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StartseiteSprechstundeTraumatisierung nach sexueller Gewalt24.08.2010

Traumatisierung nach sexueller Gewalt

O-Ton-Collage einer Betroffenen

Opfer von sexueller Gewalt leiden oftmals unter starker anschließender Traumatisierung. Nicht selten schämen sich die Betroffenen, sich professionelle Hilfe zu suchen - zu Unrecht.

Von Martin Winkelheide

Nicht selten zeigen Opfer sexueller Übergriffe starke Rückzugstendenzen.  (AP-Archiv)
Nicht selten zeigen Opfer sexueller Übergriffe starke Rückzugstendenzen. (AP-Archiv)

"Mein Name ist Susanne, ich bin 42 Jahre alt. Die ersten Symptome hatte ich so mit 18 Jahren, dass ich alleine psychisch nicht mehr zurecht kam, und habe seitdem viele Therapien gemacht bei verschiedenen Leuten, war auch insgesamt drei Mal in der Klinik und hatte Teilerfolge, aber da blieb halt immer ein Rest. Ich wurde ab meinem fünften bis zum neunten Lebensjahr regelmäßig von meinem Großvater missbraucht, sexuell missbraucht. Und später mit siebzehneinhalb Jahren hatte ich mich in einen deutlich älteren Mann verliebt und dachte auch, das wäre der erste Mann in meinem Leben. Der hat mich auch vergewaltigt, mit meinem Leben bedroht mit einer Waffe und mich geknebelt und gefesselt und vergewaltigt. Und danach habe ich von Partnerschaften erst einmal die Hände gelassen."

"Also mein Spruch war immer: Ich glaube, ich raste jetzt aus, und dann weiß ich gar nicht mehr, was passiert. Mein Bild war immer: Ich habe einen Topf voller Mist, die ganze Biographie und alles, was mir Schlimmes passiert ist, und da halte ich mein Leben lang die Hände drauf, und dieser Deckel, da klopft es drunter und da brodelt es. Und ich brauchte immer mehr Kraft um diesen Deckel auf dem Topf zu halten. Und wenn dann noch irgendwas dazu kommt, da hat man halt Angst, der Deckel fliegt weg, und was ist dann?"

Gibt es denn heute Situationen, wo Sie Angst haben, dass der Deckel aufgeht?

"Nein, ich bin selbst ganz erstaunt, das zu sagen. Nein, ich wüsste nicht, dass es noch einen Topf mit Mist gibt, und den ich festhalten müsste. Ich sag mal, dass, was da drin ist, das müffelt ein bisschen, aber ansonsten ist es okay. Das darf da stehen bleiben. Weggehen wird es nicht. Verschwinden wird es nicht, aber das Entscheidende ist: Wie gehe ich damit um? Und ist es so bedrohlich, wie es mit immer vorgekommen ist? Oder ist es einfach ein Teil von mir und der ist nicht schön, aber der ist nun Mal da, aber der muss mich nicht mehr belasten.

Die Therapie ist jetzt gerade im Moment beendet, und die ist so kompakt, da passiert so viel. Im Moment denke ich nur: Huch, ich habe es geschafft, und ich glaube, das ist gut. Aber mehr kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen. Aber ich bin positiv optimistisch.

Mein Ziel ist es, eine Partnerschaft zu haben, keine Frage, aber ich denke, dass ich noch nicht ganz so weit bin. Und vielleicht hat der Mann ja dann Kinder. Das wäre schön.

Ich habe bisher nicht gelebt, in dem Sinne, dass ich mein Leben gestaltet habe. Ich habe eigentlich nur überlebt. Ich war immer zwischen Depression und Suizidalität und Selbstverletzung, ich habe immer nur versucht, Katastrophen einigermaßen abzufangen. Jetzt ist halt die große Aufgabe, das Leben zu gestalten. Auch das ist ein Schritt, vor dem ich ein bisschen Angst habe, weil ich da völlig unerfahren bin. Ich muss erst einmal lernen, was schön ist und was ich will. Das weiß ich ja noch gar nicht.

Ich kann jeden, der therapiemüde ist, der die Hoffnung verloren hat – jetzt in diesem speziellen Krankheitsbild: Borderline mit Missbrauch und Selbstverletzung und Suizidgedanken – wirklich nur empfehlen, einfach diesen Schritt noch einmal zu gehen. Ich hatte nichts zu verlieren, und ich hab es gemacht, und ich bin sehr, sehr belohnt worden dafür. Face the enemy! Und los geht es."

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