Art Huldigung. In der schlanken Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig wird besonders das Gestische des Vorgangs herausgearbeitet. Bei Goethe, in "Dichtung und Wahrheit" gibt es eine Stelle, die vom Potenzial des biblischen Joseph handelt: "Höchst liebenswürdig ist diese natürliche Geschichte [i.e. die Josephslegende]; nur erscheint sie zu kurz, und man fühlt sich versucht, sie in allen Einzelheiten auszuführen." Bekanntlich hat Thomas Mann in seinem vierteiligen Romanzyklus die Einzelheiten, derer der biblische Leser nicht bedarf, hinzugefügt und fiktionalisiert. Thomas Mann lässt seine Josephs-Gestalt in "träumerischer Ungenauigkeit" sich als Urenkel des Stammvaters Abraham imaginieren, obwohl sicher 20 Generationen zwischen ihm und Joseph liegen. Die träumerische Ungenauigkeit ist das genaue Gegenteil des situierten Traumes, des Traumes, der etwas bewegt. Das Träumerische verhält sich zum Traum wie ein Schlafwandler zum Marathonläufer.

Bei dem Volksstamm der westafrikanischen Fang werden junge Männer einer Reihe von peinigenden Prüfungen unterworfen. Sie werden mit dem Tode bedroht, sie müssen sich den schmerzhaften Bissen von Ameisen aussetzen und andere Qualen erdulden. Eine Ziege wird getötet und zerstückelt. Später werden sie "zum Tode abgeführt". Das heißt sie werden in entlegene Buschhütten gebracht, wo sie einen Monat bleiben. All dies sind symbolhafte Handlungen einer versuchten Vereinzelung, eines "Stirb und Werde", einer Wiedergeburt, die auf Abtötung und Erneuerung des ganzen Wesens zielt. Ein schmerzhafter Prozess. Etwas von diesen magischen Praktiken scheint in dem Kindertraum aufgehoben. Die Absonderung auf der Hochebene, der Kontakt mit dem Fremden, Angst Einflößenden, die "Vernunft" des Arrangements, die Generation der Impfenden wird ebenso geträumt haben, wie "vernünftig", "wichtig" es für ihre Zukunft wäre, der NSDAP beizutreten, in welchen Bildern immer diese Tagesrealität verborgen blieb. Und auf der anderen Seite erlebte das träumende Kind etwas Entgegengesetztes: die Gewissheit, etwas Ureigenes im Traum empfangen zu haben.

Ein anderer Traum: Peter Weiss' Abschied von den Eltern

"In den Nächten, in meinem Zimmer, an den Sonntagen, entstanden Bilder, Zeichnungen, Gedichte, verborgene Äußerungen eines Unbekannten, Verleugneten. In der Tiefe dieser totalen Isoliertheit gab es eine stille Überlegung, aus der heraus ich mir jeden Monat Geld für die Zukunft zurücklegte. Im Spätsommer des zweiten Jahres begann mit einem heftigen Stoß der Aufbruch. Ich war nach der Arbeit in die Wälder gegangen. Das Summen der Mücken war wie ein heller Glockenton. Im trockenen Laub raschelte es von Käfern und Spinnen. Am Ufer eines Bergsees ließ ich mich nieder. Ich schlief ein mit dem Wunsch, nicht mehr aufzuwachen. Es träumte mir von meinem Weg durch diesen Wald. Da war die alte Furcht vor der Verlorenheit im Wald, vor dem Tod im Moos, zwischen den Farnkräutern, im tiefen Schweigen. Auf einem schmalen Pfad begegnete mir ein Mann in Jägerkleidung, eine Jagdtasche und eine Flinte über der Schulter. Er ging an mir vorüber, es war mir, als wäre ich ihm früher einmal begegnet, vor langer Zeit. Dann wanderte ich eine Landstraße entlang. Die Landstraße führte mich durch ein unermeßlich weites und verworrenes Leben. Wieder kam mir der Jäger entgegen, er ging gerade auf mich zu und ich mußte zur Seite treten, um ihn vorbei zu lassen. Flüchtig hob er die Hand zum Gruß. Ich kam an einen See und ließ mich hinaus ins Wasser treiben, und draußen, in der Helligkeit aufgelöster Reflexe, tauchte der Jäger wieder vor mir auf, ich erkannte ihn und erwachte. Auf einer Ferienreise vor vielen Jahren als Kind war er mir in einem Wald begegnet. Da war der harzige Geruch frischgefällter Tannen, und zwischen meinen Fingern drehte ich eine kleine runde Holzscheibe, die aus dem Astansatz eines zersägten Stammes gefallen war. Der Jäger erschien und fragte mich nach meinem Namen. Ich nannte ihn. Er sagte, so heiße ich auch. Eindringlich fragte er mich, wo ich wohne. Ich nannte den Namen der Stadt. Er sagte, da wohne ich auch. Er fragte mich nach der Straße, ich nannte sie ihm, und er sagte, in dieser Straße wohne ich auch. Er fragte mich nach der Hausnummer, ich nannte sie ihm, und er sagte, so wohnen wir im gleichen Haus. Er ging weiter und ließ mich in namenlosem Erstaunen zurück. Unter der Mahnung des Traums sprang ich auf. Ich konnte den Traum nicht deuten, fühlte nur, daß eine Wandlung eingetreten war, daß neue Kräfte mein Leben beherrschten. Ich sah meine Stufen im Ufersand des Sees. Einen Augenblick lang füllte mich die Vision dieser Spuren, die mich von meiner Geburt an bis zu diesem Platz geführt hatten. In einem einzigen Augenblick sah ich das dunkle Muster dieser Spuren. Ich erkannte es und vergaß es gleich wieder, und im Schrecken über meine Vergangenheit lief ich in das Gebüsch hinauf, Vögel flatterten aus den Bäumen, der Himmel färbte sich blutrot von der sinkenden Sonne. Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit vor den Eltern. Die Räder der Eisenbahn dröhnten unter mir mit unaufhörlichen Kesselschlägen, und die Gewalten des Vorwärtsfliegens schrien und sangen in beschwörerischem Chor. Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben."

Dieser wunderbare Traumtext steht am Ende der Erzählung "Abschied von den Eltern" von Peter Weiss und wurde 1961 veröffentlicht. Er führt ins Leben und dies ist eine gelingende Aufgabe wie in einer archaischen Initiation. Die Aufgabe, zu der er den Träumer hinführt, ist schwierig genug. Künstler zu werden, dies ist ja etwas anderes als seine Talente zusammenzuraffen und etwas aufs Papier zu bringen. Es geht um eine künstlerische Wahrheit, um die Glaubwürdigkeit dessen, was auf dem Papier, auf der Leinwand geschieht, um das zwingend Notwendige, nicht um das Machbare, Fabrizierbare in Essig und Öl und Druckerschwärze.

Etwas Exemplarisches im 20. Jahrhundert hat der träumende Ich-Erzähler in dieser strengen und traurigen Erzählung, hat Peter Weiss hinter sich: Er hat sein Land verloren, er ist in eine andere Sprache getaucht, manches erinnert an Früheres. Und er muss sich damit auseinandersetzen, dass ein Zufall, ein Glück ihn in die Emigration geführt hat - unter welchen Bedingungen immer - , ins Offene, in einen unbeschriebenen Raum, während andere, die er kannte, denen er nah war, Verfolgung und Tod gefunden haben. Sind sie Opfer des mythischen Jägers geworden, der immer wieder kommt? (Oder ist der Jäger eine "einfache Form" für das, was unaussprechbar geworden ist nach Auschwitz, zumindest für einen jungen jüdischen Mann am Anfang der sechziger Jahre? Der Träumer muss sich mit seiner Überlebensfähigkeit und dem Staunen auseinandersetzen, "Schmach des Weiterlebens", nennt Imre Kertész diesen fragilen Zustand, der mit einer dauernden, in die Zukunft reichenden Lebensgefahr verbunden ist. Es ist eben der, das Geschenk, überlebt zu haben, nicht annehmen zu können, es zurückzuweisen. Um den Preis der Schuldgefühle, um den Preis einer entsetzlichen Einsamkeit im schwedischen Exil, um den Preis der "Unzugehörigkeit" kann Peter Weiss nur Künstler werden. Er muss einen ihm selbst fremden Gegenstand aus sich heraustreiben, er weiß nicht, wer das ist, der den Text schreibt, den er schreiben muss. Der Jäger könnte ihn schreiben, er könnte, indem er seine Arbeit macht, die ihm aufgetragen ist, selbst zum Jäger werden. Seine Geschichte hat ihn auf die Seite der Opfer gestellt, auf die Seite des gejagten Wilds, ihm ist Mitleid gewiss und Hilfe wird ihm in bescheidenem Maße zuteil.

Die Einbürgerung des Künstlers, des Schriftstellers ist ein Akt, der Angst macht, es gibt nicht den lexikalischen Olymp derer, die es geschafft haben, man sieht in der Initiation zum Künstler immer nur den nächsten Schritt, man sieht nicht die Zukunft oder sich selbst als eine gelingende, nicht gescheiterte Figur. Alles andere wäre eine eitle Attitüde. Aber er sieht auch die Spuren, die zurückführen, die Spuren, in denen er selbst gegangen ist, die Spuren, die sich plötzlich und abrupt getrennt haben, weil einer auf die Spur der Verfolger geriet und ein anderer, seiner Herkunft, seiner Vorstellungswelt wegen auf die Spur der Verfolgten.

Zurück zum Traum am Ende des "Abschieds von den Eltern". Der Träumer wird in dieser Begegnung in die Enge getrieben, der Jäger, eine der Romantik, dem deutschen Volkslied verpflichtete Gestalt, rückt dem Erzähler immer näher, lässt ihm keinen Raum, wird er selbst. Insgeheim könnte man von einem Subtext sprechen in diesem Traum, es ist der Satz von Rimbaud : Ich ist ein anderer. Oder hier in der Variation: Der unheimliche fremde Jäger, der, den ich nicht kenne, der aber alles über mich weiß, das bin ich. Oder: Ich bin der, vor dem ich ausweiche.

Aus dem zögerlichen, vielfach traumatisierten jungen Menschen, der nicht weiß, für welche Kunstform er sich entscheiden soll, der in Schweden leben möchte, aber in seiner Muttersprache, der Sprache der Mörder, wie Celan die deutsche Sprache nannte, schreibt, der auf westdeutsche Veröffentlichungsmöglichkeiten angewiesen ist, doch aus seiner Sympathie, seinem Pathos für eine sozialistische Gesellschaft kein Hehl macht, ist ein rastlos tätiger Schriftsteller geworden, der in seiner späteren Arbeit davon absieht, was ihn zum Schriftsteller gemacht hat. Man könnte ihn als jemanden bezeichnen, der dem Initiationstraum vom Jäger den Rücken gekehrt hat. Oder ist der Jäger, der alles von ihm weiß, bei ihm in all seinem Handeln, Forschen und Auftreten?

In den nachgelassenen Notizbüchern von Peter Weiss fand sich ein Manuskript, ein Tagebuch einer Rekonvaleszenz, das in manchen Besorgnissen und Nöten, aber auch in Redefiguren zu den subjektiven Anfängen zurückfindet. Peter Weiss hatte mehrfach eine Publikation der Texte erwogen, doch sein Tod im Jahr 1982 machte diesen Plan zunichte.

"12. August 1970

[…] Es muß in einer Kaschemme, einem Bordell gewesen sein, denn meine Partnerin hatte noch einen Kunden abzufertigen, ehe unsere Beziehung begann. Was ist denn dies für ein Gesicht, was für eine elementare Nähe ist dies, in der nach keinen Namen gefragt wird. Sie, die sich schon von mir entfernte, hatte meinem Vorgänger, einem Passanten, den ich nirgends wiedererkennen würde, eins meiner Bücher zu lesen gegeben, sie jedenfalls mußte mich sehr wohl kennen, denn das Buch trug den Titel die Ermittlung, und damit saß der Fremde, auf der Straße, in der Nähe eines Bahnübergangs, im spärlichen Lampenlicht, ganz der Lektüre hingegeben, und ich fragte mich nach der Bedeutung des Bildes, zeigt es mir, daß meine Tätigkeit nicht vergeblich war, oder ist es Ausdruck des Wunsches, noch etwas klarzustellen, ja, etwas muß unbedingt klargestellt, unbedingt ermittelt werden, und dieser Wunsch war es, der mir die Tränen in die Augen trieb."

Jemand liest, der Schreiber und Träumer ist nicht ganz hoffnungslos über die Wirkung seiner lebenslänglichen Ermittlung, aber das Wissen um das Unerträgliche ist auch ein lebenslänglicher Kampf um das mögliche Wissen, um die Weitergabe und Verarbeitung des Wissens. Es ist ein Traum von einer unendlichen Arbeit, und darin ist nicht deutlich, was die Tränenflut auslöst: dass es eine menschlich angemessene Teilnahme an dieser Arbeit gibt - und sei es im Bordell -, oder ist es die leise Erkenntnis, das nur mühsam zu verbreitende Wissen über die menschlichen Abgründe befinde sich in der Nähe des Bordells, unter randständigen, aber nah gerückten Menschen, im Schmuddel, nicht auf den Höhen des Kulturbetriebs. Die "Partnerin", wie sie trostreich und vornehm zugleich genannt wird, die Prostituierte, gibt Wissen weiter, ist im Wissenskreis ihrer Kunden, Partner. Das Bordell wird erhöht, wie das zu ermittelnde Wissen das Theater außenseiterisch gemacht hat. Für den schönen Schein ist in diesem Traum kein Raum, vielleicht für ein wenig Dankbarkeit oder Hoffnung auf den einsamen gründlichen Leser unter der Lampe.

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